27. April 2020, 07:00 Uhr

Ist das vernünftig?

Der Hessische Fußball- Verband hat bei der Frage nach den Vertragslaufzeiten für Klarheit gesorgt - auf dem Papier. Sollte die Saison nach dem 30. Juni fort- geführt werden, wartet auf die Amateurvereine dennoch ein Berg an Gesprächen und Unwägbarkeiten. Lust darauf hat niemand.
27. April 2020, 07:00 Uhr
Ein Handschlag ist in Zeiten des Coronavirus keine gute Idee. Die Saison über den 30. Juni hinaus fortzusetzen auch nicht, meint die Mehrheit der Fußballvereine im Amateurbereich. Weil viele Spieler schon bei anderen Vereinen die Hand drauf gegeben haben, am 1. Juli den Klub zu wechseln, ist ein Hauen und Stechen programmiert. SYMBOLFOTO: DPA

Es sind nicht viele Stellschrauben, an denen momentan gedreht werden könnte. Auf den Fußball bezogen ist das meist eine positive Bewertung der Situation, doch in diesem Fall ist es ein verschwommenes Bild - seit Wochen und wahrscheinlich noch einige Wochen mehr wird kein Fußball gespielt. Zwar ist der Hessische Fußballverband bestrebt, die Saison sportlich zu Ende zu bringen, doch bis zum 17. Mai sind erstmal alle Spiele abgesetzt.

Die Stellschrauben, die momentan gelockert werden, schaffen für die Vereine zumindest ein kleines Stückchen Klarheit, wie die Zukunft aussehen könnte. Das Verständnis hält sich zumindest bei einem Punkt aber in Grenzen.

Der Hessische Fußballverband (HFV) hat seine Spielordnung an die Vorgaben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) angepasst. Konkret geht es dabei um Spielerverträge und Insolvenzverfahren.

Verträge behalten Gültigkeit

Die Frage nach der Gültigkeit von Spielerverträgen über das standardmäßige Saisonende am 30. Juni hinaus ist zumindest auf dem Papier geklärt. In der geänderten Spielordnung des HFV heißt es nun: »Voraussetzung für die Wirksamkeit zukünftiger Verträge ist, dass sie die nächste Spielzeit zum Gegenstand haben.« Sollte die Saison 2019/20 also über den 30. Juni hinausgehen, wären Vereinswechsel erst nach Saisonende - wann immer dies sein wird - bindend. Für viele höherklassig spielende Teams ist das eine durchaus wichtige Entscheidung, sollte die Saison tatsächlich ein sportliches Ende finden. Allein, die Begeisterung hält sich in Grenzen.

Hessenligist FSV Fernwald beispielsweise müsste viele Gespräche führen, um Klarheit zu schaffen, wer im August oder September noch für den Verein in der Hessenliga auflaufen würde, sollte die Saison dann noch im Gange sein. Mittelfeldspieler Erdinc Solak steht schon als Neuzugang vom Ligakonkurrenten Türk Gücü Friedberg im Wort, wäre aber erst für den FSV spielberechtigt, wenn die aktuelle Saison beendet ist. »Die Spieler wollen aber am 1. Juli wechseln«, sagt Marko Semlitsch, sportlicher Leiter beim FSV. »Wir warten auf eine Entscheidung, aber hoffentlich nicht diese komische Idee aus Bayern«, sagt er.

Dort sorgt der Wille, die Saison frühestens ab 1. September oder notfalls auch erst im kommenden Jahr fortzuführen, für kontroverse Diskussionen. Auch deshalb plädiert Semlitsch für einen Saisonabbruch, ebenso wie Kreisfußballwart Henry Mohr: »Eine Fortführung der Saison ergibt keinen Sinn«, sagt er.

Denn, da sind sich Mohr und Semlitsch einig, mancher wechselwillige Spieler und Trainer könnte den juristischen Weg wählen, um nicht über den 30. Juni hinaus beim alten Verein bleiben zu müssen. Für die Vereine würde die Regelung zumindest die Frage beantworten, wie überhaupt mit den Verträgen umgegangen werden soll, sagt Mohr.

Weniger Diskussionen erwartet der Kreisfußballwart beim Thema Auf- und Abstieg, sollte die Saison abgebrochen werden. Auch beim FSV Fernwald ist man dabei unaufgeregt. »Sollten wir dann in die Verbandsliga absteigen, ist es halt so. Aber dann hätten wir gerne jetzt Klarheit, und nicht erst in ein paar Monaten«, sagt Semlitsch. Als abgeschlagenes Schlusslicht der Hessenliga wäre der FSV bei einem Saisonabbruch Spielball der Verbandsentscheidung, ob es in diesem Fall überhaupt Auf- und Absteiger gäbe.

Auch bei diesem Thema fordert Mohr eine Anpassung der Spielordnung. Paragaph 35 regelt, dass das zuständige Verbandsorgan einen Meister bestimmen darf, sollte dieser nicht rechtzeitig ermittelt werden können. »Nur steht nicht festgeschrieben, vor welchem Hintergrund«, sagt Mohr. Eine Pandemie ist eben auch für die Spielordnung eine neue Erfahrung.

Eine Änderung erfährt hingegen sofort die Regelung für Entschädigungszahlungen bei Vertragsauflösung vor Beendigung des ersten Vertragsjahres. Damit sollen die Vereine finanziell entlastet werden. Haben sich Verein und Spieler im ersten Jahr der Zusammenarbeit nach dem 1. April darauf geeinigt, aufgrund der Coronavirus-Krise in den (unbezahlten) Amateur-Status überzugehen, muss der frühere Verein dafür nicht nachträglich finanziell entschädigt werden. Gleiches gilt für Spieler, die sich vor dem Ende des ersten Vertragsjahres als Amateur einem anderen Verein anschließen wollen.

Von einer Insolvenz ist im heimischen Fußballkreis kein Verein akut gefährdet, das bestätigte auch Mohr. Trotzdem hat man vorgesorgt und die Spielordnung nach Vorgabe des DFB angepasst. »Nachdem die aktuelle Entwicklung nicht vorhersehbar war und somit in den Finanzplanungen der Vereine auch keine Berücksichtigung finden konnte, erscheint es nicht mehr sachgerecht, an der bisherigen Regelung, wonach bei Stellung eines Insolvenzantrages in der Regel die klassenhöchsten Herrenmannschaft absteigen musste, festzuhalten«, heißt es dazu in einem Schreiben des HFV. Diese Regelung wird ebenso bis zum 30. Juni 2021 ausgesetzt wie die Annullierung der Ergebnisse im Falle einer Insolvenz.

Angesichts des in der vergangenen Woche auf den Weg gebrachte Hilfsprogramm für gemeinnützige Vereine, die ab dem 1. Mai bis zu 10 000 Euro Soforthilfe beim Land Hessen beantragen können, sollte dem Gros der Amateurvereine keine Insolvenz drohen. Dafür drohen aber, sollte die Saison nicht abgebrochen werden, viele Telefonate und viel geopferte Freizeit.

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