29. Juni 2018, 22:17 Uhr

Hohn als Gelächter der Hölle?

Aus. Aus. Aus. Der Weltmeister ist raus. Trauer legt sich über Fußball-Deutschland wie Pyronebel über die Fankurve. Doch im Jahr 2018 müssen die Nationalspieler auch Häme und Spott ertragen. Von den eigenen Fans. Warum?
29. Juni 2018, 22:17 Uhr
Die. Fans von Südkorea jubeln über den Sieg gegen Deutschland am Mittwoch, ein deutscher Anhänger blickt konsterniert drein. (Foto: dpa)

Es hätte so schön sein können: Tolles Sommerwetter, eine berauschend spielende Nationalelf, positiver Fußball-Patriotismus. »Sommermärchen reloaded« eben. Doch dann das Aus. In der Vorrunde! Historisch. Erbärmlich. Peinlich. So lauten die viel genutzten Adjektive nach der 0:2-Pleite gegen Südkorea am Mittwoch. Ausgerechnet »Die Mannschaft« hat sich selbst geschlagen, kehrt bedröppelt nach Hause zurück. So mancher Fan ist tief drin im Fußballloch. Fans des Hamburger SV und des 1. FC Köln kennen das nur zu gut, doch als Fan der Nationalmannschaft gab es so ein Gefühl schon lang nicht mehr. Was tun, wenn der langersehnte WM-Sommer so abrupt endet? Und woher kommt dieses Gefühl der Häme?

Für einige Hartgesottene zählt jetzt nur noch eins: der Bundesliga-Spielplan! Den gibt es seit Freitag – und immerhin der kann in Büros, Kantinen und Biergärten ausgiebig diskutiert werden. Da steigt die Vorfreude auf die nächste Saison.

Aber mal ehrlich: Die WM boykottieren, nur weil Deutschland nicht mehr mitspielt? Wer auf Kracher wie Frankreich-Argentinien, Uruguay-Portugal oder Brasilien-Mexiko verzichten will – selbst schuld! Freut Euch schon mal auf Bundesliga-«Knüller« wie Hoffenheim-Wolfsburg oder Augsburg-Hannover, will man diesen Fußballfreunden zurufen.

Das sieht Professor Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg ähnlich: »Fußballfans werden eh weiter schauen, da ab der K.-o.-Runde das Niveau der Spiele steigen wird und sich auf spannende und hochklassige Paarungen gefreut werden kann.« Allen anderen empfehle er, sich auf die Faszination einer WM einzulassen und sich zu trauen, neue Wege zu bestreiten. »Ob ein Fußballabend mit Freunden oder Kollegen aus einem Land, das noch dabei ist oder ein Mitfiebern in einem mexikanischen, portugiesischen oder französischen Restaurant.« Wer wirklich mitfiebern will, der sucht sich eben eine neue Herzensmannschaft. Vielleicht das Team eines Bundesligaspielers, der beim Lieblingsverein spielt? Andere freuen sich mit Freunden, deren Heimat-Team es besser macht als die Deutschen oder man drückt dem Gastgeberland des Urlaubs die Daumen – wenn das nicht ausgerechnet die WM-Abstinenzler Italien, Griechenland oder Niederlande sind.

Aber gab es so richtiges WM-Fieber in Deutschland diesmal überhaupt oder war nicht von vornherein alles irgendwie so lala? Der umstrittene Gastgeber Russland hat deutlich weniger Vorfreude gemacht als das Fußball-Wunderland Brasilien 2014. Die Übersättigung mit Fußball auf allen Kanälen, absurde Ablösesummen wie die 222 Millionen Euro für Neymar, überhaupt das viele Geld und noch dazu das Misstrauen Vieler gegenüber dem Fußball-Weltverband FIFA – etliche Fans haben dieser Tage ein ambivalentes Verhältnis zum Profifußball.

Beim Weltmeister kommt erschwerend hinzu, dass eine Titelverteidigung ohnehin schwierig ist. Kämpft man für das, was man schon hat, mit dem gleichen unbedingten Willen? Der enorme Leistungsdruck auf die Spieler könnte auch Leichtigkeit und Begeisterung gekostet haben.

Doch erklärt das alles die Häme und den Spott, der sich nach dem Vorrunden-Aus über die DFB-Elf ergießt? Mittelfeldspieler Toni Kroos sagte schon nach dem Spiel gegen Schweden, als er in letzter Sekunde den Siegtreffer erzielt hatte: »Man hat das Gefühl, dass es viele Leute in Deutschland gefreut hätte, wenn wir heute rausgegangen wären.« Wen er genau meinte, blieb unklar. Möglicherweise auch Politiker der AfD, die seit Wochen gegen Spieler mit Migrationshintergrund ätzen – vor allem gegen Mesut Özil und Ilkay Gündogan im Zuge der Affäre um die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer beschrieb »Hohn als Gelächter der Hölle«. »Aber ein teuflisches Gefühl ist es sicherlich nicht, im Gegenteil es ist ein zutiefst menschliches«, sagt Professor Ulrich Reinhardt. Fast jeder empfinde eine gewisse Schadenfreude über Missgeschicke anderer. Im Fall der Nationalmannschaft reagierten manche auch aus Neid und Frust mit Spott. Aber auch Scham spiele eine Rolle, meint Reinhardt. »Die Welt lacht über uns, da suchen auch wir einen Schuldigen.«

Für den Zukunftswissenschaftler aber eher ungewöhnlich: Dass sich die Schadenfreude gegen die eigene Nationalmannschaft richtet. »Bei Siegen zu feiern, sich bei Niederlagen aber abzuwenden, spricht nicht dafür ein echter Fan zu sein.«

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