26. Oktober 2017, 20:41 Uhr

Ein Zwayer – zwei Meinungen

26. Oktober 2017, 20:41 Uhr

PRO Ich werde mich nie damit anfreunden können, sportliche Auseinandersetzungen auf dieser Ebene schlussendlich auf ein paar wenige Schiedsrichterentscheidungen zu reduzieren. Felix Zwayer ist ja erst in dem Moment in die Kritik geraten, als er seinen Assistenten als menschlichen Videobeweis zu Hilfe nahm. Eine Vorgehensweise, für die er bei nachträglich umgekehrtem Zeitlupen-Beweis medial geadelt worden wäre. So aber polarisiert nun mal der Fußball vor Tausenden im Stadion und Millionen vor den Bildschirmen.

Über die Rücknahme des Elfmeters in der 34. Minute lässt sich diskutieren. Keine Frage! Dann aber auch bitte darüber, dass von der Kreisliga bis zur Regionalliga abseits der TV-Kameras regelkonform zumeist das erste Foul geahndet wird. Und das geschah vier, fünf Meter vor dem Strafraum. Das wissen auch ein Trainer Hasenhüttl und ein Direktor Rangnick.

Über Gelb-Rot für Leipzigs Keita kann es keine zwei Meinungen geben. Gelb für die erste (gezielte !?) Sprunggelenk-Attacke war unstrittig, da darf es auch keine Rolle spielen, ob zuvor zwei, drei ähnliche Münchner Vergehen gegen ihn ungeahndet blieben. Und für das – wenn auch nur kurze – Zupfen am Lewandowski-Trikot, mit dem aus dem Mittelfeld heraus ja eindeutig ein Bayern-Konter unterbunden wurde, sieht die Regel nun einmal ebenfalls zwingend Gelb vor. Übrigens blieb Zwayer beim »Trikottest« seiner Linie treu, so gab es auf Bayern-Seite für Boateng und Kimmich hierfür gleichfalls Gelb. Und für die durchweg eher mäßigen Elfmeter der Leipziger gegenüber den genialen der Münchner beim finalen Shootout konnte der Schiedsrichter nun wirklich nichts.

Der gesunde Fußballverstand sagt über die Pokal-Partie: Ancelotti hat die Ballbesitz-Bayern in einem fragwürdigen Zustand hinterlassen, der Nachfolger Heynckes noch viel Arbeit bereiten wird. Die Leipziger haben gezeigt, weshalb sie überfallartig in die deutsche Fußball-Spitze vorgedrungen sind.

KONTRA Felix Zwayer steht völlig zu Recht in der Kritik. Ich teile die Meinung von Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl: »Einer konnte das Niveau nicht halten.« In drei zentralen Punkten lag der Schiedsrichter daneben. Bei den Attacken gegen Keita war Zwayer viel zu großzügig. Leipzigs Mittelfeldspieler musste viel einstecken. Sehr viel sogar. Ich unterstelle den Bayern-Profis Kalkül, dass sie von Beginn an mehrfach überhart bis unfair gegen den 22-Jährigen eingestiegen sind. Da waren in der ersten Hälfte böse Tritte dabei, die nur ein Ziel hatten. Es ist ja kein Geheimnis, dass Keita seine Nerven nicht immer im Griff hat. Den Beweis, den dritten Platzverweis in 39 Tagen, lieferte er später selbst. Zwayer hätte von Beginn konsequenter durchgreifen und die Attacken ahnden müssen – zum Beispiel Robbens übles Einsteigen, als der Ball nicht in der Nähe war. Die Gelbe Karte für den Niederländer gab’s trotzdem nicht.

Zweiter grober Patzer: der nicht gegebene Elfmeter nach Vidals Beinschere gegen Forsberg. Natürlich zerrte das Bayern-Raubein schon kurz vor der Strafraumgrenze am Trikot, aber umgegrätscht hat er den Stürmer klar im Sechzehner. Dass sich der gut stehende Zwayer vom 40 Meter vom Tatort entfernten Assistenten umstimmen ließ und seine Elfmeter-Entscheidung zurücknahm, bestätigt an diesem Abend Hasenhüttls Niveau-Kritik.

Und dann der Platzverweis gegen Keita: Die erste Gelbe Karte war verdient, wenngleich ähnliche Vergehen zuvor gegen den Leipziger nicht bestraft wurden. Aber beim Zupfer gegen Lewandowski hätte Zwayer die Regel nicht so streng auslegen müssen – vor allem, weil er zuvor (zu) viel durchgehen ließ. Dass der Leipziger Elfer in der zweiten Hälfte ein Geschenk war oder die »Königin der Konzessionsentscheidungen«, wie es Mats Hummels formulierte, spricht auch nicht für den Schiedsrichter. Nein, er hat nicht das Spiel entschieden – aber er hatte keinen guten Tag, der Herr Zwayer. Ein packendes Fußballspiel war es trotzdem.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos