12. Juli 2018, 21:53 Uhr

Nachwuchsarbeit auf Prüfstand

Nach dem deutschen Vorrunden-Aus bei der WM werden Mängel im Fußball-Nachwuchs diskutiert. Die U17 und die U19 enttäuschen in diesem Jahr, DFB-Chef Grindel hinterfragt die Ausbildung. Drohen schwierige Zeiten?
12. Juli 2018, 21:53 Uhr
Da war die Welt noch in Ordnung: Nach dem U21-EM-Gewinn im Juni 2017 jubeln Torwarttrainer Klaus Thomforde, Co-Trainer Antonio di Salvo, Trainer Stefan Kuntz und der damalige Co-Trainer Daniel Niedzkowski mit dem Pokal. Nach dem WM-Debakel des A-Teams in Russland wird auch über die Nachwuchs-Ausbildung in Deutschland diskutiert. (Foto: dpa)

Ein Jahr nach den Triumphen der U21 und des jungen Confed-Cup-Teams steht nach dem WM-Aus der Nationalmannschaft auch die viel gerühmte Talentarbeit im deutschen Fußball auf dem Prüfstand. »Wir müssen fragen, ob bei der Ausbildung der Nachwuchsspieler zu Spielerpersönlichkeiten alles richtig läuft. Müssen wir sie zu mehr Eigenverantwortung, mehr Selbstständigkeit bewegen?«, sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Zu wenig Platz für Entfaltung, kaum besondere Spielertypen, kein selbstständiges Denken – so lauten einige Kritikpunkte. Warnsignale gab es schon vor diesem deprimierenden schwarz-rot-goldenen Fußball-Sommer. Für 15 Nachwuchs-Turniere in Serie qualifizierten sich die deutschen U-Nationalmannschaften. Den Titel holten aber nur die U21 bei der EM im vergangenen Jahr und die U19 im Jahr 2014. Im März riss die Serie der Turnierteilnahmen, als die von Meikel Schönweitz trainierte U19 – wenn auch äußerst unglücklich – die Qualifikation für die kommende Woche beginnende EM-Endrunde in Finnland verpasste. Dazu enttäuschte die U17 bei ihrer EM. Schönweitz hatte als Leiter der U-Nationalmannschaften schon damals eine »trügerische Phase« angemahnt. »Erfolg ist aber das Ergebnis einer Entwicklung, also eines Prozesses und dieser Prozess bedarf einer ständigen Anpassung«, sagte Schönweitz im Rahmen der U19-EM-Quali im März. Offiziell äußern wollen sich der U19-Coach oder U21-Trainer Stefan Kuntz dieser Tage nicht.

Ein Jahr, nachdem paradiesische Zustände nach zwei Titeln für den deutschen Fußball prophezeit worden waren, ist natürlich nicht alles schlecht. Aber Sorge bereitet die Situation schon. Kein einziger U21-Europameister stand im deutschen WM-Kader. »Der EM-Titel unserer U21 darf nicht den Blick darauf verstellen, dass wir in den jüngeren Jahrgängen erhebliche Rückschläge hinnehmen mussten«, warnte Grindel im »Kicker«.

Der frühere Nationalspieler Mehmet Scholl ätzte vor mehreren Monaten Richtung DFB und kritisierte die Generation der »Laptoptrainer«. »Die Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribbling probieren«, monierte er. »Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.« Mit seiner Wortwahl rückte er gute Ideen in den Hintergrund. Beim neuen DFB-Chefausbilder Daniel Niedzkowski rannte er inhaltlich jedenfalls »offene Türen« ein. »Es ist auf jeden Fall wichtig, sich inhaltlich mit Kritikern auszutauschen und damit insgesamt offen umzugehen, statt gleich alles abzuwehren«, sagte Niedzkowski in der »Sport Bild«. Ein Treffen soll geplant sein.

Maßvoller als Scholl klang Ex-Nationalspieler Christoph Metzelder, der mehr »individuelle, extrovertierte Egoisten« fordert. »Die haben wir in Deutschland nicht, weil wir sie eigentlich auch nicht wollen. Aber wir brauchen sie in Zukunft, weil das die Spieler sind, die Spiele entscheiden«, sagte der 37-Jährige.

England hat solche Leute im Nachwuchs, die Teams von der Insel haben auch deshalb im vergangenen Jahr drei von fünf möglichen Titeln im Juniorenbereich geholt. »Derzeit überholen uns andere Nationen wieder. Sie sind uns gegenüber in vielen Bereichen schneller, dynamischer und genauer«, sagte Kuntz kürzlich der »Rheinischen Post«.

Das sieht die Bundesliga ähnlich. »Die Engländer haben stark aufgeholt in den letzten Jahren«, sagte Jochen Sauer, der Nachwuchschef des FC Bayern. »In Frankreich mit ihren Centre de Formation wird traditionell eine sehr gute Jugendarbeit betrieben.« Der WM-Finalist um Kylian Mbappé besticht durch Dynamik und hat einen riesigen Fundus an Ausnahmekönnern. Der deutsche Fußball sei aber nach wie vor auf einem »hervorragenden Niveau«, sagte Sauer. Damit das so bleibt, ist eine stetige Weiterentwicklung und Anpassung notwendig, da sind sich alle Beteiligten einig.

Ein nächster Schritt des DFB ist der geplante Bau der bis zu 150 Millionen Euro teuren Akademie. Allein ein Festhalten am erfolgreichen System reicht jedenfalls nicht aus. »Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir jeden Stein umdrehen müssen, wenn wir an der Weltspitze bleiben wollen«, sagte der Chefausbilder Niedzkowski – und das sogar schon vor der WM.

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