08. Januar 2016, 18:03 Uhr

Nur einer bleibt stehen: Bäume in der Sang gerodet

Rosbach (sky). 40 Jahre lang wurde in Rosbach um das Neubaugebiet »Die Sang« gerungen, nun ist der Bebauungsplan abgesegnet, und die Stadt hat eine Firma mit der Rodung der alten Obstbaumbestände beauftragt, damit das Areal zügig bebaut werden kann.
08. Januar 2016, 18:03 Uhr
Die »Jahn-Eiche« ist der letzte »Überlebende« im frisch gerodeten Baugebiet »Sang«. Einige Rosbacher hätten sich das Altholz gerne abgeholt. (Foto: Lothar Halaczinsky)

Innerhalb von nur drei Wochen war alles abgeholzt und abtransportiert. Nun fragen sich einige Bürger, warum man ihnen nicht die Gelegenheit gegeben hat, sich dort günstig mit Kaminholz für die heimische Feuerstelle zu versorgen.

»Die Bagger haben alles umgerissen, sodass die Stämme nicht mehr für eine Zerkleinerung mit der Kettensäge geeignet sind«, lautete die Kritik, die kürzlich auf dem Bauernmarkt die Runde machte. Zu viel Erde im Geäst und an den Stämmen würden bei der Holzgewinnung die Ketten schädigen, sodass es sich jetzt nicht mehr lohne. »Es wäre der Umwelt zugutegekommen, wenn sich die Bürger das eine oder andere Bäumchen hätten holen dürfen, anstatt es einfach zu entsorgen«, war zu hören.

Bei Bürgermeister Thomas Alber stoßen diese Einwände auf Unverständnis. »Hier wusste jeder darüber Bescheid, dass die Bäume weg müssen«, sagt er. Brennholz-Interessenten hätten sich rechtzeitig an die Stadt wenden können, statt »im Nachhinein zu meckern«. Zudem sei das Holz nicht einfach auf eine Kippe gebracht worden, sondern werde – je nach Eignung – zu Holzhackschnitzeln oder Pellets verarbeitet. »Wir hatten verschiedene Angebote für die Rodung eingeholt und uns für das kostengünstigste entschieden«, berichtet der Rathauschef. Bei den Anbietern sei die Möglichkeit, das Holz anschließend selbst vermarkten zu dürfen, ein wesentlicher Faktor für die Preisgestaltung gewesen. Als Abnehmer seien sowohl Rosbacher Bürger als auch andere Verwerter infrage gekommen. Im Rathaus habe man bei Anfragen nach Holz aus dem Rosbacher Wald darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Rodungsfirma Brennholz zum Kauf anbietet. Eine öffentliche Vermarktung habe nicht stattgefunden.

Norbert Schön ist einer von jenen, die sich für die alten Obstbäume interessierten. Zum Kauf kam es jedoch nicht. »Wer Holz haben wollte, musste sich nach den Zeitvorgaben der Rodungsfirma richten, und das konnte ich nicht«, sagt er. Er zeigt Verständnis dafür, dass es nicht anders ging. Zudem wären für die Firma nur das weniger wertvolle Geäst und die Wurzel übrig geblieben, wenn er sich einen Stamm geholt hätte. »Der Auftrag sah vor, dass alles vollständig entfernt wird. Da muss man schon genau kalkulieren, wenn man auf seine Kosten kommen will.« Jetzt holt er sein Holz wie gewohnt aus dem Wald. »Kleinere Äste können dort liegen bleiben, und die Wurzel verrottet von allein.«

1952 von der TGO gepflanzt

Ein einziger Baum auf dem rund zehn Hektar großen Gesamtgebiet ist stehen geblieben. Sorgfältig umzäunt trotzte er den Baggern und verrät durch ein kleines Schild, wer er ist: »Jahn-Eiche«. Alfred Keller, einst langjähriger Vorsitzender der Turngemeinde Ober-Rosbach, erinnert sich an den 14. Dezember 1952, als ein stattlicher Zug von Mitgliedern vom damaligen Vereinslokal Stengel in der Friedberger Straße Richtung Sang zog, um anlässlich des 100. Todestages von Turnvater Jahn den Baum zu pflanzen. »Die Festrede hielt unser Vorsitzender Georg Balzer, die eigentliche Weihe nahm Pfarrer Ernst Dondorf vor.« Und da der eifrige Vereinschef voreilig die Flasche Rotwein am Baumstamm zerschmetterte, wurde auch des Pfarrers Talar mit Wein getränkt. »Er nahm es mit Humor.« Die junge Eiche habe allerdings einen schweren Stand gehabt. Zuerst wurde ihr die Krone abgebrochen, weil einigen Mitbürgern der Standort nicht passte. »Ihr Lebenswille überstand diesen Anschlag. « Dann wurde ihr bei Verputzarbeiten am benachbarten Walter-Sommerlad-Clubhaus Ätzkalk in den Wurzelbereich gekippt, doch auch das habe sie nicht umbringen können. Nach Abriss des Gebäudes steht sie heute etwas verloren am Knoten Süd inmitten einer großen Wiese, und Keller hofft, dass eine Lösung für ihren Erhalt gefunden wird. »Optimal wäre eine Umsetzung an die Sporthalle Eisenkrain«, sagt er. Alber verspricht, sich um den Erhalt des über 60 Jahre alten Baums zu kümmern.

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