09. August 2019, 07:00 Uhr

Fußball

Trügerisches Wachstum

Dem Amateurfußball wird ein schleichender Tod prognostiziert. Die aktuellen Zahlen zeigen aber einen Mitglieder-Zuwachs in Hessen. Beim genauen Hinsehen wird deutlich: Die Profis sind der Grund.
09. August 2019, 07:00 Uhr
Publikumsmagnet Eintracht Frankfurt: Wenn im Stadtwald der Ball rollt, schauen die Amateurvereine in die Röhre - oder stehen selbst in der Fankurve. (Foto: dpa)

Es ist eine bemerkenswerte Zahl. Innerhalb eines Jahres ist die Mitgliederzahl in den hessischen Fußballvereinen um 13 418 angestiegen. Dabei wird überall über den Rückgang von Mannschaften geklagt, überall werden Spielgemeinschaften gebildet, um überhaupt den Spielbetrieb sicherzustellen - auch im Fußballkreis Gießen.

Insgesamt sind in Hessen zum Jahreswechsel 527 494 Fußballer in den 2133 Vereinen gezählt worden. Das macht im Schnitt rund 250 Mitglieder pro Verein. Geht es dem Amateurfußball also doch prächtig oder ist alles nur ein trügerischer Schein? Die Wahrheit liegt im Fußballkreis Gießen in der Mitte - und rund 60 Kilometer weiter südlich.

Von Wachstum ist der Gießener Fußball weit entfernt. Zum 1. Januar 2019 waren exakt 411 Fußballer weniger gemeldet als 365 Tage zuvor. Der Rückgang auf nun noch 20 233 Mitglieder ist mit zwei Prozent marginal. Allerdings: Die Zahl der tatsächlich aktiven Fußballer im Gießener Fußballkreis dürfte angesichts der berühmten »Karteileichen« weit unter den 20 233 Mitgliedern liegen. Wer nicht mehr gegen den Ball tritt, tritt oft dennoch nicht aus dem Verein aus. Der Name bleibt in der Statistik. »Der Rückgang bewegt uns - und natürlich machen wir uns Gedanken, aber wir verfallen nicht in Panik«, sagt Kreisfußballwart Henry Mohr.

Vor allem im Nachwuchs mache sich bemerkbar, dass es die geburtenschwachen Jahrgänge den Vereinen schwer machen würden, Mannschaften zu stellen, sagt Mohr. In Gemeinden, in denen es früher vier Vereine mit Männermannschaften gab, gibt es heute teilweise nur noch eine Spielgemeinschaft mit zwei Herrenteams. Die Ligengrößen, gerade in den C- und B-Klassen schrumpfen. »Wenn wir irgendwann nur noch elf Mannschaften in einer Staffel haben, müssen wir uns überlegen, Klassen wegfallen zu lassen oder Staffeln zusammenzuführen«, sagt Mohr.

Mit dem Mitglieder-Rückgang befindet sich der Fußballkreis Gießen in bester Gesellschaft. Fast überall sinken die Zahlen, nur in den Sportkreisen Main-Taunus und Wetterau gibt es Zuwachs, insgesamt um rund 700 Mitglieder. Verantwortlich für die bemerkenswerte Steigerung der Mitgliederzahlen ist aber Frankfurt. Innerhalb eines Jahres ist dort die Mitgliederzahl um 17 106 gestiegen - obwohl kein Verein dazukam. Im Gießener Land gibt es im Vergleich zu Frankfurt nur zwei Vereine, aber nun 62 509 Mitglieder weniger. Wie geht das?

Alles hängt mit einer Erfolgsgeschichte zusammen, die mit einem Pokalsieg vor einem Jahr begann und dann (fast) Europa eroberte. Denn auch Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt zählt natürlich als hessischer Fußballverein und hübscht die Statistik ordentlich auf. Wer als Fan seine Vereinsverbundenheit demonstrieren will oder mehr Chancen auf Tickets für die Spiele im Stadtwald haben will, wird Mitglied. Im Mai teilte die Eintracht mit, dass seit Januar 2018 die Mitgliederzahl um 25 000 Menschen gewachsen ist. Von wegen, im hessischen Fußball gibt es einen kleinen Boom. Diesen gibt es ausschließlich bei einem Verein. Zieht man die neuen Eintrachtler ab, steht hessenweit ein fettes Minus.

Was die nackten Mitgliederzahlen logischerweise auch nicht verraten, ist die Häufigkeit von Spielabsagen, weil im Frankfurter Stadtwald der Bundesliga-Ball rollt. »Das hat es alles schon gegeben, vor allem wenn die Eintracht sonntags spielt, macht sich das in unserem Spielbetrieb bemerkbar«, sagt Mohr. Auch an der Seitenlinie wird schnell deutlich, wann sich die Bundesliga-Übertragungen mit den Spielen des lokalen Fußballes überschneidet.

In den kommenden Jahren erwartet Mohr gerade im Jugendfußball wieder einen Anstieg. »Laut Prognose kommen nun die geburtenstarken Jahrgänge, das wissen unsere Vereine auch und sind entsprechend darauf eingestellt, auch bei der Akquise«, sagt Mohr. Und, da schließt sich der Kreis wieder: Irgendwo müssen die kleinen Rodes, Trapps und Da Costas ja mit dem Kicken beginnen.

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