09. November 2019, 16:05 Uhr

30 Jahre Grenzöffnung

Die Mauer ist offen - was kommt nun?

Als die Menschen in Ost und West die Grenzöffnung feierten, beschlich den jungen DDR-Fußballer Ronald Baumbach ein mulmiges Gefühl: »Für mich als Sportler war es ein seltsamer Tag.«
09. November 2019, 16:05 Uhr

Der 9. November 1989 stellte Baumbachs Leben auf den Kopf. Plötzlich war nicht nur die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten weg: »Alles, was ich hatte, war auch auf einen Schlag weg.«

30 Jahre nach der Wende sitzt Ronald »Ronny« Baumbach im Gießener Eiscafe »San Marco«, rührt in seinem Milchkaffee und sagt: »Ich bin zufrieden mit meinem Leben.« Seit 25 Jahren hat der 52-Jährige seinen Lebensmittelpunkt in Mittelhessen. Als Fußballer und Interimscoach des VfB 1900 Gießen in der Oberliga Hessen hat sich Baumbach in der Sportszene genauso einen Namen gemacht wie als Trainer bei einigen Vereinen in der Region.

All das war für ihn bis zum Herbst 1989 unvorstellbar. Als Verteidiger spielte er bei Rot-Weiß Erfurt in der Oberliga, der höchsten Klasse der DDR - unter anderem mit dem späteren Schalke- und Bayern-Profi Thomas Linke. Als er am 9. November nach einem Auswärtsspiel auf dem Weg zu seiner Familie in die thüringische Rhön ist, wird Baumbach stutzig. »Ich habe mich gefragt, warum so viele Autos in Richtung Eisenach fahren. Aber erst zu Hause habe ich dann gehört, dass sie das Ding in Berlin aufgemacht haben.« Sein erster Gedanke damals: »Ach du lieber Gott, das kann doch alles nur ein Spaß sein. Für mich stand die Mauer ewig.« Die Auswirkungen waren sehr schnell begreifbar. Seine Eltern, die an jenem Wochenende ihre Silberhochzeit feierten, mussten das Fest in eine Nachbargemeinde verlegen, weil sie im Sperrgebiet wohnten, das die Verwandtschaft aus dem Westen nicht betreten durfte. »Am Tag nach der Feier konnten wir dann einfach über die Grenze gehen. Völlig verrückt war das«, erinnert sich Baumbach.

Doch als die Grenze weg war, kamen die Zukunftsängste. »Im Osten hätte ich mir nie Gedanken über die Zukunft machen müssen, weil im Endeffekt alles geregelt war.« Sein Weg war vorgezeichnet: Als Angestellter einer Firma oder eines Kombinats Fußballer in der Oberliga, zum Ausklang vielleicht noch ein, zwei Runden in der 2. Liga. »Und danach hätte ich wahrscheinlich irgendwann als Platzwart gearbeitet.« Für Baumbach keine spektakuläre, aber eine sichere Zukunft.

Daraufhin hatte er seit seinem neunten Lebensjahr hingearbeitet. »Ich bin jeden Tag zum Fußball. Ich war bis mittags in der Schule, bin aus dem Bus ausgestiegen, habe meiner Mutter den Ranzen gegeben, dafür die Sporttasche genommen und bin dann um 18 Uhr heimgekommen.« Der Aufwand lohnte sich für den kleinen Ronny, der mit 13 Jahren so richtig Fuß im DDR-Sportsystem fasste: Der Kicker der BSG Aufbau Pferdsdorf bekam das Angebot, das Sportinternat in Jena oder Erfurt zu besuchen. Er entschied sich für Erfurt - aus einem banalen Grund. »Die Jenaer haben darauf bestanden, dass ich den Kontakt zu meinen West-Verwandten komplett abbreche. Dann kam das Angebot von Erfurt, und die haben gesagt, wenn ich mir die Post aus dem Westen nicht ins Internat sondern nach Hause schicken lasse, dann ist das kein Problem.« Die Zeit in der Sportschule mit 1000 anderen Talenten hat Baumbach in sehr guter Erinnerung, auch wenn sie anstrengend war. »Der Fußball stand für mich schon im Mittelpunkt, aber wer in der Schule schlecht war, musste das Internat verlassen.« Der Abwehrspezialist blieb. Er wechselte nach dem Abschluss ins Team von Rot-Weiß Erfurt, absolvierte parallel eine Ausbildung zum Daten- und Büromaschinentechniker und debütierte in der Saison 1986/87 als 19-Jähriger unter dem späteren Bundesligatrainer Hans Meyer (u. a. Nürnberg und Gladbach) in der Oberliga. »Nach 55 Minuten war aber schon Schluss, weil ich Rot gesehen habe«, sagt Baumbach heute lachend und blickt zurück: »Ich war nie der Riesen-Kicker, Fußball spielen konnten andere besser. Ich habe aber immer den Einsatz gehabt. Mir war es egal, ob das 1. Liga im Osten oder B-Klasse bei der SG Bersrod/Lindenstruth war: Wenn ich auf dem Platz stand, wollte ich unbedingt gewinnen. Und das, glaube ich, hat Hans Meyer gefallen.« In der kommenden beiden Runden spielte er in der 2. DDR-Liga für Aktivist Kali Werra Tiefenort und Robotron Sömmerda, wechselte im Frühjahr 1989 aber nach Erfurt zurück und wurde zum Stammspieler. Bis in den UEFA-Cup schafft er es mit den Rot-Weißen, die in der zweiten Runde gegen Ajax Amsterdam ausschieden. In jener Zeit lernte Baumbach auch die Tücken des Systems kennen. Weil seine Mutter bei dem Geburtstag ihrer Oma im Westen zu Besuch war, durfte er zu einem Spiel ins Ausland nicht mitfahren. »Plötzlich waren angeblich meine Blutwerte schlecht und ich musste in Erfurt bleiben. Als meine Mutter und die Mannschaft wieder zu Hause waren, waren auch meine Blutwerte wieder in Ordnung. So perfide war das damals.«

Auf der anderen Seite genoss er als Sportler Privilegien: »Wenn ich eine größere Wohnung gebraucht habe, hat das jemand vom Verein geregelt und innerhalb von drei Tagen hatte ich sie.« Andere mussten Jahre warten. »Als Sportler waren wir schon eine andere Klasse. Du hast schon gemerkt: Sie entschädigen dich für den Verlust deiner Kindheit. Und den hatte ich eindeutig. Wenn die anderen acht Wochen Ferien hatten im Sommer, hatte ich eine Woche. Den Rest war ich für den Fußball unterwegs.« In späteren Jahren auch im kapitalistischen Ausland.

Rückblickend war das für Baumbach auch ein Grund, warum es ihm in der DDR nicht zu eng wurde, obwohl der Grenzzaun nur 500 Meter von seinem Elternhaus entfernt war. »Ich hatte nie das Gefühl, eingesperrt zu sein. Vieles im Westen hatte ich ja schon einmal gesehen.« Dennoch ist ihm der erste Besuch in einem West-Kaufhaus in Erinnerung geblieben: »Ich bin reingekommen und habe gedacht, ich bin im Schlaraffenland.« Dass war die BRD auf den zweiten Blick natürlich nicht. Genauso wenig, wie in der DDR nicht alles schlecht war: »Ich vermisse heute noch den Zusammenhalt unter den Menschen. Der war im Osten viel ausgeprägter«, sagt Baumbach.

Seit 1994 lebt er in Mittelhessen, wohnt inzwischen in Steinbach und hat schöne Jahre beim VfB 1900 Gießen gehabt und später Erfolge als (Spieler-)Trainer zum Beispiel mit Eintracht Lollar oder der SG Fronhausen gefeiert. Seine Zukunft hat er am Ende seiner Karriere selbst in die Hand genommen - er arbeitet nicht, wie zu DDR-Zeiten gedacht, als Platzwart, sondern im Gießener St.-Josefs-Krankenhaus in der Abteilung für Sterilisation. Dort beschäftigt er sich mit OP-Utensilien und nicht mehr mit quirligen Stürmern wie Ulf Kirsten, gegen den er besonders gerne gespielt hat: »Das war immer ein Feiertag für mich«, lacht Baumbach: »Der war einfach und geradlinig, den konnte ich halten, weil ich relativ schnell und zweikampfstark war. In den Duellen mit ihm hat es immer richtig geraucht«. Während Kirsten später bei Bayer Leverkusen das große Geld verdiente und 1998 sogar an der WM teilnahm, ging dieser Traum für Baumbach nicht in Erfüllung. Die Voraussetzungen dafür hatte der laufstarke Defensivmann wohl. »Als wir mit Rot-Weiss Frankfurt gegen Leverkusen gespielt haben, hat der Stepi (Anm.: der damalige Bayer-Trainer und ehemalige Weltklasse-Außenverteidiger Dragoslav Stepanovic) zu mir gesagt: ›Als sie die Spieler für die Bundesliga gesucht haben, warst du wohl in der Disco‹. Vielleicht hat er Recht gehabt.« Denn nach Erfolgen, erzählt Baumbach, hat er auch mal ganz gerne gefeiert. »Vielleicht hätte ich es das eine oder andere Mal lassen sollen. Wenn ich mir überlege, wie Uwe Bindewald bei Eintracht Frankfurt verteidigt hat - das hätte ich mir auch zugetraut.«

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