18. Juli 2020, 07:00 Uhr

Jubiläum

Eine Hausnummer im Frauenfußball

Der TSV Hungen spielte einst eine Rolle bei der Geburt des deutschen Frauenfußballs. Die Damen-Abteilung besteht seit 50 Jahren. Mit viel Herzblut halten die Kickerinnen den Laden am Laufen.
18. Juli 2020, 07:00 Uhr
Ein Bild aus der jüngeren Vergangenheit. Der TSV Hungen hat seine sportliche Heimat derzeit in der Kreisoberliga Gießen/Marburg. FOTO: PRIVAT

Doris Hofmann ist mit 691 Spielen und 441 Toren Rekordhalterin beim TSV Hungen, dessen Fußballerinnen nun schon seit 50 Jahren am Ball sind. In ihrer Gaststätte Deutsches Haus ließen aktuelle und ehemalige Kickerinnen dieser Tage ein halbes Jahrhundert Abteilungsgeschichte Revue passieren. Welcher Ort könnte besser geeignet sein, um in Erinnerungen zu schwelgen…

Eigentlich sollte das Jubiläum ganz groß aufgezogen werden: »Für das letzte Juni-Wochenende war ein Freundschaftsspiel gegen einen höherklassigen Verein geplant mit einer anschließenden für jeden offenen Feier«, verrät Luzie Fritz (37), die zusammen mit Annette Fritz (44) die Abteilung leitet. Am ersten Juli-Wochenende sollte eine interne Feier in der Lieblingslokalität in der Kaiserstraße folgen - mit allen Aktiven, die schon für Hungen aufliefen. Corona machte den TSV-Frauen einen Strich durch die Rechnung. Dennoch kamen einige Damen vorbei, die sich - dann eben unter Einhaltung der Abstandsregeln - »aus der Entfernung zuprosteten«. Die Hungener Fußballerinnen wollen das große Fest aber nachholen.

Die Damen der ersten Stunde, die 1970 die Abteilung gründeten, hatten anfangs noch mehr gegen Ressentiments als gegen ihre Kontrahenten zu kämpfen. Denn erst in diesem Jahr hob der DFB offiziell das Verbot des Frauenfußballs auf. Petra Sattler (53), die sich als Spielerin (417 Partien/244 Tore) und Trainerin um ihren TSV verdient machte, steht heute gar dem Gesamtverein vor. Sie war zwar in den ersten Jahren selbst noch nicht dabei, weiß aber: »Am Anfang ging es regelmäßig um die Hessenmeisterschaft und den Hessenpokal. Das waren gut besuchte Spiele mit oft 200 bis 300 Zuschauern.«

Aber auch in der Nachbarschaft spielten Frauen Fußball. »Langsdorf, Obbornhofen, Villingen. Da konnte man mit dem Fahrrad hinfahren«, blickt Sattler zurück. »Das waren noch echte Derbys«, meint Luzie Fritz, die selbst nicht in den Genuss der Nachbarschaftsvergleiche kam und »nur« die Sportkreisduelle gegen Pohlheim oder Langgöns kennt. Abteilungsleiterin Annette Fritz schwärmt noch vom Kreispokalsieg 2000 in Gießen - der 19. insgesamt für den TSV Hungen: »Es ging gegen den FC Großen-Buseck. Wir waren Außenseiter und gingen als 4:2-Sieger vom Platz. Es war überraschend, aber dafür war die Feier umso schöner.«

Wenn Petra Sattler zurückblickt und an die Frauen denkt, die den Verein mit geprägt haben, fallen ihr Namen ein wie Simone Keimel (490 Spiele/217 Tore), Ramona Straube (462/128) oder auch Brigitte Ostheim (428/501).

In der jüngeren Vergangenheit für Furore gesorgt hat in Hungen Julia Burger, die in der Saison 2016/17 enorme Treffsicherheit bewies. Auf »Fußball.de« war ihr Name bundesweit zu lesen, da Burger in der Hinrunde zur besten Torschützin avancierte - in ganz Deutschland. 55 Treffer in 14 Spielen! Am Saisonende kam sie auf stolze 84 Buden. Ein Wert, den sie zuvor nicht annähernd erreichte, dabei allerdings mitunter auch als Torhüterin eingesetzt wurde. Dennoch blieb die TSV-Knipserin, die auch dem aktuellen Kader angehört, stets bescheiden: »Das ist ja keine Einzelleistung. Das Team hat super zusammengespielt.«

Alles andere als ein individueller Verdienst war 2018/19 auch der erste Platz in der Fair-Play-Wertung. Eine Gelbe Karte stand damals zu Buche. »Und wir sind auch mehrfach nur mit neun oder zehn Spielerinnen angetreten, wenn der Gegner nicht vollzählig war«, bekräftigt Luzie Fritz.

Kaum Nachwuchs

Nicht immer gerne erinnert man sich an den einen oder anderen männlichen Sportplatzbesucher, der meinte, die Damenspiele mit anzüglichen Sprüchen kommentieren zu müssen. »In Hungen gibt es so etwas nicht, aber zu manchen Auswärtsspielen sind wir schon mit Bauchschmerzen hingefahren«, verrät Luzie Fritz. Vor allem junge postpubertierende, mitunter auch leicht alkoholisierte Idioten, machten den TSV-Frauen manchmal das Leben schwer. »Man muss offensiv damit umgehen«, erklärt Petra Sattler ihre bevorzugte Vorgehensweise. Luzie Fritz hält sich eher zurück und setzt auf Nichtbeachtung: »Man hat ja als Frau Erfahrungen mit betrunkenen Männergruppen und weiß, wie man damit umgehen muss.«

Wenngleich solch abschreckenden Fälle die Ausnahme sind, ist es den Hungenerinnen zuletzt nicht gelungen, wieder mal ein Mädchenteam zu melden. Das war nicht immer so. Mit 15, 16 Mädels schickte man beim TSV oft auch schon ein Juniorinnenteam ins Rennen. Darin waren dann alle vier Jahrgänge vertreten, die in der B-Jugend spielen dürfen. Die Probleme in der Nachwuchsarbeit sind die gleichen wie bei den Jungs. »Wir hören die abenteuerlichsten Ausreden wie: ›Meine Freundin schreibt eine Klassenarbeit, die muss ich abfragen.‹«

Derzeit steht in Hungen also »nur« Frauentraining an. In der Regel wird montags und mittwochs um 19 Uhr neben der Stadthalle trainiert.

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