03. Juli 2016, 18:43 Uhr

Mit sonorer Stimme auf Lesereise

Reichelsheim (kai). »Mein Wunsch wäre, dass sie bequemer sitzen«, sagte Tom Meusert. In weichen Sesseln lasse sich das Vorlesen genießen. Dass es auch auf gepolsterten Bierzeltgarnituren in einer Halle auf dem Pappelhof ein Genuss ist, Meusert zu lauschen, erlebten rund 60 Gäste zum Auftakt der RomanTisch-Lesungsreihe.
03. Juli 2016, 18:43 Uhr
Stärkung für die Gäste der RomanTisch-Lesung auf dem Pappelhof bieten die Mittendrin-Frauen (v. l.) Birgit Groß, Erika Bönsel, Monika Repp und Susi Scheibe an. Es gibt einen polnischen Imbiss: Krakauer, Wodka und Brot. (Fotos: kai)

Die Vorlesekunst des Karbeners und die von den Organisatorinnen der Frauengruppe Mittendrin geschaffene Atmosphäre trugen zum gelungenen Start bei. Die Tische waren geschmückt, in der Pause gab’s für jeden Gast frisches Brot, eine Krakauer und ein Schlückchen Wodka – passend zum Werk »Herrn Kukas Empfehlungen« von Radek Knapp, aus dem Meusert las.

Mit schmierigen Typen im Bus

Facettenreich mit sonorer Stimme, der es Spaß machte zu folgen, stellte Meusert das Buch und seine Protagonisten vor: Den jungen etwas naiven Polen Waldemar, der mit einem Bus und schmierigen Typen gen Westen startet und auf seiner zweimonatigen Reise kurz nach der Wende viel erlebt. 1000 Schilling, 30 Dosen Thunfisch, drei Ratschläge vom erfahrenen West-Reisenden Kuka sowie ein Feuerzeug vom Pfarrer als Glücksbringer hat der junge Kerl im Gepäck.

Meusert schaffte es, Bilder zu erzeugen, vom Bus und der Reisetruppe, die geschäftig ihre Schmuggelware in Hohlräumen verstaut, so gewieft ist, dem Zoll noch genug als Fund übrig zu lassen. Vom Pfarrer, der aus dem Feuerzeug von Herrn Kuka eine Goldmünze herausschraubt. Von der Schlafstätte, die Kuka dem jungen Waldemar empfiehlt: Hotel Belvedere – eine efeuumrankte Parkbank in der Nähe des Vier-Jahreszeiten-Brunnens. Und von den Mühen des jungen Mannes, einen Job zu ergattern – als er es mit gerade mal 150 Schilling in der Tasche auf dem Arbeiterstrich probiert, dort die Typen aus dem Bus trifft und an einen Betrüger gerät, der für Spaten eine Kaution verlangt, mit der er verschwindet und die Arbeitertruppe der Polizei ausliefert. Nach so viel Wirren war’s Zeit für den polnischen Imbiss und einen Gang über den Pappelhof. »Denn der Hof hat auch etwas mit Polen zu tun«, verriet Mittendrin-Frau Ulla Wagner. »Die Familie Wollinsky hat polnische Wurzeln.«

Meusert saß erstmals in den acht Jahren, seit es die Lesungsreihe gibt, am Roman-Tisch – einem alten Spiele-Tisch aus dem Haus von Altbürgermeister Gerd Wagner. Der Karbener schwärmte: »Es macht mir Freude, wenn mir Menschen zuhören. Ich lese gerne vor.« Dafür bereitete er sich akribisch vor. Neben dem Taschenbuch lag eine dicke Kladde, in der er das notiert hatte, was er berichten wollte. »Ich würde gern die ganze Geschichte erzählen, dafür ist der Abend zu kurz.« Und außerdem solle ja Appetit aufs Lesen gemacht werden. Denn alle Bücher der RomanTisch-Reihe liegen zum Kauf aus.

Weiteren Szenen aus »Herrn Kukas Empfehlungen« machten neugierig auf das Buch: Wie Waldemar Bollek zum Freund gewinnt, endlich einen Job bekommt, kurzerhand zum gescheiterten Bankräuber-Gehilfen wird und mit der attraktiven Irina nackt im Belvedere-Brunnen landet.

Der Roman »Die Königin der Orchard Street« von Susann Jane Gilmann steht am Freitag, 22. Juli, 20 Uhr in den Reichelsheimer Werkstätten in Weckesheim im Mittelpunkt der Lesung. Sprecherin ist Carla Kleinau. Die Karten zu 8 Euro, inklusive einer Portion Eis am RomanTisch-Abend, gibt es bei »neun zieht an«, Bingenheimer Straße 21, Telefon 0 60 35/33 59.



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