05. August 2017, 16:00 Uhr

Tour der Hoffnung

Maske hätte Klitschko Sieg gegen Joshua zugetraut

Henry Maske, Klaus Peter Thaler oder Britta Unsleber. Beim Prolog der Tour der Hoffnung sind viele Weltmeister, Olympiasieger und nationale Meister am Start. Wir haben uns bei ihnen umgehört.
05. August 2017, 16:00 Uhr
Gefragter Gesprächspartner beim Prolog der Tour der Hoffnung: der ehemalige Box-Weltmeister Henry Maske (r.), links Sportredakteur Ronny Th. Herteux. (Foto: Böhme)

Die Antworten sind vielfältig wie tiefgründig. Es fehle an Sportstätten, die heutige Jugend habe nicht mehr den richtigen Biss, gegen Doping lässt es sich nicht anrennen, der Verband habe die Entwicklung verschlafen, die öffentlich-rechtlichen Medien hätten sich aus einer flächendeckenden Berichterstattung verabschiedet. Und dergleichen mehr. Worte aus berufenem Munde.

Stichwort Boxen: »Wieso nicht?«, kurz und bündig fragt Henry Maske zurück, als ich mich bei ihm danach erkundige, ob es für Wladimir Klitschko ratsam wäre, zu einem Rückkampf gegen Anthony Joshua anzutreten. Allerdings holt einen 24 Stunden später die Aktualität ein, als der Ukrainer seine Karriere für beendet erklärte. Maske, der beim Prolog der Tour der Hoffnung von einem Mikrofon zum nächsten gezerrt wurde, die meisten Autogramme zu schreiben hatte und auch für die meisten Selfies zur Verfügung stehen musste.

Der Körper rank und schlank, präsentiert sich der 53-jährige Olympiasieger, der in den 90er Jahren einen Boxboom in Deutschland mit auslöste. »Ich halte mich fit mit einer Menge Sport, aber im überschaubaren Maße. Ich würde mich als fitten Freizeitsportler bezeichnen«, sagte Maske, der Klitschko durchaus einen Sieg in einem möglichen Rückkampf zugetraut hätte, denn einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden habe er nicht gesehen.

 

Sport beginnt in der Schule

 

Annika Mehlhorn. (htr)
Annika Mehlhorn. (htr)

Stichwort Schwimmen. Annika Mehlhorn, die Hessin aus Baunatal, gehörte als Vizeweltmeisterin zu allerersten Garde und hat auch mit Befremden festgestellt, dass bei der abgelaufenen WM in Budapest aus deutscher Sicht praktisch nichts herausgesprungen ist. Die 34-Jährige will allerdings auch verbandsinterne Gründe durch konzeptionelle Umstellungen des seit 2013 amtierenden Bundestrainers Henning Lambertz ausgemacht haben. »Alles wird umgestellt, alle müssen in Stützpunkten trainieren und die Heimat aufgeben.« Und auch das Kraftkonzept passe nicht zu jedem Schwimmertyp. Das seien »rigorose Eingriffe«, und auch könne man mit Schwimmen kein Geld verdienen. Da komme vieles zusammen.

Ob Schwimmen als trainingsintensive Sportart auch ein Nachwuchsproblem habe? »Wo beginnt der Sport? In der Schule. Und was in den normalen Schulen im Sportunterricht verlangt wird, ist kein Vergleich mehr zu früheren Zeiten.« Auch die Strukturen seien einer gedeihlichen Entwicklung abträglich: »Im Osten gibt es sehr viele Sportschulen, bei uns im Westen allerdings muss man sie suchen.« Ohne entsprechende Sportstätten sei keine Besserung zu erwarten.

Und auch am privaten Engagement scheint es zu mangeln: »Mir war es früher egal, ob meine Oma Geburtstag hatte. Ich musste trainieren. Heute müssen die viel mehr für die Schule lernen, sind dazu auch mal krank, und dann fehlen schnell 30 Tage Training im Halbjahr. Ein anderes Riesenproblem sind die Eltern«, sagte die Baunataler Schwimmtrainerin, »die schicken ihre Kinder zum Sport, obwohl sie gar nicht wollen.« Heute hat sie die Perspektive gewechselt, agiert vom Beckenrand aus. Aktiv schwimmen ist nicht mehr ihr Ding, »vielleicht bin ich zu müde, habe es zu lange gemacht, ich vermisse es einfach nicht.«

 

Wessinghage-Lob für Krause

 

Ellen Wessinghage. (htr)
Ellen Wessinghage. (htr)

Stichwort Leichtathletik: Die WM ist am gestrigen Freitagabend in London eröffnet worden. »Natürlich nehme ich noch Anteil am Damen-Mittelstreckenlauf, allerdings bin ich nicht mehr richtig drin im Geschehen«, sagte Ellen Wessinghage, die inzwischen 69-Jährige, die 1975 zur Sportlerin des Jahres gewählt wurde. Besonders erfreut zeigte sich die mehrfache deutsche Meisterin, dass mit Gesa Felicitas Krause wieder eine deutsche Läuferin in der Weltspitze angekommen ist. Dennoch hat auch sie mit Sorge registriert, dass die Leichtathletik nicht mehr jenen Stellenwert wie einst genieße: »Früher wurde viel mehr im Fernsehen übertragen, heute ist das Angebot einfach zu groß.«

Die Themen Korruption und Doping sind inzwischen auf höchster Ebene im Weltverband angekommen. »Ich bin froh, dass hier langsam aufgedeckt wird. Ich kann ihnen auch genau sagen, wann das mit Doping in der DDR und in Russland bei uns angefangen hat. 1971 haben wir bei der EM in Helsinki, als ich Dritte über 1500 m wurde, noch eng beieinandergelegen, es war ein fairer Wettkampf um Zehntelsekunden. Ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in München laufen die plötzlich um Sekunden schneller. Das waren dieselben Frauen, die ich 1970 im Europacup noch geschlagen habe«, schaute Wessinghage auf jene Ereignisse zurück.

»Danach konnte ich international nichts mehr gewinnen, aber mein Vorteil ist, dass ich mich heute fit und gesund fühle.«

 

Wie eine abgenutzte Zitrone

 

Eva Pfaff. (htr)
Eva Pfaff. (htr)

Stichwort Tennis: Acht Doppeltitel hat Eva Pfaff gewonnen, im Einzel spielte sie sich bis auf Platz 17 in der Einzel-Weltrangliste vor. Zwar ist sie »nicht mehr direkt dabei«, allerdings hat Pfaff als Sportpsychologin auch Klienten aus dem Sportbereich und deshalb den Kontakt nie verloren. Tennis ist praktisch vom Bildschirm verschwunden, auch wenn Deutschland mit Angelique Kerber zuletzt die Nummer eins in der Welt stellte. Verpasste Chance? »Die Frage ist, was die Medien und auch der Deutsche Tennis-Bund daraus gemacht haben«, stellte die Königsteinerin rhetorisch in den Raum und sagte: »Der Verband hat die Chance nicht ergriffen.« Denn Tennis »im Fernsehen muss man suchen oder abonnieren«.

Tennis wurde »zu Zeiten von Becker, Graf und Stich, als auch ich aktiv war, so abgekocht, dass es wie eine alte abgenutzte Zitrone weggeschmissen wurde. Selbst Experten wussten manchmal nicht mehr, ob es Showkampf oder ein Turnier ist, was da gezeigt wurde. Dadurch ist Tennis abgenudelt«, schaut die 56-Jährige eher skeptisch in die Zukunft. »Aber ich kann mich leicht beschweren, ist arbeite im Hintergrund.« Es brauche wohl einen neuen Schwung, »dazu hatten wir letztes Jahr die Chance, die aber nicht genutzt wurde.«

 

Warten auf einen Tour-Sieger

 

Klaus-Peter Thaler. (htr)
Klaus-Peter Thaler. (htr)

Stichwort Radsport: Der mindestens noch dreimal die Woche für wenigstens zwei Stunden auf dem Rad sitzende Klaus-Peter Thaler hat »die Tour de France im Fernsehen verfolgt« und war angetan »von der Begeisterung rund um die ersten beiden Tage in Düsseldorf«, in seiner Region, auf den Straßen in seiner Heimat. Natürlich hält er noch heute Kontakt »zu einigen Profis, allerdings bin ich nicht mehr so in der Szene drin wie Bernard Hinault«, der jahrelang in der Organisation der ASO mitarbeitete. »Bei der diesjährigen Tour mag es so ausgesehen haben, dass Christopher Froome nie in Gefahr geraten könnte, allerdings kann das relativ schnell einmal am Berg kippen«.

Thaler, der auch schon das Gelbe Trikot bei der Tour trug, freut sich immer wieder über »die Begeisterung in Frankreich« und lässt an den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in Deutschland kaum ein gutes Haar: »Hier wurde versucht, eine ganze Sportart kaputtzumachen, indem man sie von der Öffentlichkeit ausschloss.« Und wie lange müssen wir wieder auf einen deutschen Tour-Sieger warten? »Wir haben lange auf Jan Ullrich warten müssen, aber man kann einen Fahrer nicht programmieren oder züchten. Selbst die Franzosen warten schon lange auf einen Hinault-Nachfolger.«

 

Unsleber vermisst das Funkeln

 

Britta Unsleber. (htr)
Britta Unsleber. (htr)

Stichwort Frauenfußball: Eine EM ohne deutsche Beteiligung im Halbfinale, das hat es seit »Menschengedenken« nicht mehr gegeben für die DFB-Frauen, die zuvor sechsmal in Folge den Titel gewannen. Britta Unsleber war 1989 und 1991 Europameisterin und zeigte sich, »wenn auch nicht erschrocken, aber doch überrascht über das frühzeitige Aus«.

Ob es an den Spielerinnen oder an der Trainerin gelegen habe, darüber wollte sich Unsleber kein Urteil erlauben, »dafür bin ich zu weit weg«. Allerdings: »Die Österreicherinnen oder Holländerinnen hatten, als sie aus der Kabine kamen, dieses Lächeln und Funkeln in den Augen, die haben es unbedingt gewollt«, hat die mit dem TSV Siegen und FSV Frankfurt zu deutschen Meisterehren gekommene Abwehrspielerin registriert. »Vielleicht hat bei uns der letzte Wille gefehlt«, mutmaßte die 50-Jährige, die bis vor zwei Jahren noch Torwarttrainerin in Siegen war.

 

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