29. Juni 2018, 22:06 Uhr

Wer will, wer kann?

Die DFB-Bosse warten. Der Bundestrainer grübelt. Nach dem WM-Absturz geht es um die Perspektiven für den gesamten deutschen Fußball: Die nächsten Maßnahmen müssen sitzen. Denn in zwei Jahren soll es im eigenen Land wieder ein Sommermärchen geben – zumindest ein kleines.
29. Juni 2018, 22:06 Uhr
Gute Stimmung: Bei einer Trainertagung des DFB unterhalten sich Bundestrainer Joachim Löw (r.) und Jürgen Klopp. Nicht wenige wünschen sich, dass der Coach des FC Liverpool Löw-Nachfolger wird. (Archivfoto: dpa)

Joachim Löw ist weg – erst mal. Ob er noch mal als Bundestrainer auftaucht, ist ungewiss. Die Debatten um die Zukunft der in Russland stark beschädigten Nationalmannschaft und die Rolle des abgestürzten Weltmeister-Trainers halten unvermindert an. Auch über mögliche Löw-Nachfolger wird bereits eifrig spekuliert. Der deutsche Fußball ist schwer angeschlagen, »wir sind am Boden«, sagte Löw selbst.

Verbandschef Reinhard Grindel und Manager Oliver Bierhoff wissen: Die nächsten Entscheidungen, gerade bei der Position Bundestrainer, müssen sitzen, um zwei Jahre vor einer halben Heim-Europameisterschaft nicht vollständig den Anschluss zur Spitze zu verlieren. Falls Löw in der kommenden Woche hinschmeißt oder der DFB von dessen Plänen nicht mehr restlos überzeugt wäre, müssten Grindel und Bierhoff schnell als Bundestrainer-Sucher ran.

Es wäre ein schwieriges Unterfangen. Die potenziellen Löw-Nachfolger sind nicht frei. Jürgen Klopp (FC Liverpool) und Thomas Tuchel (Paris Saint-Germain) haben langfristige Verträge bei europäischen Spitzenclubs. Hoffenheim-Coach Julian Nagelsmann hat für 2019 schon bei RB Leipzig unterschrieben. Jupp Heynckes ist 73 und gerade zum dritten Mal in den Ruhestand gewechselt. Verbandsinterne Lösungen scheinen wenig realistisch. Der Österreicher und Ex-Leipziger Ralf Hasenhüttl ist derzeit ohne Job genau wie der Franzose Arsène Wenger. Der Elsässer spricht Deutsch, gilt nach seinem Abschied nach vielen Jahren beim FC Arsenal aber nicht als innovative Zukunftslösung.

Erst einmal aber geht es noch um Aufarbeitung. »Wir müssen knallhart intern diskutieren«, sagte Bierhoff. Schon vor der WM-Blamage hatte der für die Zukunftsausrichtung verantwortliche DFB-Direktor auf den Nachholbedarf in allen Segmenten hingewiesen: Vom Jugendbereich über die Bundesliga bis hin zum wichtigsten Aushängeschild Nationalelf.

»Es gibt ja nicht nur einen Grund oder die einzige Sache, die zum Scheitern beigetragen hat. Es gibt mehrere Gründe«, erklärte Löw, bevor er sich für unbestimmte Zeit zur Entscheidungsfindung irgendwo in seine private Welt zurückzog. Der 58-Jährige will und muss herausfinden, welchen Anteil er sich persönlich vier Jahre nach dem WM-Triumph in Brasilien am Versagen, an der größten sportlichen Krise seit 14 Jahren anlastet. »Das ist meine Verantwortung, das zu tun«, unterstrich Löw. »Die Fans erwarten tief greifende Veränderungen«, erklärte DFB-Boss Grindel.

2004 war das DFB-Team unter Rudi Völler bei der EM in Portugal ähnlich dramatisch wie jetzt in der Vorrunde gescheitert. Danach folgten solche tief greifenden Veränderungen: Die Legende machte Platz, damit die Nationalmannschaft die Heim-WM 2006 unbelastet angehen konnte. Jürgen Klinsmann kam als Visionär. Jetzt steht der Verband vor einer ähnlichen Situation.

Die EM 2020 geht als multikulturelles Turnier in zwölf europäischen Städten über die Bühne. Für das deutsche Team und die Fans kann es wieder zu einem Sommermärchen werden im eigenen Land, zumindest ein kleines: In der Vorrunde finden zwei Spiele in München statt, auch das Mannschafts-Quartier soll in Deutschland aufgeschlagen werden. Die Verantwortlichen müssen das nutzen, um das arg angekratzte Image wieder aufzupäppeln.

Denn nach dem WM-Titel 2014 ist das Kunstwerk Nationalmannschaft der Wirklichkeit mehr entrückt als je zuvor. Außer als zahlendes Publikum haben die Fans keine Möglichkeit mehr, ihren Lieblingen zumindest etwas näher zu kommen. Schon im Trainingscamp in Südtirol ließ der DFB seine Stars immer hinter riesigen Sichtschutzwänden trainieren. Die Spieler wurden auch in Russland in Watte gepackt. Ein riesiger Betreuerstab von mehr als 50 Leuten kümmerte sich um jede Kleinigkeit. Anscheinend funktioniert diese Parallelwelt nicht. Im wichtigsten Bereich, dem Fußball, versagte das Raumschiff Nationalmannschaft.

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