04. September 2015, 17:33 Uhr

Alte Propstei in sieben Jahren wachgeküsst

Niddatal-Assenheim (hed). Die alte Propstei in der Wirtsgasse wurde aus dem Dornröschenschlaf erweckt und präsentiert sich heute als liebevoll saniertes Wohnensemble mit allen Ecken und Kanten, die ein in Teilen fast 700 Jahre altes Gebäude eben hat. Zu verdanken ist das Alexander Czempin.
04. September 2015, 17:33 Uhr
Der alte Gewölbekeller kann für Veranstaltungen gemietet werden. (Foto: David Heßler)

Bald folgt die Zeit der Trauer«, sagt Alexander Czempin etwas wehmütig. 2016, im »verflixten siebten Jahr«, wird sein Mammutprojekt ein Ende finden – und er wird vermutlich weiterziehen. Die Renovierung des historischen Propsteihofs in der Assenheimer Wirtsgasse sei für ihn keine Maloche, sondern Lebensfreude, hatte der »Baustellen-Nomade«, wie ihn die WZ 2013 taufte, bereits damals gesagt.

Czempin verbrachte fast jeden Tag – in tropischer Hitze wie bei sibirischer Kälte, alleine, mit Freundin Nicole Weyrauch oder inmitten vieler Freunde und Helfer – im Propsteihof, um wieder Leben in das denkmalgeschützte Areal zu bringen. Die Renovierung des früheren Hofs der Bauerndynastien Schmidt und Bähr erfolgte bewusst unorthodox. »Es gibt auch in Assenheim viele Beispiele dafür, wie man etwas glattsaniert«, sagt Czempin. Er aber wollte den historischen Charakter des Gebäudes erhalten, benutzte Werkstoffe und Techniken vergangener Jahrhunderte, kombinierte sie mit moderner Technik. In den Wänden mit Innendämmung aus Holzweichfaserplatten befinden sich kilometerlange Heizschlaufen, die von einer Pelletanlage mit Warmwasser versorgt werden. Vorteile: Angenehme Strahlungswärme, keine Heizkörper, die Staub aufwirbeln, und die Wandheizung unterbindet Kältebrücken. Das Heizsystem ist auf Niedertemperatur ausgelegt, so dass auch eine Solarthermie-Anlage auf dem Scheunendach wirtschaftlich eingebunden werden konnte. Verputzt sind die Wände mit Lehm und einer Kalkspachtel-Schicht. »Es heißt, der Lehm nimmt Feuchtigkeit auf. Das Haus atmet zudem und belüftet sich quasi selbst«, ist Czempin überzeugt. Bereits die alten Erbauer hätten sich ihre Gedanken über Klimatisierung gemacht.

Die Wohnungen der alten Propstei haben schiefe Wände, verschiedene Deckenhöhen und verwinkelte Ecken, auch mal fünf Ebenen auf zwei Stockwerken. Ein Charme, der Jörg-Peter sofort zugesagt hat. Mit Frau und Kind ist er kürzlich in eine der fünf Wohnungen (zwischen 60 und 140 Quadratmeter) gezogen. Die Idee einer Hofgemeinschaft, in der alle mit anpacken, gemeinsam kochen oder den Schrebergarten außerhalb des Ortes beackern, gefällt dem Frankfurter, der »unbedingt raus aus der Stadt« wollte. Der Zufall half dabei: Bei einem Spaziergang in Assenheim war ihm das Gebäude aufgefallen. Wochen später sei seine Frau bei der Berlinale mit Dokumentarfilmer David Sieveking aus Bruchenbrücken ins Gespräch gekommen, der Czempins Projekt kannte und den Kontakt herstellte. Jörg-Peter war begeistert, auch wenn in seiner neuen Bleibe damals nur die Wände standen. »Ich brauchte schon eine große Vorstellungskraft. Sie befand sich ja noch im Rohzustand.«

Wandmalerei aus der Renaissance

In Czempins Kopf aber war alles bereits fertig. Die alte Gesindekammer, in der einst die Knechte untergebracht waren, werde bald bewohnbar sein, verspricht er. Hier wird ebenfalls nicht mit Material aus dem Baumarkt gearbeitet. Die Treppenstufen der Maisonette-Wohnung sind entsorgte Schwerlastböden aus der früheren Brauerei in Ockstadt. Eine alte Treppe des Melbacher Pfarrhauses ist in der angeschlossenen Scheune verbaut. Baumaterial, das man sich selbst zusammensucht, ist nicht nur individuell, sondern auch günstig. Auch bei den Arbeitskräften kann Czempin sparen. Freundin Nicole hilft, so oft sie kann, und betreut ansonsten das Feriendomizil der beiden in Frankreich. Nachbar Tobi, der ebenfalls ein Anwesen in Eigenregie renoviert, wohnt im Propsteihof. Dafür hilft er aber mit.

Auch der Denkmalschutz trägt seinen Teil zum Projekt bei: Hier ist man froh, dass sich Czempin des historisch bedeutsamen Gebäudes angenommen hat, das einst zum Kloster Ilbenstadt gehörte und mit der Oberpforte das Eingangstor der Stadt bildete. Zuletzt war die selbstständige Diplom-Restauratorin Christiane Kunz-Weiß dort, um in einem Zimmer in Jörg-Peters neuer Wohnung eine Wandmalerei zu restaurieren. Die aufgemalten Blumen stammen noch aus der Renaissance. Dank Erd-Pigmenten, die sie mit Wasser mischte, ist die Kunst aus dem späten 17. Jahrhundert wieder erblüht. Das Landesamt für Denkmalpflege übernahm einen Teil der Kosten, auch die Niddataler hatten beim Weihnachtsmarkt gespendet.

Der Bevölkerung Assenheims will Czempin etwas zurückgeben. Schließlich fühlt er sich in der »Provence der Wetterau« gut aufgenommen, wie er sagt. In einer Wohnung gibt es zwei Bäder und zwei Wohnräume. »Vielleicht kann man hier etwas mit Betreutem Wohnen machen.« Interessierte Organisationen dürften gerne bei ihm anklopfen. Ganz für die Öffentlichkeit gedacht ist der alte Gewölbekeller, der mit Küche, Bar und mehreren Tischen für Veranstaltungen gemietet werden kann. Oder doch ein Lokal, eine Weinstube, eine Straußenwirtschaft? »Na, mal sehen«, sagt der Hausherr.

Noch immer wird Czempin im Ort gefragt, »ob er hier denn auch wohnen will«. Seine Antwort ist immer gleich: »Ich wohne bereits hier.« Ob das im nächsten Jahr immer noch so sein wird, weiß er dagegen nicht. 2013 lautete sein Plan für die Zeit danach: »Dann kauf ich mir ein Schloss.« Gut möglich also, dass er, Nicole und Hund Hasard weiterziehen. »Alex hat sich mal einen alten Renault Pickup gekauft und in monatelanger Kleinarbeit restauriert. Gefahren ist er damit nie«, erzählt Nicole.

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