23. Juli 2010, 16:36 Uhr

Messer, Reizgas, Totschläger: Alles zufällig dabei

Ober-Mörlen/Friedberg (lk). Großes Kino gab's am Donnerstag im Friedberger Amtsgericht zu sehen: Zugeknallte Türen, Zeugen ohne Erinnerung und ein 35-Jähriger auf der Anklagebank, der im September 2009 im »Goldenen Hirsch« mächtig ausgeteilt haben soll, nun aber plötzlich Opfer sein will. Was genau in jener Nacht passiert ist, wird wohl nicht mehr aufgerollt werden - das Verfahren gegen den Physiotherapeuten wurde eingestellt.
23. Juli 2010, 16:36 Uhr

Gemeinsam mit zwei Freunden und seiner damaligen Verlobten soll der muskelbepackte Angeklagte zum »Oktoberfest« der Gaststätte gekommen sein. Dort habe es Streit mit einem 33-jährigen Dorfbewohner gegeben. Der Physiotherapeut, der mittlerweile im Lahn-Dill-Kreis wohnt, soll dem Ober-Mörler mit der Faust ins Gesicht geschlagen und dessen Bruder mit einem Barhocker vermöbelt haben. Wenig später habe er die Brüder mit Pfefferspray besprüht, dann sei er auch noch mit einem Schlagstock auf die beiden losgegangen, hieß es in der Anklageschrift.

Der Beschuldigte - mit hautengem weißem Hemd - wollte vom Großteil der Vorwürfe nichts wissen: Ja, er habe dem 33-Jährigen eine Ohrfeige verpasst, aber nur, weil der seine (damalige) Verlobte beleidigt habe. Mit einem Barhocker habe er niemanden geschlagen. Da er die Brüder kenne und wisse, dass beide öfters bewaffnet unterwegs seien, habe er sie mit einem Plastikstuhl auf Abstand gehalten. Einen Schlagstock habe er zwar bei sich getragen, ihn aber nicht eingesetzt. Und überhaupt: »Totschläger« und Pfefferspray habe er nur bei sich gehabt, weil er damals von Mitgliedern eines Motorradclubs (aus dem er zuvor ausgetreten war) bedroht worden sei. Er habe nur deshalb zum Gas gegriffen, weil einer der Brüder mit einem Messer und der Drohung »Ich schlitz' dich auf, ich mach dich tot« auf ihn zu gerannt sei.

»Das sind keine unbeschriebenen Blätter«, teilte der Angeklagte seinerseits aus und berichtete, einer der Brüder habe ein Hakenkreuz-Tattoo auf dem Arm.

Der 33-Jährige konnte oder wollte sich an die Vorfälle im »Hirsch« nicht mehr erinnern. Der Ober-Mörler, der seine Brötchen als Kraftfahrer verdient, gab zu, ein »Arbeitsmesser« bei sich gehabt zu haben. Das brauche er, um die Folien zu zerschneiden, er habe an dem Abend noch seine Arbeitshose getragen. Auch sein Bruder und dessen Freundin wollten von Schlägerei, Pfefferspray und Schlagstock nichts wissen, und das, obwohl beide bei der Polizei detaillierte Aussagen zum Geschehen gemacht hatten. »Auf Sie und Ihren Freund kommt noch ein Verfahren zu«, kündigte der sichtlich aufgebrachte Amtsanwalt Jochen Streiberger an. »Das gibt keinen Spaß für Sie. Post kommt«, rief er der 31-Jährigen hinterher, als sie den Gerichtssaal verließ. »Adresse haben Sie ja«, konterte sie und warf die Tür mit voller Wucht ins Schloss.

Die Ex-Verlobte des Angeklagten, eine Sozialarbeiterin aus Bad Nauheim bestätigte grob die Version des Angeklagten. Kurz nach dem Vorfall hatte sie gegenüber den Polizisten noch behauptet, sich an nichts erinnern zu können.

Ein 57-jähriger Ober-Mörler, ebenfalls Gast des »Oktoberfestes«, erinnerte sich, auf seinem Nachhauseweg zwei - wie er es nannte - Kontrahenten vor der Gaststätte gesehen zu haben. Der eine habe ein Messer in der Hand gehalten. Er habe »Messer weg« gerufen und dann den einen »weggestumpt« und dem anderen das Messer abgenommen, erinnerte er sich. Die Waffe habe er am folgenden Tag der Polizei zukommen lassen. »Ich möchte mich bedanken, dass Sie so couragiert eingegriffen haben«, sagte Amtsanwalt Streiberger. Die Aussagen von vier weiteren Zeugen, darunter der Wirt, sein Sohn und ein Freund des Angeklagten brachten keine neuen Erkenntnisse.

Richter Dr. Stüber und die anderen Prozessbeteiligten stellten das Verfahren aufgrund der geringen Schuld des Angeklagten schließlich ein, obwohl der 35-Jährige bereits mehrfach und auch einschlägig vorbestraft ist.

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