23. Oktober 2019, 12:00 Uhr

Rekord-Treter

Ein Schuh soll Flügel verleihen

Immer mehr Rekorde werden in einem Schuhmodell des US-Herstellers Nike gelaufen. Auch in Gießen ist der »Vaporfly Next%« gefragt. Ist der Hightech-Treter Doping für die Füße?
23. Oktober 2019, 12:00 Uhr
Eliud Kipchoge läuft seinen Fabelrekord in Hightech-Schuhen von Nike. Hier feiert er im Ziel mit seiner Frau Grace Sugutt. (AFP)

Als Jens Nerkamp Ende September mit 46 000 weiteren Läufern an der Startlinie des Berlin-Marathons stand, kam er sich unter den anderen Spitzenathleten einsam vor. »Alle um mich herum trugen den grünen oder pinken Schuh von Nike«, sagt der 30-Jährige aus Kassel, der in 2:14:54 Stunden bester Deutscher wurde - in einem Treter von Adidas und nicht im angeblichen Wunderschuh »Vaporfly Next%« des US-Sportartikelherstellers.

Spätestens seit dem 12. Oktober ist die neue Konstruktion von Nike das Gesprächsthema in der Laufszene. Da rannte Eliud Kipchoge in Wien den Marathon als erster Mensch unter zwei Stunden. An seinen Füßen hatte der Kenianer eine bislang streng geheime Weiterentwicklung des »Vaporfly Next%«. In Kipchoges »alphaFly« sind drei Carbon-Platten und zwei runde Luftpolster eingebaut, die wie ein Katapult wirken sollen. Angeblich hat man bei jedem Schritt das Gefühl, bergab zu laufen.

Schon bei seinem ersten Versuch, die Zwei-Stunden-Barriere zu durchbrechen, half dem Ausnahme-Athleten 2017 die revolutionäre Technik. Die erste Version nannte Nike »Vaporfly 4%« - angeblich weil der Schuh die Laufökonomie um vier Prozent verbessert.

Das klang nach genialem Marketing. Aber fünf der besten Marathonzeiten wurden zuletzt in dem Nike-Modell erzielt - auch der unglaubliche Weltrekord der Kenianerin Brigid Kosgei, die in Chicago die 16 Jahre alte Bestzeit um 81 Sekunden verbesserte.

Selbst manche Athleten, die bei Adidas unter Vertrag stehen, nutzen die Nike-Schuhe heimlich. So trug der Äthiopier Herpassa Negasa beim Dubai-Marathon im Januar den »Vaporfly« und malte drei Streifen auf, damit nicht auffällt, dass er fremdläuft. Das flog trotzdem auf - und brachte ihm Ärger mit den Herzogenaurachern ein. Optisch ist Kipchoges »AlphaFly« Geschmackssache. An der Ferse ist die Sohle rekordverdächtige 51 Millimeter dick - irgendwo muss die Technik ja untergebracht werden. Aber auch mit Hightech wiegt das Nike-Produkt nur 185 Gramm.

Der Hype um die Schuhe spürt auch der Einzelhandel. »Es kommen schon Leute vorbei, die wollen ihn mal anschauen und anprobieren«, sagt Sabine Schmidt von »Runners Point« in Gießen. Am Kreuzplatz ist der Schuhe zwar nicht vorrätig, »wir bestellen ihn aber gerne für unsere Kunden«, erklärt Schmidt. Sie hat in jüngster Zeit zwei Exemplare des »Vamporfly Next%« an ambitionierte Triathleten verkauft. »Für Hobbyläufer ist der Schuh eher nicht geeignet. Die werden wohl keinen so großen Unterschied merken, zumal er nach 250 bis 300 Kilometern fertig ist.« Bei einem Preis von 275 Euro - man läuft also rund einen Euro pro Kilometer runter. Außerdem gibt die Fachberaterin zu bedenken: »Es gibt verschiedene Lauftypen, deshalb ist nicht jeder Schuh für jeden Läufer geeignet.« Dennoch ist Schmidt von dem »Vamporfly Next%« überzeugt: »Von der Leichtigkeit und vom Obermaterial ist der schon klasse.« Sie selbst käme aber nicht auf die Idee, die Marke zu wechseln. »Ich wäre sicher nicht viel schneller mit dem Schuh«, lacht sie.

Entbrannt ist längst eine Diskussion, ob die von Nike verbaute Hightech-Ausrüstung ein unerlaubter Vorteil ist. Grundsätzlich ließe sich über diesen Punkt streiten, sagt Sebastian Weiß, der Bundestrainer für den Mittel- und Langstreckenbereich der Frauen, bei Sport1: »Aber beim Stabhochsprung wird ja beispielsweise auch am perfekten Stab gearbeitet oder beim Rennrodeln am perfekten Schlitten. Die Technik geht weiter.« Weiß sieht deshalb in dem Nike-Produkt kein unfaires Hilfsmittel: »Wer den besseren Schuh hat, kann ihn auch tragen. Laufen muss der Athlet ja trotzdem noch selber.«

Auch der schnelle Nordhesse Nerkamp ist hin- und hergerissen. Er würde den »Vaporfly Next%« gern ausprobieren. Aber er hat auch von einem Spitzenläufer gehört, der sich im angeblichen Wunderschuh einen Ermüdungsbruch zuzog: »Vielleicht ist die Muskulatur gar nicht für den Schuh ausgelegt.« Womöglich kann ihn nur jemand wie Kipchoge tragen. Und der scheint nicht von dieser Welt zu sein.

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