22. Oktober 2017, 22:20 Uhr

Ein überragendes Spiel Trostloses 0:0 im Krisenduell

2:2 nach 0:2 – Eintracht Frankfurt hat gegen Tabellenführer Borussia Dortmund das mit Abstand beste Heimspiel dieser Saison gezeigt. Jetzt kann sich die Mannschaft in der oberen Tabellenhälfte festbeißen.
22. Oktober 2017, 22:20 Uhr
Völlig »losgelöst von der Erde« feiert Mijat Gacinovic (2. v. l.) den 2:2-Ausgleichstreffer seines Eintracht-Kollegen Marius Wolf (r.) gegen Borussia Dortmund. Sébastien Haller und Branimir Hrgota (l.) jubeln mit. (Foto: dpa)

Der Vergleich von Fredi Bobic war lustig, aber nicht ganz passend. Bei dem verrückten 2:2 (0:1) zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund sei es zeitweise zugegangen »wie bei den Alten Herren«, sagte der Frankfurter Sportvorstand hinterher. Bobic meinte damit, dass es in diesem Spiel irgendwann gar keine taktischen Fesseln, dafür aber eine Torchance nach der anderen gab. Tatsächlich aber war dieser Nachmittag so rasant und dynamisch, dass ein Alt-Herren-Spieler dabei keine zwei Minuten durchgehalten hätte. Es war das mit Abstand beste Eintracht-Heimspiel der Saison.

»Das war ein Leckerbissen, da war alles mit dabei: Kampf, Offensivfußball, tolle Fans«, meinte auch Kevin-Prince Boateng. »Das war ein überragendes Spiel ohne Wenn und Aber.«

Es war immerhin der Tabellenführer der Fußball-Bundesliga, gegen den die Eintracht nach Gegentoren von Nuri Sahin (19.) und Maximilian Philipp (57.) schon mit 0:2 zurücklag, ehe ihr innerhalb von nur vier Minuten der Ausgleich durch ein Elfmeter-Tor von Sebastien Haller (64.) und den ersten Saisontreffer von Marius Wolf (68.) gelang.

»Meine Mannschaft hat 90 Minuten lang ein Top-Spiel gegen eine Top-Mannschaft gezeigt«, sagte Frankfurts Trainer Niko Kovac hinterher. »Ich hoffe, dass sie dadurch sieht, dass sie gegen Top-Mannschaften bestehen kann und gegen vermeintliche Nicht-Top-Mannschaften auch so gut spielen muss.«

So langsam erinnert die Eintracht wieder an die Hinrunde der vergangenen Saison, als sie mit einer völlig neu zusammengewürfelten Mannschaft die Liga aufmischte. Aktuell steht sie nach neun Spieltagen auf Platz sieben. Bereits am Dienstag geht es im DFB-Pokal zum Regionalligisten FC Schweinfurt 05. An den beiden darauffolgenden Freitagabenden haben die Frankfurter dann die Chance, sich im Derby bei Mainz 05 und im Heimspiel gegen Werder Bremen vorerst in der oberen Tabellenhälfte festzusetzen.

Sogar die Stärken der Eintracht ähneln jenen der vergangenen Saison. Sie ist körperlich sehr robust und taktisch enorm flexibel. Sie kann einen eigentlich überlegenen Gegner völlig entnerven wie beim 1:0-Sieg bei Borussia Mönchengladbach. Sie kann ihn aber auch in eine offene »Schlacht bis zur letzten Sekunde« (David Abraham) zwingen, wie an diesem Samstag gesehen. Die spielerischen Defizite dieses Teams fielen in beiden Spielen kaum ins Gewicht.

Eine weitere Parallele zum Vorjahr ist allerdings auch das große Verletzungspech. Denn zu den Langzeitausfällen wie Omar Mascarell, Alexander Meier oder Marco Fabian kam an diesem Wochenende auch noch Timothy Chandler hinzu. Der 27-Jährige zog sich gegen Dortmund einen Riss des Außenmeniskus zu und muss jetzt am rechten Knie operiert werden. Wie lange der Außenverteidiger genau ausfallen wird, lässt sich erst nach der Operation einschätzen.

Eigentlich leistet sich die Eintracht den Luxus, gleich drei Spieler für die rechte Abwehrseite auf der Gehaltsliste zu haben. Doch jetzt sind alle drei verletzt. Denn Danny da Costa hat einen Sehnenanriss im rechten Oberschenkel, Yanni Regäsel muskuläre Probleme.

Der 1. FC Köln und Werder Bremen sind nach dem trostlosen Krisenduell des Tabellenletzten gegen den Vorletzten als einzige Vereine der Fußball-Bundesliga weiter ohne Saisonsieg. Nach dem 0:0 hat der FC zwei Punkte, die Bremer stehen mit fünf Zählern ebenfalls miserabel da.

Erstmals in der Erstliga-Historie trafen Köln und Bremen als 18. und 17. aufeinander – und einer sollte dabei eigentlich im Fokus stehen: Claudio Pizarro. Doch der 39 Jahre alte einstige Werder-Star musste bei seinem geplanten Startelfdebüt für Köln wegen einer Verletzung kurzfristig passen.

»Brust raus! Blick nach vorne!« – so stand es auf einem Spruchband der FC-Fans. Und es begann ganz gut für Köln: Pizarro-Ersatz Sehrou Guirassy hatte in der 6., 8., 13. und 33. Minute vier Möglichkeiten, köpfte einmal vorbei, einmal direkt auf Werder-Keeper Jiri Pavlenka und scheiterte auch beim dritten und vierten Versuch am Tschechen. Gegen Yuya Osako rettete Pavlenka ebenfalls (19.). Werder-Angreifer Ishak Belfodil köpfte auf der Gegenseite knapp daneben (31.).

Das Chancen-Plus der Kölner, die auf den verletzten Kapitän Matthias Lehmann verzichten mussten, blieb für die nach vorn sehr harmlose Nouri-Auswahl vor 50 000 Zuschauern im ausverkauften Stadion bis zur Pause folgenlos. Vier Minuten nach dem Wechsel vergab Maximilian Eggestein eine Top-Chance der Bremer, die in einer Begegnung auf sehr schwachem Niveau zwischendurch etwas mutiger wurden. Auch der spät eingewechselte Max Kruse konnte die Partie nicht entscheiden.

Kurz vor Schluss hätten dann beinahe doch noch die Kölner gejubelt: Guirassy vergab zunächst freistehend vor dem Tor die Riesenchance auf das 1:0, kurz darauf parierte Pavlenka erneut gegen Guirassy (88.). Auf der Gegenseite rettete Konstantin Rausch auf der Linie (90.) und verhinderte damit einen späten Bremer Sieg.

Macht ihn das Alter nicht nur milder und reifer, sondern auch richtig witzig? Kaum hat die SZ (siehe »Sport-Stammtisch« vom Samstag) blitzgescheit analysiert, dass es »ganz einfach« sei, »warum Heynckes’ Bayern wieder gewinnen«, nämlich indem er Müller stärkt, streng nach Hierarchie aufstellt und nicht rotiert, da veralbert Heynckes die Sterndeuter des Fußballs, indem er Müller auf die Bank setzt, mit ihm Hierarchie-Spitzen wie Boateng, Thiago oder Kimmich, wilder rotiert als ein durchgedrehter Guardiola auf Speed und mit einer Mannschaft antritt, die einfallsloser und uninspirierter spielt als unter dem Tranquilizer Ancelotti. Einfach witzig, der Jupp!

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Und Glück hat er auch noch. Der Bayern-Dusel ist wieder da. In Reinkultur, denn erst wirft dieser Dusel einen HSV-Dussel vom Platz, der vergessen hat, dass sein Foul meistens mit Gelb bestraft wird und nur manchmal mit Rot, aber im Zweifelsfall immer zugunsten der Bayern, und dann lässt er die Bayern ihr lahmes 1:0 nach Hause schaukeln.

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Nur eine Sache ist wirklich neu: Thomas Müller, spät einrotiert, legt ein Tor vor und rotiert gleich wieder raus – mit einer Muskelverletzung! Obwohl bis Samstag als gesicherte Erkenntnis galt, dass Müller überhaupt keine Muskeln hat. Eine neue Form der Phantom-Verletzung? Spaß beiseite, im Ernst: gute Besserung!

In Frankfurt sahen wir kein lahmes 1:0, sondern ein wildes 2:2, bei dem die Eintracht auch 7:5 hätte gewinnen können, denn der BVB spielte nicht mit seiner chronisch anfälligen Defensive, sondern lieber ganz ohne. Was die Leistung unserer hessisch integrierten »Stinker« (siehe ebenfalls »Sport-Stammtisch« vom Samstag) aber nicht schmälert. Auch Handkäs’ stinkt und schmeckt so gut. Vor allem, wenn Musik drin ist.

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Und damit zu den Beatles. Yeah, yeah, yeah! Im Kicker- Interview sagt der überaus sympathische spanische WM-Trainer Vicente del Bosque, als Jugendlicher sei Real Madrids »Generation Yé-Yé« sein Vorbild gewesen und der Name »abgeleitet von dem Beatles-Schlager«. Was? Gibt es einen Beatles-Titel, den ich nicht kenne? Kann nicht sein. Wikipedia klärt auf: »Yé-Yé leitet sich vom englischen Ausruf Yeah ab, der in der englischen Beatmusik, etwa in dem Beatles-Song She Loves You, ein beliebtes Füllselwort darstellte. Dem Yé-Yé werden im weiteren Sinne Popsänger verschiedener Stile zugeordnet, darunter Rocker wie Johnny Hallyday.« Ich bin beruhigt. Yeah, yeah, yeah!

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Del Bosque sinniert auch über die »Ungeheuerlichkeiten« der neuen Ablöse-Summen. Stimmt. Aber andererseits könnte man Katar auch dankbar sein. 200 Millionen für einen Jungen auszugeben, der mit einem Ball spielen kann, zwar besser als andere Jungs, aber eben nur mit einem Ball, das beweist doch nur im Freilandexperiment die These vom Geld, dessen Wert eine bloße irreale Übereinkunft ist.

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Scheinbar irreal auch, dass Trainer Martin Schmidt in Wolfsburg eine alte mütterliche Anweisung neuväterlich umsetzt: Nach dem Spiel und nach dem Training Zähneputzen nicht vergessen. Reimt sich zwar nicht, wie im Original mit Händen, Klo, Essen und vergessen, die Anweisung wird von Schmidt aber penibler überwacht als in den meisten Kinderstuben. Grund: Zähneputzen hemmt die Säure, die sich nach großer Anstrengung bildet und die Regeneration erschwert. Sagt Schmidt.

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Irgendwo habe ich das schöne Wort von der »Sauberkeitsdressur« gelesen. Ob exzessives Zähneputzen dazu gehört, weiß ich nicht. Ganz sicher schädlich, so die HNO-Medizin, sei aber das Puhlen im Ohr mit Wattestäbchen. Obwohl es viele (ich auch!) als angenehm empfänden, denn damit stimuliere man einen sensiblen Bereich, eine Art »G-Punkt« (ach so!). Ohrenschmalz sei nicht schädlich, im Gegenteil, es schütze die Haut. Früher habe man es sogar zur Lippenpflege benutzt, und manche schwören auch heute noch darauf, einen Batzen Ohrenschmalz auf ihren Lippenherpes zu schmieren. Na ja, geküsst wird mit Herpes ja sowieso nicht.

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Ohrenschmalz könnte, aber das ist nur meine Vermutung, sogar Asyl-Lügner überführen, denn es setzt sich bei verschiedenen Volksgruppen unterschiedlich zusammen. Den Pass kann man fälschen, sein Ohrenschmalz nicht. Nur für den Nasenpopel gibt es noch keine gesellschaftlich verwertbare Funktion. Weg mit ihm. Schnipp! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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