27. Dezember 2016, 18:13 Uhr

Die Rosbach-China-Brücke

Rosbach (sda). In Rosbach gibt es einen Ort, der ist ein bisschen wie in China: das Wohnzimmer von Prof. Longpei Lü. Der gebürtige Chinese kam vor fünf Jahren in die Stadt, hat sich bestens eingelebt und nun einiges vor. Das hat mit seiner Vergangenheit in China zu tun, mit seinem Leben in Rosbach und mit den kulturellen Unterschieden.
27. Dezember 2016, 18:13 Uhr
Zwischen den Welten: Prof. Longpei Lü bezeichnet sich als »deutscher Chinese«, vor allem aber, sagt er, ist er ein Rosbacher. Und dort, in seinem Rosbacher Haus lebt er zwischen chinesischer Zither und Klavier, zwischen deutschen und chinesischen Büchern. (Foto: Sabrina Dämon)

Einmal kam ein Chinese nach Rosbach und sagte: »Das ist mein Zuhause, und von hier will ich eine Brücke nach China bauen.« Das war vor ungefähr fünf Jahren. Doch die Idee mit der Brücke hatte er bereits viele Jahrzehnte zuvor.

Damals lebte Prof. Longpei Lü in Chengdu, war Schüler und wollte Deutsch lernen – wegen der Lieder, die er liebte, deren Sprache er aber nicht kannte. Eines seiner Lieblingslieder, erzählt er, war »Der Wanderer« – ein Gedicht von Georg Philipp Schmidt, vertont von Franz Schubert:

Ich wandle still, bin wenig froh,

Und immer fragt der Seufzer: Wo?

Wo ist meine Heimat? Longpei Lü stellte sich diese Frage sein ganzes Leben lang. Und fand schließlich die Antwort. »Die Musik gab sie mir.« Er schrieb eine Peking-Oper, die Hauptrolle übernahm er selbst: »Dr. Musik.« Und er sang: Ich komme vom Gebirge her…

Wie vor vielen Jahren schon einmal. Als er 16 war, in einem Internat in China auf das Abitur vorbereitet wurde und heimlich Klavier spielte, wie er erzählt. »Man hat mich oft erwischt, als ich im dunklen Musikzimmer der Lehrer saß und musizierte.« Nur sei das nicht gerne gesehen gewesen. »Weil es keine kommunistische Parteimusik war.«

Zwei Welten, ein Haus

»Doch ich liebte diese Musik« – wegen ihr studierte der heute 71-Jährige Germanistik. Und kam einige Jahre später zum ersten Mal nach Deutschland. Beziehungen zur Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft in Frankfurt führten dazu, dass er an der Uni in Bielefeld studierte. Er promovierte in Germanistik und Linguistik, kehrte jedoch 1982 in seine Heimat zurück und wurde Germanistik-Dozent an einer Hochschule. Er erzählt, dass er eine deutsche Abteilung an der Uni Sichuan in Chengdu gründete; durch Kontakte kam er schließlich erneut nach Deutschland. Nur blieb er diesmal.

Viele Jahre später heiratete er seine heutige Frau Jadin, sie bekamen eine Tochter. Vor fünf Jahren zog das Ehepaar nach Rosbach.

Ist die Stadt seine Heimat? Oder ist es, wie es in dem Lied des Wanderers heißt:

Ich bin ein Fremdling überall.

Da, wo du nicht bist, ist das Glück!

»So ist es nicht.« China, sagt er, ist nicht mehr seine Heimat. Der Ort, in dem er aufgewachsen ist, sei nicht wiederzuerkennen. »Überall nur noch Hochhäuser. Mein Elternhaus, meine Grundschule, meine Mittelschule sind verschwunden. Ich fühlte mich ganz fremd dort.«

Rosbach hingegen fühlt sich anders an. Nach Heimat. Sie wohnen in einem Haus, »in der Atmosphäre, in der wir uns wohlfühlen«, Klavier und Guzheng (chinesische Zither) stehen nebeneinander, ein traditionelles chinesisches Teeservice und ein Weihnachtsstern schmücken denselben Tisch.

Vor fünf Jahren kamen sie in die Stadt. »Meine Frau und ich, wir sind so dankbar für Rosbach.« Den Namen der Stadt hat er ins Chinesische übersetzt: Meigui Xi. Wörtlich: das Bächlein voller Rosen.

Am Bächlein will Lü nun eine Brücke bauen – eine symbolische. Eine, die Deutschland und China verbindet. Zum Beispiel durch die Übersetzungen literarischer Werke. So übertrug er Romane des Schriftstellers Zhou Daxin ins Deutsche, einer zum Beispiel trägt den Titel »Im Bann des Roten Sees«. Doch auch was deutsche Literatur in China angeht, hat er schon einiges übersetzt: Werke von Plenzdorf, von Frisch, von Brecht. Und bald sollen es Kinderbücher sein. Demnächst werde eine chinesische Verlegerin zu Besuch kommen.

Gemeinsam wollen sie den Kinderbuchmarkt erkunden; wenn alles klappt, will Lü eine Agentur eröffnen. »Ich will, dass Rosbach bekannt wird« – damit man in China weiß, wo der Ort »an dem Bächlein voller Rosen« liegt, der Ort, in dem ein »deutscher Chinese« Kinderbücher übersetzt.

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