13. September 2015, 17:23 Uhr

Ballaballa und ab ins Tor

Ober-Mörlen (hau). Über den Fußballplatz ist wohl jeder schon mal geflitzt. Aber gerollt? Quer drüber? Eine (augenzwinkernde) Vermutung, wie sich das anfühlt, hat WZ-Reporterin Annette Hausmanns. Sie hat sich in »Nike« hineinversetzt, einen der 60 Fußbälle, die der Förderverein des SV Ober-Mörlen den Aktiven geschenkt hat.
13. September 2015, 17:23 Uhr
»Nike« (vorne) ist einer von 60 Trainingsbällen, die die Fördervereins-Vorsitzenden Michael Thielmann und Jürgen Winkes (hintere Reihe Mitte l. und r.) für den SVO angeschafft haben. (Foto: Annette Hausmanns)

Tja, hier liege ich nun zwischen meinesgleichen. Eigentlich sollte ich heilfroh sein. Bei den netten Jungs vom SV Ober-Mörlen bin ich gut aufgehoben. Der Fußballplatz ist idyllisch gelegen und der Regen von heute Nacht hat sogar etwas Grün nachwachsen lassen. Die Leute vom Förderverein kümmern sich um mich, aus der Ballfabrik kenne ich jede Menge Kumpels, und doch bin ich total nervös. Schließlich bin ich nagelneu. Wie wird das sein, wenn man mich mit Füßen tritt?

Eigentlich sollte jetzt mein erstes Training beginnen. Wir Fußbälle haben uns schon übers Feld verteilt. Die Erlösung naht in Form eines Fotoshootings. »Jetzt werde ich berühmt«, denke ich noch. Da hat mich schon ein pfiffiger Blondschopf gepackt, an seine Brust gedrückt und liebevoll über meine glatte Kunststoffoberfläche gestreichelt. Mir wird ganz warm ums Herz. Jetzt freue ich mich aufs Training und den 59 anderen geht es genauso.

»Die haben zusammen rund 2500 Euro gekostet«, höre ich Michael Thielmann und Jürgen Winkes vom Vorstand des Fördervereins erzählen. Sie waren es auch, die mich aus meinem Versandkarton befreit haben. Sie scheinen ganz schön stolz auf uns Trainingsbälle zu sein. »Die sind das Wichtigste, damit der Spielbetrieb läuft«, erzählen sie der Reporterin. Der »Nike« (so heiße ich übrigens) sei ein hochwertiger Trainingsball mit besten Spiel- und Flugeigenschaften, berichten sie. Klar, wo der Mantel um mein ultrarobustes Innenleben noch handvernäht wurde.

Trotz der guten Qualität würden wir Kumpels aus der Ballfabrik aber doch nur rund drei Jahre halten. Dann müssten wieder neue Bälle angeschafft werden. Das fordere, neben allem anderen, den Förderverein finanziell ganz schön. Puh, mir wird ganz schwindelig. »Jetzt aber erst mal ran ans runde Leder«, höre ich Basti Schaller rufen.

Flott sieht der aus, der Trainer der jungen Kicker. Ach, und da kommen auch Hassan und seine beiden Freunde aus Afrika. Die sind erst seit kurzem in Deutschland und machen im Aktiven-Team schon eine richtig gute Figur. So langsam spiele auch ich mich ein, rolle um mein Leben und fliege mitten ins Tooor! Wow, jetzt tun die Tritte auch nicht mehr so weh und bis an mein Lebensende weiß ich, wozu ich so kunstvoll zusammengesetzt wurde. Wahrscheinlich bin ich zu Höherem bestimmt.

Was »Nike« nicht wissen kann: Fußbälle gibt es wie Sand am Meer, rund 40 Millionen Stück rollen pro Jahr neu in die Welt. Über die ersten, mit Stoff oder Stroh gefüllten Kugeln im antiken China, wasseraufsaugende Lederklumpen mit inwendiger Schweinsblase bis zum Hightech-Ball unserer Zeit wurde unentwegt am Optimum aus Form und Material gefeilt. Bis in die 60er Jahre wurden offizielle Bälle noch aus gegerbten Lederstreifen vernäht.

»Tango« bei der Weltmeisterschaft

Zur Fußball-Weltmeisterschaft 1970 gab es den ersten offiziellen Ball, der aus 12 Fünf- und 20 Sechsecken zusammengesetzt war. Der völlig symmetrische sogenannte Ikosaederstumpf kam der Kugelform am nächsten und wurde quasi weltweiter Standard. Seither entwickelt und produziert die Firma Adidas alle Meisterschaftsbälle. Die WM-Kugeln hören sogar auf Namen. Der argentinische Weltmeisterschaftsball (1978) beispielsweise hieß »Tango«, zwanzig Jahre später rollte in Frankreich mit dem »Tricolore« der erste bunte Ball durchs Stadion, und der »+Teamgeist« hatte bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland seinen großen Auftritt.

Weltmeister wurde die deutsche Elf im vergangenen Jahr mit dem »Brazuca Final Rio«. Der im flächendeckenden Voting gefundene Name und das bunte Design sollten die Spiel- und Lebensfreude im Gastgeberland widerspiegeln.

Angepasst werden die Bälle auch an klimatische Besonderheiten: Zur Prüfung der Regentauglichkeit gehören Schleudergänge in der Waschmaschine, Roboter werden mit Dauertests betraut. »Nike« hat das schon hinter sich und fühlt sich in Ober-Mörlen wie im Paradies. (Fotos:hau/dpa)



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