04. Juli 2008, 16:48 Uhr

Wassergymnastik für den kleinen Fridolin

Wöllstadt (chr). »Heile, heile Gänschen, es wird bald wieder gut…« – was für jedes Sorgenkind gilt, gilt für Fridolin besonders. Der sieben Wochen alte Gänserich mit dem grau-weißen Federkleid ist mit seinen beiden verkümmerten Füßchen, einem gebrochenen Bein und einem Beckenschaden ein echter Pechvogel. Tierschützerin Jutta Knierim-Haustein aus Ober-Wöllstadt hat den Gänserich deshalb unter ihre Fittiche genommen. Mithilfe einer Physiotherapie soll Fridolin allmählich richtig schwimmen und laufen lernen. Geduld heißt die Maxime.
04. Juli 2008, 16:48 Uhr
Physiotherapie für den verletzten jungen Gänserich: Fridolin unternimmt in der Badewanne erste Schwimmversuche. (Foto: chr)

Der kleine Gänserich hatte bislang wenig Glück. »Fridolin ist während eines Gewitters geschlüpft«, erzählt die Adoptivmutter. Nach dem schwierigen Start ins Leben geschah das Unglück: Küken Fridolin wurde auf dem Weg zur Weide von den erwachsenen Gänsen überrannt – er zog sich dabei schwere Verletzungen zu.

»Der Kleine wurde nicht behandelt, sondern vom Bauern einfach in eine Ecke gesetzt«, klagt die »Gänse-Mutti« und blickt mit Sorge auf ihren Schützling. »Der Knochen des gebrochenen Beins ist schief zusammengewachsen, die Muskulatur enorm zurückgegangen und das Becken lädiert. Dazu kommen seine verkümmerten Füßchen. Als ich Fridolin geholt habe, konnte er noch nicht mal auf den eigenen Beinchen stehen.«

Um dem putzigen Gänserich zu helfen, hat die Adoptivmutti gemeinsam mit einer auf Hunde spezialisierten Physiotherapeutin ein tierisch gutes Reha-Programm entwickelt – ein Novum für Physiotherapeut und Federvieh gleichermaßen.

Fridolin muss täglich Wassergymnastik absolvieren. Das Planschen in der Badewanne ist für den Patienten anstrengend und spaßig zugleich: Mit viel Geschnatter fordert er seine »Mama« dazu auf, ihn mit Streicheleinheiten beim Training zu unterstützen.
Mit Massagen und Bewegungsübungen bringt die Physiotherapeutin Fridolin zusätzlich auf Trab.

Wenn Knierim-Haustein ihr Pflegekind behutsam aus der Wanne hebt, es in ein Handtuch packt und abtrocknet, weiß sie: »Das ist immer ganz schön aufregend für Fridolin.« Dann bringt sie den Gänserich in den Stall zurück, den er sich mit der alten Henne Bertha teilt.
Dass sich die Anstrengung der vergangenen Tage lohnt, ist schon zu erkennen. »Fridolin hat an Muskeln zugelegt und kann schon einen kurzen Augenblick auf den eigenen Beinen stehen«, freut sich die Adoptivmutter.
Damit Fridolin später ein halbwegs normales Leben führen kann, ist die »Gänse-Mama« auf Hilfe angewiesen. Das Problem: die verkümmerten Füßchen. »Ich wäre so dankbar, wenn ein orthopädischer Tierarzt Fridolin kostenlos untersuchen würde, denn ich kann nicht einschätzen, ob die Füße physiotherapeutisch zu behandeln sind, ob man sie operieren kann oder Fridolin vielleicht eine kleine Gehhilfe braucht.«
Fridolin ist nicht das einzige Sorgenkind von Knierim-Haustein: Die Tierschützerin hegt und pflegt außer dem Gänserich zwei Hunde, zwei Vögel, neun Katzen und 13 Igel.
Marode Zähne, gebrochene Kiefer oder vereiterte Abszesse – von jedem Tier kann sie die Leidensgeschichte erzählen. Mit Streicheleinheiten und medizinischer Versorgung päppelt die 49-Jährige ihre Schützlinge auf und gibt ihnen, was sie bislang vermissten: viel Liebe.
Mit ihrer privaten Igelstation engagiert sich die Wöllstädterin besonders für die kleinen Stachler. In der kalten Jahreszeit überwintern bei ihr bis zu 50 Igel. Unter den 13, die sie zurzeit im Haus untergebracht hat, sind sechs Dauergäste. »Zu alt, zu klein, zu schwach«, bringt sie die Gründe auf den Punkt, die gegen eine Auswilderung sprechen.
Gesunde Igel, die mehr als 700 Gramm auf die Waage bringen, werden allerdings über Auswilderungsbeete wieder in die Freiheit entlassen. Sich Futter, Wasser und Schlafplatz selbst suchen zu müssen – dieser Stress bleibt »Opi« erspart. Mit seinen zwölf Jahren ist der Igel ein richtiger Senior. »Da die meisten Igel in der Natur total verwurmt sind, werden sie in der Regel nur bis zu vier Jahre alt«, sagt die Tierschützerin. Besonders Darm- und Lungenwürmer machten den süßen Stachlern zu schaffen. »Wer einen kleinen, hustenden, apathischen oder tagsüber aktiven Igel findet – bitte sofort zu mir bringen!«, lautet der Appell der Expertin. »Die Tiere sind krank und brauchen unsere Hilfe.« Aber Achtung: Igel-Mütter dürfen im Eifer des Gefechts nicht von ihren Jungen getrennt werden. Damit Knierim-Haustein den Tieren in Zukunft noch besser unter die Pfoten greifen kann, hat sie bei der Naturschutzbehörde eine öffentliche Igelstation beantragt. »Dann kann ich Spendenquittungen ausstellen«, meint sie und hofft, dass andere Tierliebhaber sie finanziell bei ihrer Arbeit noch stärker unterstützen werden als bisher.
Futter, Handtücher, Zeitungen und Näpfe – allein die Unter-bringung kostet sie pro Tag und Igel 2,50 Euro. Ihr größter Wunsch gilt derzeit allerdings Fridolin: »Ich hoffe, dass sich bei mir ein orthopädischer Tierarzt meldet und ihn untersucht.« Damit das arme Gänschen endlich laufen lernen kann.

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