17. April 2017, 22:43 Uhr

Diego Demme

Miserable Chancenverwertung Aufstand im Tabellenkeller Ein Zahn für ein Tor

Spiel Nummer zehn ohne Sieg: Die Frankfurter Eintracht verliert bei Borussia Dortmund mit 1:3 und gerät immer mehr unter Zugzwang. Ein Erfolg am Samstag gegen den FC Augsburg ist Pflicht, sonst steigt die Abstiegsgefahr bei den Adlerträgern.
17. April 2017, 22:43 Uhr
Symptomatisch: Dortmunds Abwehrchef Sokratis klärt vor Eintracht-Angreifer Branimir Hrgota (r.). (Foto: dpa)

Eintracht Frankfurts Vorstand Fredi Bobic fehlte es nach dem 1:3 (1:2) bei Borussia Dortmund an jeglichem Humor. »Es macht keinen Spaß, dem Gegner zu Punkten zu gratulieren«, sagte der Sportvorstand nach dem zehnten sieglosen Bundesliga-Spiel in Serie. Die Hessen waren nach dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus mit einem »mulmigen Gefühl« in den Westen gereist und mit Ratlosigkeit zurückgekehrt. »Es war ein gutes Spiel«, meinte Chefcoach Niko Kovac nach der ungewöhnlichen Bundesligapartie am Samstag. »In Anbetracht der Situation vom Dienstag war wieder Normalität im Spiel.« Normal ist inzwischen jedoch auch, dass die Hessen nicht gewinnen und im Niemandsland der Tabelle zwischen einem wieder möglichem Abstieg und einem noch immer erträumten Europacup-Platz liegen. Der letzte Sieg wurde am 18. Spieltag errungen. Da war die Eintracht Tabellendritter, inzwischen ist sie auf Rang zehn abgerutscht. Nur einmal in der Liga-Geschichte gab es eine längere Negativserie. In der Saison 1983/84 waren es 16 sieglose Partien. »Wie in den vergangenen Wochen waren die Chancen da, die Tore nicht«, befand Kovac und stellte nicht ohne Bitterkeit fest: »Der BVB hat seine Chancen eiskalt genutzt.«

Marco Reus (3.) sorgte mit einem Hackentor für die Führung, die Marco Fabian (29.) ausgleichen konnte, bevor Sokratis (35.) für die Gastgeber auf 2:1 erhöhte. Um ein Haar wäre den Gästen durch Fabian sogar das 2:2 gelungen, doch sein Distanzschuss in der 69. Minute verfehlte das BVB-Tor um Zentimeter. Für den 3:1-Endstand sorgte Pierre-Emerick Aubameyang (86.). »Nicht effektiv«, kommentierte Bobic die miserable Chancenverwertung seines Teams. Dabei wähnte man sich bei der Eintracht nach dem 2:2 gegen Werder Bremen und den ersten Toren seit langem wieder gut in Schuss. Da nutzte es in Dortmund auch nichts, dass Frankfurt »richtig gut gespielt« habe, wie Mittelfeldspieler Mijat Gacinovic urteilte.

Wohin geht nun der Weg im Bundesliga-Endspurt? Torwart Lukas Hradecky empfahl, erstmal »nach unten zu gucken«. Richtungsweisend ist die nächste Heimpartie gegen den Tabellen-16. FC Augsburg am Samstag. Mit einem Sieg gegen Augsburg würde sich das Thema Abstieg erledigen, sagte Hradecky. Dann hätte man 41 Punkte und den Klassenerhalt wohl gesichert und könnte sogar noch ein wenig nach oben schielen.

Bei einer weiteren Niederlage dürfte die Abstiegsangst bei den Hessen aber auch angesichts des Restprogrammes wieder enorm steigen. Denn in zwei Wochen würde es auswärts beim Champions-League-Anwärter 1899 Hoffenheim weitergehen. Danach folgen noch die Spiele gegen den VfL Wolfsburg, bei Mainz 05 und gegen RB Leipzig.

Spektakulärer Abstiegskampf, Gerangel um die Europapokalplätze und große Emotionen bei Borussia Dortmund im zweiten Spiel nach dem Sprengstoffanschlag – der Saisonendspurt der Fußball-Bundesliga hat es in sich. Im Kampf um die Meisterschaft bleibt die Frage, wann die Bayern nach der Nullnummer in Leverkusen ihren 27. Titel feiern. Gedanklich war der Rekordmeister ohnehin beim wichtigsten Saisonspiel am Dienstag bei Real Madrid.

Kurios: Im Rennen um die Europa-League-Plätze verloren die vor dem Spieltag von Rang fünf bis neun rangierenden Teams allesamt. Hier hätte Schalke 04 am Sonntag einen Riesensatz machen und bis auf einen Punkt an Platz sechs heranrücken können. Die Königsblauen leisteten sich aber ein 1:2 beim Schlusslicht Darmstadt 98, das damit den vorzeitigen Bundesliga-Abstieg verhinderte. Schalke muss nun sogar den Blick nach unten richten.

Im Bundesligaspiel eins nach der Terrorattacke zeigte Borussia Dortmund beim 3:1-Erfolg gegen Eintracht Frankfurt wieder großen Sport. Nach der Partie ließen die Spieler ihren Gefühlen freien Lauf. »Es ist nicht besser geworden bei uns allen«, sagte Kapitän Marcel Schmelzer. »Es ist natürlich nicht verarbeitet. Es werden immer wieder diese Momente hochkommen«, erklärte BVB-Trainer Thomas Tuchel. Das Team erinnerte nach dem Spiel vor der Südtribüne an den beim Anschlag verletzten Marc Bartra, der am Spieltag das Krankenhaus verlassen konnte. Mit dem Erfolg konnte der BVB allerdings keinen Boden auf Rang drei gutmachen, weil Konkurrent 1899 Hoffenheim das größte Spektakel des Spieltags für sich entschied. Mit dem 5:3 in Sinsheim im tollen Fußballspiel gegen Borussia Mönchengladbach kommen die Kraichgauer der Champions League immer näher. Mit großen Schritten eilt auch RB Leipzig der Champions League entgegen, die Playoffs hat der Neuling nach dem 4:0 gegen den SC Freiburg schon sicher. »Wir wollen mit aller Macht diesen zweiten Platz halten«, sagte Trainer Ralph Hasenhüttl, der mit seinem Team acht Punkte hinter dem Rekordmeister liegt.

Im Kampf um den Klassenverbleib mussten der Hamburger SV und vor allem der FC Ingolstadt schmerzhafte Niederlagen hinnehmen. Der HSV kassierte am Sonntag trotz einer frühen Führung ein 1:2 im Nordderby bei Werder Bremen und liegt weiter mitten im Pulk der Teams, die akut bedroht sind. Fast nicht zu glauben: Werder, vor nicht langer Zeit selbst noch tief im Keller, hat nun gute Aussichten auf die internationale Qualifikation. Der FCI unterlag nach zuvor drei Siegen in Serie 0:3 beim VfL Wolfsburg und hat den Relegationsplatz bei vier Punkten Rückstand wieder ein wenig aus den Augen verloren.

Für diese Konstellation haben die beiden Heimsiege der punktgleichen Teams des FC Augsburg und des FSV Mainz 05 gesorgt. Dadurch hat der Tabellen-16. Augsburg schon 32 Punkte. Bayer Leverkusens Sportchef Rudi Völler, dessen Team nach dem 0:0 gegen den FC Bayern München auch noch nicht aus dem Schneider ist, sieht ein ganz enges Rennen voraus: »In diesem Jahr brauchst du 40 Punkte.«

Am Tag nach seinem schmerzhaften Premieren-Tor im Profi-Fußball strahlte RB Leipzigs Mittelfeldspieler Diego Demme – und das ohne Zahnlücke. Denn noch am Samstagabend bekam der Mittelfeld-Abräumer ein Provisorium für seinen ausgeschlagenen Schneidezahn eingesetzt. »Wie man sieht, hat der Zahnarzt super Arbeit gemacht«, scherzte der 25-Jährige. Jetzt spielt er mit einer Schiene, ehe nach dem Saisonende ein Keramikzahn eingesetzt wird.

Wie der Ball zu seinem ersten Tor überhaupt ins Tor fiel, bekam Demme nicht mit. »Ich habe leider nur gesehen, wie der Zahn raus gefallen ist. Ich freue mich riesig, dass es geklappt hat, den Verlust des Zahnes verkrafte ich«, sagte Demme. Bei seinem Kopfball hatte ihn der Freiburger Nicolas Höfler unabsichtlich im Gesicht getroffen. Seine amüsierten Mitspieler suchten noch auf dem Feld den Zahn und wurden fündig. »Der steht jetzt in der Vitrine zu Hause«, flachste Demme. Trainer Ralph Hasenhüttl, der Demme auch seinen Krieger nennt, hat keine Bedenken, dass ihm das noch mal passiert. »Selbst wenn er bei jedem Tor einen Zahn verliert, hat er am Ende seiner Karriere noch sein ganzes Gebiss.«

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