12. November 2019, 07:30 Uhr

Problemfall Bryant

Topteams im Existenzkampf

Was für ein Sport-Wochenende. Die lokalen Aushängeschilder FC Gießen, Gießen 46ers und HSG Wetzlar locken fast 10 000 Zuschauer zu ihren Spielstätten.
12. November 2019, 07:30 Uhr
Das Image von Gießens Basketball-Ikone John Byrant bröselt. (Foto: hf)

Fußball-Regionalligist FC Gießen beendete mit dem Last-Minute-Tor des Griechen Dimitrios Ferfelis zum 1:1-Endstand gegen Kickers Offenbach wenigstens die jüngste Niederlagenserie. Basketball-Bundesligist Gießen 46ers offenbarte beim 79:87 gegen Rasta Vechta selbst emotional-aggressive Defizite. Bei Handball-Bundesligist HSG Wetzlar stand beim 25:25-Unentschieden gegen Spitzenreiter TSV Hannover-Burgdorf in der Abwehr ein Spieler für den anderen ein. Schlussendlich aber spiegeln die Tabellen die eingeschränkte Wirtschaftskraft der Region wider. Der Abstiegskampf wird die heimischen Ballsport-Topklubs bis in das nächste Frühjahr hinein begleiten.

Problemfall Offensive

Die Kritik, der sich die Regionalliga-Fußballer des FC Gießen derzeit ausgesetzt sehen, ist nach fünf sieglosen Spielen in Folge verständlich, aber doch überzogen. Nur mal so zur Erinnerung: das Team von Trainer Daniyel Cimen spielt weder Champions League noch Bundesliga, sondern »nur« 4. Liga. Darauf heruntergebrochen werden sollte von den TV-verwöhnten Betrachtern auch das reale Leistungsvermögen der Gießener.

Natürlich gibt es Defizite im Mittelfeld und im Abschluss. Fraglos ist in den letzten Wochen kaum eine Entwicklung nach vorn zu erkennen. Aber es gibt Gegenpressing, es wird angelaufen, die Ketten sind deutlich erkennbar. Taktisch und läuferisch ist vieles durchaus stimmig. Was fehlt, ist die individuelle spielerische Qualität, die Situationen erkennt, die den Rhythmus verändern, die Akzente setzen, auf den Punkt spielen kann. Aber die kostet eben - und übersteigt die ohnehin angespannten finanziellen Möglichkeiten. Sonst hätte man sie vor Saisonbeginn sicher verpflichtet.

Ihren Vorschusslorbeeren noch nicht gerecht geworden sind aber u. a. ein Nico Rinderknecht, ein Jake Hirst, was aber in erster Linie daran liegt, dass solche Neuzugänge quer durch alle Ligen PR-mäßig wie Heilsbringer angekündigt werden, ohne deren tatsächliche Qualitäten über einen längeren Zeitraum selbst in Augenschein genommen zu haben. Dieses weit verbreitete Phänomen führt - verständlicherweise - zu Enttäuschung, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden.

Das späte 1:1 am Samstag vom »Koloss von Rhodos«, Dimitrios Ferfelis, sollte den November-Blues vertreiben helfen und die gewachsene Gießener Fangemeinde für die weiteren Saison-Aufgaben mobilisieren. Der FC Gießen hat sich nicht an traditionsreichen und namhaften Klubs wie 1. FC Saarbrücken oder Kickers Offenbach zu orientieren; der FC Gießen hat sich mit dem FK Pirmasens, RW Koblenz, TSG Balingen und dem Bahlinger SC zu messen. Im Kampf um den Regionalliga-Klassenerhalt. Und der verheißt ein packendes Heimspiel-Frühjahr gegen exakt solche Kontrahenten mit gleicher Kragenweite. Wird dann der aktuelle Zuschauerschnitt von 2200 Besuchern noch gesteigert, ist der Ligaerhalt bei allem derzeit vorherrschenden Pessimismus wahrlich keine Utopie.

Problemfall Bryant

Bei den Gießen 46ers darf man die Augen vor der Saison-Realität nicht verschließen. Der Ausfall von Luke Petrasek schmerzt. Klar. Die kurz vor Rundenstart vorgenommenen personellen Korrekturen tun weh. Klar. Aber die verdiente Niederlage gegen Rasta Vechta zeigt weitere Baustellen auf - allen voran die von 46ers-Ikone John Bryant. Der ungelenke, unbewegliche, übergewichtige und unaustrainierte 2,11-m-Center ist zu einem Hemmfaktor geworden und dürfte überdies einen bedeutsamen Teil des Erstliga-Budgets binden, welches an anderer Stelle vielleicht besser eingesetzt werden könnte. Am Bryant-Thron zu rütteln, ist sicher gewagt, aber für den weiteren Verlauf dieser Spielzeit unabdingbar. Vom Selbstverständnis eines Vollprofis scheint der 32-Jährige weit entfernt. Dass es ihn selbst nicht wurmt, phasenweise von Vechtas handlungsschnelleren Akteuren vorgeführt zu werden, ist kaum nachzuvollziehen. Die bei Basketballern so beliebten Statistiken von Rebound bis Assist mögen hier und da ja noch stimmen - als Basketball-Betrachter aber hat man Augen im Kopf. Und die tun weh! Vielleicht befreit ihn ja lauter werdende öffentliche Kritik aus seinem Phlegma, packt ihn an der Ehre und verhilft ihm über neuen Ehrgeiz selbstreinigend wieder zu jenen Fitness-Attributen, die für einen LeistungsSPORTLER unabdinglich sind. Es ist ein Armutszeugnis, wenn die Verantwortlichen seit Monaten beteuern, Bryant sei noch nicht wieder 100-prozentig fit. Das ist die Grundvoraussetzung für einen Profisportler - oder er ist eben keiner. Wie er so die berühmt-berüchtigen Ausdauerläufe zum Schiffenberg hoch - wenn es sie denn überhaupt gegeben hat - bewältigen konnte, dürfte ein Rätsel bleiben.

Die Mannschaft hat sich bemüht, das kann man den Brown, Myers und Co. getrost ins Zeugnis schreiben. Der Wille ist dem Team keineswegs abzusprechen. Was fehlt, ist neben spielerischer Qualität aus dem Mercedes-Regal auch ein emotionaler Leader wie ihn Benjamin Lischka verkörpert hat. Der Neu-Bonner war zwar auch kein Überflieger, aber immer in der Lage, mit seiner Ärmel-hochkrempeln-Körpersprache das Team und die Zuschauer mitzureißen. Gerade wenn die Mittel auf dem Parkett limitiert sind, bedarf es dieser Emotionalität, die geweckt und gelebt werden muss. Schon Samstag gegen den Mitteldeutschen BC und eine Woche später bei BG Göttingen. Unabhängig, ob die 46ers personell nachbessern oder nicht.

Problemfall Distanzwurf

Die Ärmel hoch gekrempelt hat die HSG Wetzlar beim Bundesliga-25:25 gegen TSV Hannover-Burgdorf. Die defensive Sechser-Kette mit wechselndem Innenblock ließ zwischen der 30. und 50. Minute nur vier (!) Treffer des aktuellen Branchenführers zu. Sagenhaft. Die Mängelliste bei der Chancenverwertung (elf verworfene Bälle allein vor Pause) und bei den Neun-Meter-Würfen (insgesamt nur zwei Trefferchen) wurde kompensiert von einem einmal mehr herausragenden Till Klimpke im Tor, unerschrockenen Eins-gegen-eins-Aktionen von Filip Mirkulowski, Olle Forsell Schefvert und Alexander Feld sowie sechs sicher verwandelten Siebenmetern von Maximilian Holst. Kampf- und Teamgeist gingen gegen die spielstärkeren Morten Olsen und Co. fließend ineinander über.

»Man hat heute gemerkt, die Halle hat an die Mannschaft geglaubt«, war für Youngster Ian Weber nach seinem ersten Bundesliga-Tor ein weiterer Umstand von Bedeutung, der so weder in der Osthalle bei den 46ers noch im Waldstadion beim FC Gießen zu spüren war. Die vier Heimpunkte gegen Topteams der Liga beruhigen vorerst einmal die Situation bei den Grün-Weißen vor der Jahres-Endrallye mit sieben Partien im Dezember.

Der Erstliga-Existenzkampf aber ist in vollem Gange, denn die Konkurrenz schläft nicht und die Probleme von Trainer Kai Wandschneider auf den Halbpositionen sind offensichtlich. Der Nachfolger von Joao Ferraz lässt ebenso auf sich warten wie sein eineinhalb Jahren der Durchbruch auf Halblinks von Lenny Rubin. Werden diese Baustellen nicht beseitigt, ist Platz elf mit bereits zehn eingefahrenen Punkten - bei allem Team- und Kampfgeist - vorerst nur eine Momentaufnahme.

Als Torjäger hing Gießens Jake Hirst (links, l.) gegen seinen ehemaligen Klub erneut in der Luft. Seine Rolle als Leistungsträger erfüllte Wetzlars Spielmacher Filip Mirkulovski (rechts, l.) gegen Bundesliga-Spitzenreiter TSV Hannover-Burgdorf glänzend. (Fotos: hf/ov)

Schlagworte in diesem Artikel

  • 1. FC Saarbrücken
  • Baustellen
  • Benjamin Lischka
  • Commerzbank Arena
  • Gießen 46ers
  • HSG D/M Wetzlar
  • Jake Hirst
  • John Bryant
  • Kai Wandschneider
  • Kickers Offenbach
  • Kämpfe
  • Morten Olsen
  • Pessimismus
  • Profisportler
  • Sport-Mix
  • Übergewicht
  • Ralf Waldschmidt
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 2 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.