31. Mai 2017, 21:47 Uhr

Zwei Weltmeister als Rivalen

Ein Deutscher wird in diesem Jahr auf jeden Fall in der Champions League triumphieren: »Motor« Toni Kroos von Real Madrid oder »Arbeiter« Sami Khedira von Juventus Turin. Hätte Torhüter-Altmeister Buffon auf dem Bolzplatz die Wahl, wäre seine Entscheidung klar.
31. Mai 2017, 21:47 Uhr

Die Weltmeister Toni Kroos und Sami Khedira sorgen bei ihrem Strategen-Gipfel für ein Champions-League-Novum. Zum ersten Mal in der glorreichen Königsklassen-Geschichte kämpfen zwei deutsche Stars mit ausländischen Finalisten um Europas Fußballkrone. Der letztjährige Gewinner Kroos will als Titelverteidiger mit Real Madrid den Henkelpott zum insgesamt dritten Mal in den Nachthimmel recken. Khedira möchte in der Siegerliste dorthin, wo der 27 Jahre alte DFB-Kollege durch Erfolge mit Madrid und Bayern schon ist: Nach dem Triumph mit Real im Jahr 2014 strebt der 30-Jährige mit Juventus Turin den begehrtesten Vereinstitel mit seinem zweiten Club an.

»Es ist nicht unmöglich, dass sich unsere Wege kreuzen. Sonst spielen wir ja Seite an Seite. Jeder kennt den anderen ganz genau«, sagte Kroos in Vorfreude auf das Duell in der Mittelfeld-Zentrale. »Jeder konzentriert sich auf sich und sein Team«, sagte Khedira zu möglichen Kontakten vor dem Spiel. Die beiden sorgen beim Final-Spektakel in Cardiff auch dafür, dass Bundestrainer Joachim Löw besonders genau hinschaut. Beide sind für die WM in einem Jahr feste Größen, beim Confed Cup bekommen sie eine Verschnaufpause.

Der 76-malige Nationalspieler Kroos und der 70-malige Auswahlspieler Khedira sind aber nicht nur bei Löw Stützen: Beide übernehmen auch tragende Rollen in ihren Weltklasse-Vereinsmannschaften. Beim Streben nach Balance auf dem Spielfeld führen sie ihre Strategen-Aufgaben mit unterschiedlichen Schwerpunkten aus.

Real-Star Kroos bevorzugt die offensivere Rolle und ist als »Herr der Standards«, wie er in Spanien gerühmt wird, gefährlicher Vorbereiter. Der bestens dotierte Vertrag bis 2022 macht den Mann mit der Passgenauigkeit zu einem Großverdiener im Weltfußball. »Mein dritter Titel in der Königsklasse – schön wäre es«, sagte Kroos in der »Bild«. »Wenn wir es schaffen, könnte man durchaus von einer Ära der vergangenen Jahre sprechen«, erklärte er in der »Sport Bild« mit Blick auf die nie geglückte Titelverteidigung.

2014 wechselte Kroos ein Jahr nach dem Champions-League-Sieg mit dem FC Bayern zu den Königlichen. Über einen neuen Vertrag in München wurde seinerzeit keine Einigkeit erzielt. »Wir alle lieben ihn«, schwärmte Madrids Coach Zinedine Zidane. »Er ist außergewöhnlich, beidfüßig und ein unglaublich intelligenter Spieler.«

Damals war Khedira schon vier Jahre bei Real. Anders als Ballverteiler und Edeltechniker Kroos verkörpert der frühere Stuttgarter klassische deutsche Tugenden: Wille und Einsatz, dazu besticht er mit einer ungeheuren Dynamik. Khedira, der medial schon als machtvoller »Jedi-Ritter ohne Laser-Schwert« gepriesen wurde, ist dabei noch mehr als Kroos auf Absicherung bedacht. Wie wichtig Khedira wirklich ist, merkt man immer erst dann, wenn er draußen ist. »Natürlich wollen alle lieber Tricks und Tore sehen. Ich auch«, sagte Khedira, der rechtzeitig fit wurde. »Nur: Mit elf Dybalas würde man wahrscheinlich gegen den Abstieg spielen. Die Mischung macht’s.«

Khedira wurde in seinen fünf Jahren in Madrid ohne den Spektakel-Faktor im Spiel auch kritisch gesehen. Seine Fähigkeiten als Stabilisator werden im Defensivliebhaberland Italien höher geschätzt. Trainer Massimiliano Allegri braucht seinen »stillen Anführer«, der noch einen Vertrag bis 2019 hat. »Als man damals unter Kumpels kickte und vor dem Beginn die Wahl gewann, hätte ich Sami immer als ersten Spieler für mein Team gewählt«, umschrieb Torwartlegende Gianluigi Buffon im »Kicker« Khediras Stellenwert.

Privat hat sich Khedira seit der Trennung von Model Lena Gercke aus dem Fokus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Auch von Kroos sieht man wenig Privates, wenngleich der schon mal wie beim Viertelfinal-Erfolg über den FC Bayern mit dem Söhnchen durch die Interviewzone düst. Pur-Fan Kroos tritt im Gegensatz zu Khedira aber etwa als Gala-Veranstalter für seine Stiftung auch im größeren Rahmen auf.

Kroos und Khedira sind Musterbeispiele dafür, dass deutsche Stars auch Abseits vom FC Bayern viele, viele Titel gewinnen können und international hohe Wertschätzung genießen. »Kroos ist im Spiel von Real wie ein Motor«, rühmte etwa der Spanier Xavi, der viermal mit dem FC Barcelona die Champions League gewann. »Khedira ist ein stiller Arbeiter«, sagte der 37-Jährige.

»Keinen Favoriten« sieht der nun ehemalige Fußball-Profi Philipp Lahm beim Zweikampf der langjährigen Kollegen. »Es gibt nicht mehr die Duelle, die es früher mal gab, in denen der eine dem anderen 90 Minuten hinterherläuft und ihn ausschalten muss. Deshalb gibt es auch nicht das Eins-zu-eins-Duell zwischen Toni Kroos und Sami Khedira«, sagte Lahm. Doch besonders ist dieses Kräftemessen allemal. (Fotos: dpa)

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