07. August 2013, 11:08 Uhr

FKK geht auch beim Wandern

Nidda (sax). »Seid Ihr ausgeraubt worden?«, scherzt ein Spaziergänger im Wald bei Eichelsdorf. Doch die Rucksäcke, mit denen die ansonsten splitternackten Wanderer bekleidet sind, sprechen gegen diese Theorie. Die insgesamt rund zwei Dutzend Teilnehmer haben sich zu einer Nacktwanderung verabredet.
07. August 2013, 11:08 Uhr
Bis auf die fehlende Kleidung: eine ganz normale Wandergruppe bei Eichelsdorf. (Fotos: Potengowski)

Aus ganz Deutschland kommen sie am Sonntag in die Wetterau, um ihrem Hobby nachzugehen. Provozieren wollen die FKK’ler nicht, nur in Geselligkeit wandern und die Natur möglichst intensiv erleben.

Horst Kehm hat dieses Hobby vor über zehn Jahren für sich entdeckt. Anfangs seien die Reaktionen von Passanten und Wanderern, denen er zufällig begegnete, teilweise extrem ablehnend gewesen. Inzwischen habe sich das normalisiert. Bei einer Wanderung sei die Gruppe zwar nach längerer mühsamer Suche von einer Polizeistreife aufgesucht worden. Diese hätte aber nur darum gebeten, Wanderungen anzukündigen, damit man es sich sparen könne, auf Meldungen besorgter Spaziergänger zu reagieren.

Diese bleiben in der Regel jedoch schon deshalb aus, weil die Nacktwanderer weniger benutzte Wege bevorzugen. »Uns wird oft vorgeworfen, wir wollen uns zeigen«, erklärt Rainer aus Weinheim und betont, dass er keine exhibitionistische Ader habe. Auch Horst aus dem Sauerland erklärt, dass er mit seiner Nacktheit nicht provozieren möchte. Deshalb entkleidet sich die Gruppe erst am Waldrand.

Unbekleidet ins Museum

»Man kann eigentlich alles nackt machen, es kommt nur darauf an, dass es nicht anstößig ist«, findet Horst. Er berichtet von nackten Museumsbesuchen und Nacktpartys, die seine Frau organisiert. Mit Partnertausch oder anderen Dingen, für die der Begriff FKK von Sexclubs missbraucht werde, habe das nichts zu tun, unterstreicht er. Bei dieser Form der nackten Geselligkeit sei die Sexualität außen vor.

Am Nacktwandern schätze er das besondere Naturerlebnis. »Du merkst sofort jedes kühle Lüftchen.« Auch Humbert aus Weiterstadt erläutert: »Es ist ein Unterschied, ob Du mit Shorts läufst oder nackt.« Es gebe dafür auch esoterisch angehauchte Erklärungen von unterbrochenen Energieströmen. Diese teile er aber nicht.

Auch Michael aus Kirchhain liebt es, die Natur am Körper zu spüren. »Wir haben uns von der Natur entfernt«, meint er. Deshalb lebe er einen großen Teil seines Lebens nackt. »Was ich noch nicht gemacht habe, ist nackt einkaufen«, nennt er eine der wenigen Tätigkeiten, die er bekleidet ausübt.

Sogar Schnee habe er im Winter schon nackt geräumt. »Der Körper kann viel aushalten«, hat er beobachtet. Durch den Willen könne man auch Kältegefühl kontrollieren. Seine Leidenschaft für die Nacktheit hat ihm auch schon Unannehmlichkeiten eingetragen. »Mich hat schon einmal die Polizei angehalten, da bin ich nackt Auto gefahren.« Eine Handhabe für eine Anzeige habe es jedoch nicht gegeben.

»Mit Nacktheit wird hierzulande sehr viel Geld verdient«, bemüht sich Humbert um eine Erklärung für die mangelnde Toleranz gegenüber Nackten. »Deshalb hat man ein Interesse daran, das zu kriminalisieren.« Wenn an Nacktheit nichts Spannendes mehr sei, breche ein ganzer Wirtschaftszweig zusammen.

Mit Nacktbaden fing’s an

Viele Teilnehmer erinnern sich bei den Anfängen ihrer Leidenschaft für das Nacktsein an eher zufällige Badeausflüge. »Ich war damals in einem Judoverein«, berichtet Rainer. Im Sommer habe man im Freien am See trainiert. Als die älteren Vereinskameraden nackt zum Schwimmen in den See sprangen, habe er als Zwölfjähriger erst mal abgewartet, sei dann aber doch mitgeschwommen. »Seitdem gibt es keine Badehose mehr für mich.«

Bernd aus Horb im Schwarzwald hat die Nacktheit als Befreiung von seinem strengen Elternhaus erlebt. »Das war ein Akt der Rebellion.« Auch bei ihm stand das Nacktbaden am Anfang. Michael hatte sein erstes Nacktbadeerlebnis bei der Bundeswehr. Seitdem lässt ihn das Gefühl nicht mehr los. »Das Wasser, die Sonne auf der Haut«, schwärmt er und träumt: »Ich fände es schön, wenn das Nacktsein normal wäre und das Anziehen die Ausnahme.«

Wie fremdartig Nacktheit in der Öffentlichkeit erscheint, macht jedoch ein Blick in die Gesichter von zwei Frauen deutlich, die ihren Hund an der Wanderstrecke ausführen. Sichtlich verlegen wenden sie die Blicke ab und wissen offensichtlich nicht so recht, wohin sie schauen sollen. Während der Wanderung bleiben sie aber, dank Kehms sorgfältiger Streckenwahl, außer einem weiteren Pärchen mit Hund, das der Gruppe gelassen begegnet, einem E-Rollstuhlfahrer und einem Paar auf der Bank die einzigen Passanten.

Letztere lassen sich sogar von der Begegnung inspirieren. Sie hätten an den Nackten nichts Anstößiges gefunden, erklären sie. Etwas ungewöhnlich sei es aber schon. Doch könne es bei der Sommerhitze von Vorteil sein. Sie hätten sogar selbst die T-Shirts probeweise ausgezogen. Doch während der Mann seinen freien Oberkörper weiter genießt, ist seine Frau wieder ordentlich bekleidet. »Wenn mich jemand sieht.«

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