26. Mai 2020, 07:10 Uhr

Basketball

Mehrere Hunderttausend Euro Minus bei den 46ers

Basketball-Bundesligist Gießen 46ers weist ein Etatminus im hohen sechsstelligen Bereich auf und trennt sich nach Heiko Schelberg auch von seinem zweiten Geschäftsführer Philipp Reuner.
26. Mai 2020, 07:10 Uhr
Philipp Reuner

Gießen 46ers


Jetzt liegen die Karten auf dem Tisch. Seit Dezember vergangenen Jahres wurde gemutmaßt, spekuliert und hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Der seinerzeit überraschend bekannt gegebenen Trennung vom langjährigen Geschäftsführer Heiko Schelberg wurden in derlei Fällen übliche, rechtsgetreue Sprachregelungen nachgeschoben. Mehr nicht. Begründung? Fehlanzeige!

Nunmehr hat das Schweigen von Aufsichtsrat und Gesellschaftern des Basketball-Bundesligisten Gießen 46ers ein Ende. Aus gutem Grund: Im Spieljahr 2018/19 hat es bereits ein Etatloch von mehreren Hunderttausend Euro gegeben, die Einnahmen haben die Ausgaben nicht gedeckt. In der aktuellen Saison ist der Etat vollkommen aus dem Ruder gelaufen, das Minus nochmals um mehrere Hunderttausend Euro angewachsen.

Zur Corona- gesellt sich beim Traditionsverein nunmehr auch eine Finanzkrise, die allein aufgrund der Einlagen der Gesellschafter nicht zur Existenzkrise zu werden droht. Dafür - so eines der Aufsichtsratsmitglieder - »schmelzen deren Einlagen dahin«. Ein, zwei weitere Spielzeiten mit einem derart ruinösen Wirtschaften würde der Klub nicht überleben.

Misswirtschaft? Missmanagement? Aufsichtsrat und Gesellschafter vermeiden - wohl auch aus juristischen Gründen - weiter direkte Ansagen und Schuldzuweisungen. Fakt ist, dass die Geschäftsführer die Verantwortung für die missliche wirtschaftliche Lage tragen und somit die entsprechenden personellen Konsequenzen gezogen wurden.

Nach der Demission vom lange starken Mann bei den 46ers, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb Heiko Schelberg, haben die 46ers zum 30. September auch die Zusammenarbeit mit Philipp Reuner, dem Geschäftsführer Finanzen, aufgekündigt. Im Zuge dessen hat Prokurist Sebastian Jung sein Arbeitsverhältnis gekündigt. Überdies wechselt Thomas Schiffer, als kaufmännischer Leiter seit vergangenem August an der Aufarbeitung der vom Aufsichtsrat im Juni 2019 erkannten Mängel beteiligt, beruflich zu einem Reisedienstleister.

Michael Koch, seit 1. März neuer Geschäftsführer, dürfte sich während seiner ersten Wochen im Amt wie ein Oliver Kahn fühlen - ohne Einarbeitungszeit als Krisenmanager ins kalte Wasser geworfen. Der 54-Jährige hatte mit der Schelberg-Demission unerwartet viel aufzuarbeiten und in der Coronakrise stundenlange Video- und Telefonkonferenzen mit Gesellschaftern und Aufsichtsrat zu führen, um die Vergangenheit bewältigen und die Zukunft komplett neu gestalten zu können. Michael Koch muss unter den gegebenen Umständen und ohne die noch nicht absehbaren Folgen von Corona einen neuen Personaletat aufstellen, einen neuen kaufmännischen Leiter und einen zweiten Geschäftsführer suchen und so ganz nebenbei mit Trainer Ingo Freyer auch noch ein konkurrenzfähiges Bundesliga-Team zusammenstellen.

Beinahe täglich sollen sich in den vergangenen Wochen und Monaten neue Ausgaben-Minenfelder aufgetan haben. Ein aufgeblähter, kostenintensiver Verwaltungsapparat. Von den deutlich gesteigerten Einnahmen soll - entgegen der Vorgaben - im sportlichen Bereich so gut wie nichts angekommen sein. Die Kosten seien davongaloppiert, sorgsamer Umgang mit Geld sähe - so heißt es aus dem Kreis der Gesellschafter - anders aus. Der große Fahrzeugpool verschlinge immense Kosten, die Vielzahl an Spielerwohnungen zuweilen sogar mit Leerständen ebenfalls. Fragezeichen stünden hinter der Ausgestaltung von Netto-Arbeitsverträgen oder aufgelaufenen Rechnungen ohne Mahnwesen in beträchtlicher Höhe. Die Anzahl der Barter(Gegen)geschäfte sei zu hoch.

Kritische Nachfragen habe es gegeben. Ja. Aber zu selten schnelle und klare Antworten. Die Geschäftsführung habe - wird vermutet - Kostenentwicklungen nicht erkannt und somit die notwendigen Anpassungen unterlassen. In den Augen der »Controller« sei die Basisarbeit wohl vernachlässigt worden.

Bezüglich der Verpflichtung von John Bryant und dessen Zwei-Jahres-Engagement halten Aufsichtsrat und Gesellschaft aber fest, diese gemeinsam verantwortet zu haben. Dass der Starspieler wirtschaftlich eine Nummer zu groß für Gießener Basketball-Verhältnisse gewesen ist, habe man mittlerweile erkannt.

Schlussendlich scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Vor der Ära Heiko Schelberg herrschte tiefe Sorge um den Gießener Basketball. Das ist nun wieder der Fall. Bei einem offiziell angebenen Etat von 3,5 Millionen Euro ist der eingeräumte Fehlbetrag von zweimal hintereinander mehreren Hunderttausend Euro pro Saison ein ordentlicher Batzen.

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