27. April 2016, 10:53 Uhr

Von Elefant zu elegant

Wöllstadt (arc). Deutlich mehr durchtrainierte Jungs als wohlbeleibte Herren, durchgestylte Choreografien statt elefantenartiges Nachtanzen. Das Wesen des Männerballetts hat sich verändert, dies zeigte sich nun bei der Hessenmeisterschaft in Ober-Wöllstadt.
27. April 2016, 10:53 Uhr
»Die Heringe« aus Kaichen werden mit ihrem Tanz »Unter dem Meer« Vize-Hessenmeister. (Foto: Marc Stephan)

Professionelle Theaterschminke, fachmännisch aufgebracht, passgenaue Kleidung und draußen ein tobender Saal. Der tobende Saal ist so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit zu früheren Männerballett-Auftritten, als es einen Klatscher billiger roter Faschingsschmiere auf die Backen gab und ein möglichst enges Ganzkörperkostüm oder besser noch oben ohne angesagt war. Genau genommen ist auch der tobende Saal nicht mehr dasselbe. Früher waren die Zuschauer außer sich, weil sich beim Männerballett meist wohlbeleibte Herren drollig bis elefantenartig über die Bühne zogen und zur Not für einen Lacher auf jegliche Choreografie verzichteten. Heute dagegen freuen sich die Zuschauer auf durchtrainierte Jungs, die sehr wohl auf ihre Choreografie achten, die sich richtig ins Zeug legen, denen es nicht nur um den Augenblick auf der Bühne geht.

Dass es mittlerweile um viel mehr geht, verraten Lukas und Leon Scheer von der »Bärengarde« des Nieder-Wöllstädter Carnevalvereins (NCV). Während in der Römerhalle vor rund 1000 Zuschauern die 7. Hessenmeisterschaft der Männerballette über die Bühne fegt, haben die beiden Jungs Zeit für ein Gespräch. Die »Bärengarde« selbst liefert ihre Show außer Konkurrenz ab, weil sie als ortsansässige Gruppe nicht an der Meisterschaft teilnehmen darf.

Hört man den beiden zu, merkt man, dass sie stolz darauf sind, nicht den Männerballetten aus der Vergangenheit anzugehören, wo es nur um die Gaudi ging. Spaß haben die Männer heute natürlich auch, doch nicht nur am Tanzen. Sicher, zunächst geht es um den Tanz an sich, um die körperliche Darbietung auf der Bühne. Da versuche man als modernes Männerballett schon, ein bisschen eleganter und edler zu wirken als die ungelenken Herren von früher. Obwohl die beiden lachend zugeben müssen, dass die Ballettdamen in Sachen Eleganz die Nase noch weit, weit vorne haben.

Sieht man die Damenwelt aber vor der Bühne außer sich, möchte man meinen, sie ist durchaus zufrieden mit der Eleganz der Männerballette. Was den Tänzern an Eleganz noch fehlen mag, machen sie durch Kraft und Energie wett. Manchmal kommt auch das Testosteron durch und es mutet aggressiv an auf der Bühne.

Leon und Lukas sind mit dem Männerballett groß geworden. Schon Vater Robert tanzte in der Garde und auch ihr Cousin Bastian Appel. Da brannten beide regelrecht darauf, mitzumachen. Gemeinsam zu trainieren und Spaß zu haben, sei wichtig, sagen beide. Das könnten sie zwar auch beim Fußball. Das Erlebnis auf der Bühne aber treibe an, auch der Fanclub, der mitreist zu auswärtigen Auftritten. Das Lampenfieber und das Bühnen-Feeling, beides dürfe nicht fehlen. Aber auch die Kameradschaft zu anderen Balletten hat die Wöllstädter fasziniert. Bei Wettbewerben würden sie von Fremden gedrückt – man wünsche ihnen Glück, obwohl man in Konkurrenz stünde, erzählen sie.

Die Männer versuchen stets, eine Geschichte zu erzählen. Diese zu entwickeln, sie wachsen zu sehen, mit Leben zu füllen und mit Tanz und Musik auf die Bühne zu bringen – das hält bei der Stange. Viele Abende sitzt man zusammen, bringt verschiedene Ideen auf den Tisch, bis eine zur Keimzelle einer Geschichte wird, die langsam Fleisch ansetzt und immer weiter wächst. Dann kommt die Musik dazu, die Choreografie, die Kostüme und das Bühnenbild. Das letzte Wort habe natürlich Trainerin Britta Bausch, doch die Darbietung wachse und gedeihe in der ganzen Gruppe, erzählen die Tänzer. Und sieht man die beiden Jungs strahlen, als sie von der »Geburt eines Showtanzes« erzählen, ahnt man, wie wichtig das für sie ist. Man will gemeinsam etwas schaffen und auf die Bühne bringen, das Publikum mitreißen.

Das schaffen die meisten Männerballette, wie der tosende Saal beweist. Den ungelenken Herren im Ringelhöschen vergangener Tage wäre dies wohl auch gelungen. Aber irgendwie anders.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Choreografie
  • Choreografien
  • Elefanten
  • Musikverein Griedel
  • Theater
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.