29. Juli 2016, 18:23 Uhr

Archäologen stoßen auf steinzeitliche Siedlungsreste

Reichelsheim (sax). Am Westrand von Weckesheim soll ein neues Baugebiet erschlossen werden. Bei den Voruntersuchungen stießen Archäologen jetzt auf eine größere Siedlung aus der mittleren Steinzeit. Sie belegt, dass dieses Gebiet am Rande des Ortes schon vor mehr als 6000 Jahren bewohnt war.
29. Juli 2016, 18:23 Uhr
Grabungshelfer Björn Keiner reicht Marie Christine Wenske eine Scherbe von einer Stelle, an der sich wohl eine Wasserstelle befunden hat. Auch die Kuhknochen (kleines Bild links) stammen von dieser Stelle. Das Rillenmuster der Scherbe (Bild unten) ist wichtig für die zeitliche Einordnung. (Fotos: sax)

Eine wirkliche Überraschung sind die Siedlungsreste für den Kreisarchäologen Dr. Jörg Lindenthal nicht. Wo immer man in der Wetterau den Spaten ansetze, stoße man auf Geschichte, erklärt er immer wieder. Das liege vor allem auch an den außergewöhnlich fruchtbaren Ackerböden. Die Landwirtschaft hatte auch immer wieder Fundstücke aus der Jungsteinzeit an die Oberfläche gefördert, die von Sammlern aufgelesen und dokumentiert wurden.

Deshalb wurde das geplante Baugebiet geomagnetisch vermessen, um einzugrenzen, welche Bereiche archäologisch besonders interessant sein könnten. Menschliche Eingriffe wie größere Erdbewegungen stören das Magnetfeld der Erde selbst nach Jahrtausenden noch messbar. Allerdings seien nur Störungen ab einem halben Meter auf den Messungen zu erkennen, schränkt Grabungsleiterin Marie Christine Wenske ein.

Für Weckesheim bedeutet das, dass mehrere, teilweise sehr große Gruben, als Hinweise für eine Siedlung zu erkennen waren. Das Ausmaß der Siedlung war durch die geomagnetische Vermessung nicht abzuschätzen. Die Löcher, in denen die Stützpfosten standen, zeigen die Diagramme nicht.

Auf der Grabungsfläche zeichnen sich lange Reihen von Pfostenlöchern durch eine dunkle Verfärbung des Bodens ab. Charakteristisch für die bis zu 42 Meter langen Häuser der Rössner- und Hinkelsteinkultur ist, dass die Häuser an einem Ende schmal zulaufen. Wegen der in diesem Bereich dünneren Stützpfosten vermuten die Forscher auch ein niedrigeres Dach. Die Ausrichtung des schmaleren, flacheren Hausendes nach Nordwesten spricht für einen Wetterschutz durch verringerte Angriffsfläche.

Material sehr gut datierbar

»Sobald man ins Detail fragt, kommen die Archäologen und Historiker oft mit ›wahrscheinlich»«, erklärt Lindenthal. Denn weil die Menschen der Steinzeit 4900 bis 4200 Jahre vor Christus keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, sind die Forscher auf Vermutungen und Schlussfolgerungen sowie Vergleiche mit anderen Fundstellen angewiesen.

Wichtiger als die Fundstücke selbst ist dabei der Fundzusammenhang, der sogenannte Befund. Eine Scherbe oder auch ein kunstvoll bearbeiteter Gegenstand allein sagt dem Archäologen wenig. Erst zusammen mit seinem Fundort und der Lage weiterer Fundstücke in seiner Nähe beginnt er eine Geschichte zu erzählen.

»Aus relativ vielen Gruben kommt sehr gut datierbares Material heraus«, freut sich Lindenthal. Die Scherben der Tongefäße ermöglichen über Veränderungen in Formen und Mustern die Zeit, wann die Siedlung bei Weckesheim bewohnt war, einzugrenzen. Zwar muss Wenske die Scherben erst noch auswerten, doch nimmt sie bereits jetzt eine längere Nutzung von deutlich mehr als 100 Jahren an. »Wir gehen davon aus, dass die Siedlung über einen langen Zeitraum bestanden hat.«

Überraschend für den Laien ist, wie dicht unter der Oberfläche die Spuren aus der Steinzeit zu finden sind. Nur 35 bis 40 cm Ackerboden mussten abgetragen werden, bevor die Spuren der Geschichte sichtbar wurden. Wenske erklärt, dass die Bauern wegen der fruchtbaren Böden nicht tiefer pflügen müssten und dadurch viele Bodendenkmale in Oberflächennähe erhalten blieben.

Eine weitere Gefahr für archäologische Fundstätten besteht für steinzeitliche Grabungen kaum. Zum einen sind steinzeitliche Funde für Raubgräber weniger attraktiv. Aber auch die physikalischen Eigenschaften machen die steinernen Geschichtszeugnisse schwerer auffindbar als Metallgegenstände. »Das Gute in der Steinzeit ist, dass die Sonde keinen ›Piep» macht«, stellt Wenske fest.

Eine öffentliche Besichtigung der Grabung sei wegen des Regenwetters in den letzten Wochen nicht möglich gewesen, bedauert Lindenthal. Deshalb sollen die Ergebnisse der Grabung, die mit der Unterstützung des Landesamtes für Denkmalpflege und der Bezirksarchäologin Sabine Schade-Lindig durchgeführt wird, im Winter in Reichelsheim öffentlich vorgestellt werden.

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