13. September 2019, 22:08 Uhr

Quälerei mit Happy End

Traumwetter. Wenn auch nicht alle der weit über 4000 Teilnehmer trocken ins Ziel kommen. Der 39. Ötztaler Radmarathon mit Start und Ziel in Sölden über vier Alpenpässe wird auch einigen heimischen Rennradlern noch lange in Erinnerung bleiben.
13. September 2019, 22:08 Uhr
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Von Ronny Herteux
Gleich geht es los: Constanze Rohm (vorn, v. l.), Anne Schüttler, Dagmar Rinn und Dr. Gudrun Koop sowie (hinten, l.) Wolfgang Rinn und Alex Koop vor dem Startschuss zur 238 Kilometer langen Tour über 5500 Höhenmeter. (Foto: bf)

Rückblende: Was hatten die Ausdauersportler auf zwei Rädern im letzten Jahr zu erleiden gehabt: Dauerregen, Kälte, Schüttelfrost, glitschige und deshalb auch extrem gefährliche Straßen(-abfahrten). 2019? Sonne, trockener Asphalt. Und wie üblich haben sich den »Ötztalern« der Kühtai (2020), Brenner (1377), Jaufenpass und das Timmelsjoch (2509) in den Weg gestellt, ehe nach einem endlosen Kampf gegen den inneren Schweinehund Sölden (1377) wieder erreicht war.

Einmal mehr hatte sich ein Sextett von der RV 1904/27 Gießen-Kleinlinden dem wohl bekanntesten Alpen-Marathon gestellt und die Herausforderung über 238 Kilometer und 5500 Höhenmeter angenommen. Alex und Dr. Gudrun Koop, Dagmar und Wolfgang Rinn, Constanze Rohm und Anne Schüttler wollten schließlich den Ötztaler nicht als Regendesaster aus dem Vorjahr in Erinnerung behalten.

Sonntagmorgen, 6 Uhr. Die Nacht war kurz, die Aufregung groß. »Wenn gegen 6.30 Uhr dann zwei Hubschrauber über dir kreisen, dann steigt unwillkürlich der Puls«, beschreibt Wolfgang Rinn seine Gefühlslage, wohl stellvertretend für die meisten Teilnehmer. Zunächst waren 30 Kilometer bergab mit einem 50er-Schnitt perfekt zur Einstimmung, natürlich trennten sich danach schnell die Wege des RV-Sextetts. Erst am späten Abend feierten sie ein Wiedersehen, voller Freude, das Ziel erreicht zu haben. Dabei zeigte ein Blick in die Ergebnislisten, dass Dagmar Rinn bei den Master2 völlig überraschend den 18. Platz belegte. Und schnell machte auch die Kunde von einem Interview bei Ötztaler-TV, das bis in den späten Abend live vom Rennen übertrug, die Runde, wobei Constanze Rohm am Himmelsjoch vor der finalen Abfahrt im Regen noch Arm- und Beinlinge von einem Helfer »gebaut« bekommen hatte.

Während Marathonspezialist Mathias Nothegger (Österreich) seinen Vorjahressieg in 6:47:02 Stunden wiederholte und den zweitplatzierten Mattia De Marchi (Italien, 6:48,25) nach dem Timmelshoch entscheidend attackierte, waren die RV-Fahrer natürlich noch eine Weile unterwegs. Wenngleich Alex Koop hier schon die 18,5 Kilometer von Oetz auf den Kühtai über 1200 Höhenmeter mit maximal 18 Prozent Steigung längst in den Beinen hatte. Am Ende war er der schnellste Rennradler aus dem RV-Sextett, hatte nach 8:55:08 Stunden mit einem Schnitt von 25,5 km/h das Ziel erreicht. Und zeigte sich sehr zufrieden: »Ich habe mein Ziel ›unter neun Stunden‹ mit kleinen Pausen um fünf Minuten unterboten und bin bis auf wenige Tropfen am Timmelsjoch auch trocken geblieben«, wobei der Mediziner die erste Hälfte der Schlussrampe hinauf etwa »fünf Prozent vorsichtiger« angegangen ist, »denn dann ist das Leiden in der zweiten Hälfte etwas erträglicher«. Auch für den Bundesliga-Masterfahrer war »die Strecke ein wirkliches Brett«.

Für die Kleinlindenerin Constanze Rohm war der Ötztaler »Traum und Albtraum« zugleich, zumindest kurzzeitig, wenngleich sie noch »immer geflasht« davon ist, »dass ich das geschafft habe«. Schließlich war die Master1-Fahrerin 12:49:10 Stunden in Tirol und Südtirol unterwegs, wobei auch sie nach dem Kühtai die 39 Kilometer lange Distanz zwischen Innsbruck und dem Brenner mit maximal zwölf Prozent Steigung und 777 Höhenmeter unter die Räder zu nehmen hatte. »Hätte ich mich am Brenner nicht so hinreißen lassen, wäre ich eventuell besser über das Timmelsjoch gekommen«, denn diesen Abschnitt kurbelte sie fast mit einem 26er-Schnitt hinauf. »Ein Wunder, dass ich den Rest überhaupt geschafft habe.« Das Resümee fällt vielsagend aus: »Ich hatte meinen Traum, und irgendwie ist es schade, dass es vorbei ist.« Obwohl die letzten 25 Kilometer vom Dauerregen begleitet waren.

Auch Anne Schüttler blieb davon nicht verschont. Nach 12:22:44 Stunden hatte die Gießenerin als 55. der Frauen-Hauptklasse die Strapazen von über 5500 Höhenmeter hinter sich gebracht. Ihr Wunsch: »Hauptsache ins Ziel kommen.« Wobei die ersten drei Berge für sie »noch super liefen«, auch die 15,5 Kilometer über 1130 Höhenmeter von Sterzing auf den Jaufenpass mit maximal zwölf Prozent Steigung. Dann allerdings: »Das Timmelsjoch war eine Katastrophe. Man schaut da hoch, sieht nur eine Wand und fragt sich: Wie soll man da hochkommen?« Trotzdem reichten ihre Kraftreserven für den finalen Anstieg noch aus, nur musste sie dann im Regen abfahren. »Das war entsetzlich kalt, aber im Ziel war ich so mega happy, es geschafft zu haben.« Wie weitere 4269 Finisher auch.

»Unsere Vorbereitungen gingen zu 100 Prozent auf«, zeigten sich Dagmar und Wolfgang Rinn von der RV Gießen-Kleinlinden vollauf zufrieden, auch die Generalprobe bei »Rad am Ring« hat sich für den Ötztaler ausgezahlt. Den Kühtai und Brenner sind die beiden mit einem großen Pulk von etwa 100 Fahrern angegangen, und auch der Jaufenpass »lief wie geschmiert«. Die Zielvorgabe von elf Stunden lag in Reichweite, allerdings musste Wolfgang Rinn »schlucken, als ich kurz vor der Passhöhe am Jaufen die Nachricht von einem Vereinsmitglied bekomme habe, dass Nothegger schon nach 6:47 Stunden im Ziel ist«. Der Scharfrichter Timmelsjoch hatte es in sich: »Die Straße will einfach nicht aufhören, hier ist viel Kopfarbeit gefragt«, wie Dagmar Rinn ihre Gefühlswelt offenlegt. Nach 10:57:49 Stunden waren die beiden vom Team delta-bike.de mit einem Stundenmittel von 20,75 km im Ziel. Dagmar Rinn freute sich über Platz 18 in ihrer Altersklasse, Wolfgang Rinn schon über die nächsten Anforderungen »Rund um das Stadttheater« und den Dünsberg-Mountainbikemarathon.

Eine Viertelstunde später hatte auch Dr. Gudrun Koop die Ziellinie in Sölden überquert, nach 11:12:03 Stunden war sie als 65. in der Master1-Klasse notiert worden. »Letztes Jahr habe ich so sehr unter der Kälte und Nässe gelitten, dass ich mehrfach überlegt hatte, aufzugeben. An Teile der Strecke konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, weil ich wegen Kälte, Nässe und Unterzuckerung so neben der Spur war«, freute sich Koop, dass bei der 39. Auflage Petrus ein Einsehen mit den Marathonfahrern hatte. »Diesmal hatte ich einen Glückshormonschub bei der Abfahrt vom Kühtai, weil die Sonne schien und auch der Jaufenpass lief super«, und so war die Augenärztin 1:08 Stunden schneller als im Vorjahr unterwegs. »Die Strecke ist wirklich hardcore. Jeder, der das Ding zu Ende fährt, ist ein Held!«

Weitere Ergebnisse: Altersklasse MK1: 208. Sören Krotzky (Wettenberg) 8:28:21 / MK2: 242. Thomas Ullsperger (Romrod) 9:35:26 / MK3: 112. Rolf Obertreis (RSG Gießen und Wieseck) 11:20:49 / MK3: 188. Lothar Seng (SV Stangenrod) 12:42;38.



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