03. Oktober 2011, 17:05 Uhr

Mit Hand und Fuß zur Teamfähigkeit

Wetteraukreis (chh). Seit dem 1. Juli ist der Zivildienst passé. Wer sich trotzdem sozial engagieren möchte, kann den Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Da die Arbeit im sozialen Bereich nicht nur Herausforderung, sonder auch Belastung sein kann, begleitet die Caritas im Bistum Mainz die jungen Menschen.
03. Oktober 2011, 17:05 Uhr
Ute Friedrich-Lendle (l.) vom Caritasverband und Pädagogin Annabell Hirtz (r.) mit den BFD’lern (v. l.) Robin Krüger Falko Kling, Robin Stampnik, Laura Duane und Nico Bähr.

Es hat was komödiantisches, wenn man die 28 Jugendlichen bei ihrer Übung beobachtet. Sie stehen am Haus St. Gottfried auf einer frisch gemähten Wiese und gestikulieren, was das Zeug hält. Sie wedeln mit den Händen, schütteln energisch den Kopf, reißen die Augen auf und schlagen sich auch mal mit der flachen Hand vor die Stirn. Ihre Aufgabe: In einer Reihe aufstellen, vom jüngsten bis zum Ältesten. Die Herausforderung: Es darf dabei kein Wort gewechselt werden.

Die Aufgabe ist Teil einer Veranstaltung des Caritasverbands für die Diözese Mainz. Die 28 Teilnehmer absolvieren alle den Bundesfreiwilligendienst, der Nachfolger des Zivildienstes. Die Caritas betreut die Freiwilligen. Das ist Pflicht, für unter 27-Jährige sind zwei Tage pro Monat für pädagogische Schulungen vorgesehen. In Ilbenstadt kümmern sich Utel Friedrich-Lendle, die bei der Caritas für die Freiwilligendienste verantwortlich ist, sowie die Betreuer Daniel Corvo, Thilo Hess und Annabell Hirtz um die 17 Jungen und 9 Mädchen. Das Treffen ist eine erste Kennenlernrunde. Während des dreitägigen Seminars wollen Teilnehmer und Betreuer auch Themen finden, die in den folgenden Treffen vertieft werden sollen.

»Keine Handys! Sonst wird hier gleich auf Flugmodus umgestellt und die Telefone landen in den Bäumen«, ruft Thilo Hess den Jugendlichen bei ihrer Übung zu. Die BFD’ler sollen durch die Gruppenübung ihre nonverbale Kommunikation schulen. »Ist euch aufgefallen, dass eure Körpersprache aggressiver wurde, wenn euer Gegenüber nicht verstanden hat, was ihr wolltet? Eure Mimik wurde fordernder, ihr habt Zähne gezeigt, so wie im Tierreich, da ist das die letzte Warnung«, fasst Hess zusammen. Doch nicht nur er schildert seine Beobachtungen, auch die Teilnehmer ziehen Bilanz. Zur Freude des Betreuerteams: »Uns ist sehr wichtig, dass die Teilnehmer reflektieren«, sagt Annabell Hitz. Dies sei bei allen Übungen so, erklärt die 26-jährige Pädagogin. »Gestern haben wir zum Beispiel eine Gruppenfindungsübung namens ›Prison Break» gemacht.« Dabei werden Seile in unterschiedlichen Höhen um Bäume gespannt, und die Teilnehmer müssen gemeinsam ausbrechen. »Das hört sich an wie ein Spiel. Ist es aber nicht. Es ist anstrengend und bringt die Gruppe weiter.«

Das sehen auch die meisten Teilnehmer so, wie zum Beispiel Falco Kling. »Die Übungen sind gut für die Teamfähigkeit. Privat kann ich mir aussuchen, mit wem ich Zeit verbringe, bei der Arbeit musst du als Team funktionieren.« Der 26-Jährige hat sich für den BFD entschieden, da er sich beruflich umorientieren wollte. Früher hat er in einem Sicherheitsunternehmen gearbeitet. Jetzt macht er den BFD in einem Kindergarten. »Mich hat gereizt, Menschen zu entwickeln«, sagt der 26-Jährige. Um in eine andere Branche reinzuschnuppern, sei der BFD genau das Richtige. Ein 14-tägiges Praktikum reiche da nicht. Für ihn hat sich der Schritt gelohnt: »Ich hätte nie gedacht, dass mit Kindern zu arbeiten so viel Spaß macht.« Er will auch weiterhin im sozialen Bereich arbeiten.

Nico Bähr nicht. Der 19-Jährige hatte sich kurzfristig für den BFD entschlossen, da er nicht wusste, was er studieren soll. Jetzt leistet er seien Dienst in einer Kirchengemeinde und unterstützt die Tafel. Er findet die Arbeit interessant, möchte aber später lieber in einer Branche arbeiten, in der mehr Geld zu verdienen ist. »Zum Beispiel Journalismus.«

Laura Duane gefällt am BFD, dass auch Mädchen mitmachen können. Die 18-Jährige will im kommenden Jahr eine Ausbildung zur Krankenpflegerhelferin machen. Den BFD, den sie in einem Krankenhaus absolviert, sieht sie als sinnvolle Überbrückung an. »Der BFD ist sinnvoll«, findet die junge Frau, wofür sie von allen Seiten zustimmendes Nicken erntet. Das Seminar in Ilbenstadt mache ihr auch Spaß, die Übungen sieht sie jedoch kritisch. »Ich finde sie zwar interessant, für meine tägliche Arbeit im Krankenhaus bringen sie mir aber nicht viel.«

Robin Stampnik sieht das anders. Die 18-Jährige kann sich gut vorstellen, dass ihr die Übungen bei ihrer Arbeit in einem Kinder- und Jugendzentrum helfen können. »Bevor man meckert, überlegt man vielleicht erstmal, ob man die Situation nicht auch nonverbal lösen kann.« Die 18-Jährige war zu Beginn skeptisch, was die Schulung angeht. »Es hat sich aber alles positiv entwickelt, hier bekommt man einen tollen Rückhalt. Außerdem sind die Betreuer immer da, wenn man offene Fragen und Probleme hat.«

Das ist besonders ihrem Namensvetter Robin Krüger wichtig. Der 19-Jährige arbeitet in einem Altenheim. »Das kann sehr belastend sein, vor allem wenn man mit Sterbenden zu tun hat.« Umso wichtiger sei es, dass die Betreuer immer bereit seien, mit einem zu sprechen.

Das muss nicht immer innerhalb der Kurse sein. Am Abend treffen sich die Teilnehmer und Betreuer und machen ein Lagerfeuer. Wer über seine Probleme bei der Arbeit sprechen möchte, findet im Klostergarten mit Sicherheit ein offenes Ohr.

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) wurde von der Bundesregierung als Nachfolger für den Zivildienst eingeführt. Der Name sagt es bereits, im Gegensatz zum Zivildienst ist der BFD freiwillig. Der Unterschied zum Freiwilligen Sozialen Jahr: Personen jeden Alters können mitmachen. Der Dienst dauert in der Regel zwölf Monate, mindestens jedoch sechs, maximal 18 Monate.

Der BFD ist eine Vollzeitbeschäftigung, wer älter als 27 Jahre ist, kann auch Teilzeit (20 Stunden) leisten. Voraussetzung ist aber die Beendigung der Schule. Offiziell ist der BFD ein unentgeltlicher Dienst, die Freiwilligen erhalten jedoch ein Taschengeld von maximal 330 Euro. Die Sozialversicherungsbeiträge werden von der Einsatzstelle übernommen.

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