04. Juli 2020, 07:00 Uhr

FC Gießen

FC Gießen: Zeit für Veränderungen

Mit dem Ende des Geschäftsjahres beim FC Gießen steht fest: Nur tiefgreifende Veränderungen können die Zukunftsfähigkeit des Fußball-Regionalligisten sichern.
04. Juli 2020, 07:00 Uhr

Nicht nur die Saison ist mit dem 1. Juli seit Mittwoch offiziell abgeschlossen, auch das Geschäftsjahr des FC Gießen ist beendet - kann das nächste nur besser werden? Der kommissarische Geschäftsführer Markus Haupt und Dr. Kai Braun, Gesellschafter der neuen Sponsoren-GmbH, arbeiten an der Zukunft des heimischen Fußball-Regionalligisten.

Ein halbes Jahr nach der Übernahme der Verantwortung durch Markus Haupt lässt sich festhalten: Grundlegende, strukturelle Veränderungen sind notwendig, damit Regionalliga-Fußball in Gießen dauerhaft Bestand hat. Wir zeigen, was sich alles ändern sollte, damit sich das turbulente letzte Jahr nicht wiederholt - und der FC in eine sicherere Zukunft blicken kann.

1. Mehr Transparenz

Am 23. November 2019 trat Jörg Fischer öffentlichkeitswirksam als Geschäftsführer des FC Gießen zurück - am 10. Januar 2020 sagte sein Nachfolger Markus Haupt: »Zum neuen Jahr soll es einen klaren Neuanfang geben.«

Tatsächlich hat der klare Schnitt in dieser Form nicht stattgefunden. Jörg Fischer ist nach wie vor bei nahezu jeder Vorstandssitzung dabei, in relevante Entscheidungen eingebunden. Fischer, der den FC Gießen mit viel Engagement hervorgebracht hat, hat nie losgelassen - er hält die Zügel weiter mit in der Hand. Die Öffentlichkeit aber wurde im Glauben gelassen, eine Trennung habe stattgefunden.

Zwar wurde die »Offensive«-GmbH zur Unterstützung der Regionalliga-Mannschaft gegründet, die Spiellizenz aber liegt nach wie vor beim Verein - dessen Vorstand für die Tilgung der noch bestehenden Altlasten verantwortlich ist. Ein Unsicherheitsfaktor für viele interessierte Unternehmen. Ein Vorstandsmitglied bemängelt: »Mir fehlt die Transparenz im Verein. Wenn man beim FC Gießen Geld investiert, weiß man nicht sicher, wo es letztlich landet.«

Auch den drei schon im Frühjahr 2020 wieder ausgestiegenen Geldgebern wurde kein exakter Einblick in die Finanzen gewährt.

Die Video-Serie des FC mit Werner Damm als Moderator wurde so zum Symbol der Vereinspolitik: »Es ist im Grunde eine schöne Aktion gewesen«, sagt Fan Marc Zimmermann, Vorsitzender der Supporters Gießen. »Aber es interessiert mich nicht, welches das Lieblingsessen eines Spielers ist. Ich will wissen, wie es wirklich um den Verein bestellt ist.«

Der Fußball-Viertligist muss seine Öffentlichkeitsarbeit ligatauglicher gestalten, denn er benötigt nach dem verloren gegangenen Vertrauen nichts mehr als Transparenz. Nur diese kann Glaubwürdigkeit zurückbringen.

2. Ein Konzept für die Sponsoren

Mit den Kündigungen der einst fest angestellten Mitarbeiter Dirk Schäfer und Andreas Heller ist dem FC wichtiges Personal weggebrochen. Offizielle Gespräche mit bestehenden und potenziellen neuen Sponsoren führt vornehmlich Geschäftsführer Haupt, der aber beruflich stark beansprucht ist und somit begrenzte zeitliche Kapazitäten besitzt.

Um das avisierte Budget von 650 000 Euro für die kommende Spielzeit 2020/21 zu erreichen, braucht der FC Gießen weiterhin neue Sponsoren. Haupt bestätigt das: »Das ist so. Aktuell laufen die Gespräche ordentlich an. Wir sind dran.« Alleine auf »Herzblut und Leidenschaft für den heimischen Fußball« zu setzen, wird aber nicht reichen.

Dem FC fehlt ein breit angelegtes Marketingkonzept. Als die Führung um Haupt und Braun interessierten heimischen Unternehmen Anfang des Jahres bei einem Sponsorenabend auf dem Schiffenberg schlicht Zettel präsentierte, auf denen eine Summe angekreuzt werden konnte, war die Verwunderung in Wirtschaftskreisen groß. »Hilflos«, »dilettantisch«, »katastrophal« - mit diesen Worten wird der Abend von Sponsoren beschrieben. Ein Unterstützer des FC sagt: »Wenn man Sponsoren gewinnen will, muss man ihnen ein Konzept vorlegen. Ich brauche zumindest eine kleine Gegenleistung.«

Mit den Gegenleistungen ist das so eine Sache: Vereinbarungen über den Partnerstatus hinweg wurden in der vergangenen Saison nicht immer eingehalten: Vom Liefern eines Fanschals bis hin zum Organisieren eines Netzwerktreffens. Kai Braun sagt: »Wir brauchen die Power aus Gießen und den anliegenden Landkreisen.« Dafür muss der FC den Sponsoren etwas bieten - und offen sein für Veränderungen.

3. Offen sein für Neues

Die im Januar wieder ausgestiegenen drei Geldgeber sollen der FC-Führung den Spiegel vorgehalten haben - das kam nicht gut an. Mehrere Ideen mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund fanden bei der Vereinsführung offensichtlich wenig Anklang. Haupts Antwort auf den Rückzug der Investoren: »Alle drei kamen nicht aus dem Fußballgeschäft - es hat einfach nicht gepasst.«

Tatsächlich sollte der FC an einer Kultur der Kreativität interessiert sein, jede Anregung ernst nehmen, sich Netzwerken öffnen und nicht verschließen, im Landkreis Gießen vertreten sein - und versuchen, alle mitzunehmen.

4. Klare Linie von Aktiven bis zur Jugend

Geschäftsführer Haupt bekräftigt immer wieder, nur für das Regionalliga-Team verantwortlich zu sein. Was erstaunt, da Jugend und 2. Mannschaft zum Funktionieren eines ambitionierten Vereins in der Regel elementar beitragen. Offiziell verantwortlich für Reserve und Jugend ist der Vorstand. Symbolisch für das Verantwortungsvakuum steht der Aufruf von Ende Juni: »Der FC Gießen sucht für den Unterbau der Regionalligamannschaft ... Fußballer, die Lust auf Fußball haben und sich zutrauen, in der Verbandsliga Mitte in der zweiten Mannschaft zu spielen. Bitte unter ... melden.«

Trainer der Reserve ist Roger Reitschmidt, die Jugendabteilung wird geführt von Martin Selmo. Der Vorstand plant durch das beendete Geschäftsjahr nach den Sommerferien das Einberufen einer Mitgliederversammlung. Dort könnte ein neuer Vorstand, der noch bis Februar 2021 im Amt ist, gewählt werden - vorausgesetzt, der alte Vorstand wird entlastet. Der von der engsten Führungsriege angestrebte Plan, Haupt und Braun in den Vorsitz zu hieven, konterkariert die notwendige Transparenz: Die GmbH und der Verein würden dann von den gleichen Personen geführt werden - die für Vereinsmitglieder schon jetzt undurchsichtigen, bemängelten Alleingänge der Führungsspitze dürften sich häufen. Für ein nachhaltiges Bestehen des FC ist zudem eine einende Führung notwendig, die die Belange aller Abteilungen im Blick hat - und sich nicht nur auf das Zugpferd konzentriert.

5. Wertschätzung für die Fans

In der Hessenliga, sagt Marc Zimmermann, sei die Atmosphäre »familiär« gewesen. »Wir Fans durften die Meisterschaft im VIP-Zelt mit den Spielern feiern. Markus Müller und Michael Fink waren Spieler, die das gezogen haben. Auch Nico Rinderknecht hat Kontakt zu uns gehalten - aber der Großteil der Spieler jetzt kennt uns gar nicht. Die Wertschätzung der Club-Führung ging zuletzt gegen null.« Exemplarisch spielt Zimmermann auf den Mitgliedsbeitrag an: »Beim FC Gießen (96 Euro pro Jahr, Anm. d. Red.) ist der höher als bei Borussia Dortmund (62 Euro, Anm. d. Red.)!«

Die rund 30 Mitglieder umfassenden Supporters wollen nun einen »letzten Versuch« unternehmen, sich sinnstiftend einzubringen und mit der FC-Führung konstruktiv zusammenzuarbeiten.

Wer Stimmung im Heim- und Unterstützung im Auswärtsspiel haben möchte, sollte seine Fans mitnehmen. Nur gemeinsam wird es der FC Gießen schaffen, die schwierige Zeit zu überbrücken und die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft zu stellen.

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