29. Januar 2020, 22:21 Uhr

Unter Strom

Sichtbare Ergebnisse mit nur 20 Minuten Training pro Woche - geht das? Das geht, sagt Peter Kraemer. Mit Elektro- Muskel-Stimulation. Wir stellen das Ganzkörper-training vor, bei dem die Muskeln mit Strom gereizt werden.
29. Januar 2020, 22:21 Uhr
So wird’s gemacht: Peter Kraemer korrigiert die Haltung beim ESM-Training. Die 22 Elektroden stecken in der Weste, das rote Rechteck ist der Akku. FOTO: BF

Es klingt verlockend: Mit nur einer 20-minütigen Einheit pro Woche Muskulatur aufbauen, Körperfett reduzieren und die Ausdauer verbessern. Das verspricht die Elektro-Muskel-Stimulation (EMS). Ist EMS-Training also ideal für Faule? »Nööö«, sagt Peter Kraemer, der EMS-Training - wie auch einige andere Studios in der Region - in seinem Unternehmen »Movement Revolution« im Gießener Europaviertel anbietet. »Der Vorteil bei EMS ist ganz klar, dass ich zeitsparend arbeite. Training für Faule würde heißen, dass ich keine Leistung vollbringe.« Anstrengend ist EMS-Training, wie der Selbstversuch zeigt (siehe Kasten), auf jeden Fall.

Der erfahrene Personal Trainer vergleicht EMS gerne mit dem Gerätetraining in Fitnessstudios, bei dem in der Regel pro Gerät nur ein Muskel angesprochen wird - und die Belastung gemessen an der Gesamtzeit auch nur recht kurz ausfalle. »Danach hat dieser Muskel Feierabend.« Beim EMS-Training hingegen werden alle Muskelgruppen gleichzeitig stimuliert. Der Sportler trägt eine Funktionsweste, die den Körper mit 22 Elektroden unter Strom setzt. »Die Zeitersparnis kommt daher, dass wir ein Ganzkörpertraining machen. An allen Geräten, die ich im Fitnessstudio zur Verfügung habe, kann ich quasi gleichzeitig sitzen«, meint Kraemer. »Der zweite Vorteil ist, dass ich mit dem Strom einen stärkeren Reiz auf den Muskel bringe, als ich das selbst steuern könnte.«

In Vier-Sekunden-Intervallen strömt der Strom beim Krafttraining durch den Körper. Das heißt vier Sekunden lang werden alle Muskeln angespannt, dabei werden leichte Übungen absolviert, und danach folgen vier Sekunden Entspannung. Dann beginnt der Spaß von vorne. Diese Methode soll die gleichen Effekte wie ein herkömmliches Kraftraining haben - nur zeitsparender und aufgrund des fehlenden oder geringeren Trainingsgewichts gelenkschonender sein. »Wenn ich zweimal pro Woche einen Kraftzirkel im Sportstudio mache, komme ich mit zweimal EMS-Training mindestens beim selben Ergebnis heraus«, meint der 45-Jährige. »Die Studienlage ist da eindeutig.«

Die Art des Trainings ist individuell und wird im Trainingsplan an die Ziele der Kunden angepasst. Gesteuert wird sie durch die Hertzzahl und die Auswahl der Übungen. »So können wir regeln, ob wir mit einer niedrigen Zahl eher rote, also für die Ausdauer orientierte Muskulatur ansprechen, oder mit einer eher hohen Hertzzahl die weiße Muskulatur, die eher für die Kraft zuständig ist.« Der Coach weicht dem Sportler während der gesamten Einheit nicht von der Seite. Er macht die Übungen vor, korrigiert gegebenenfalls die Körperhaltung und motiviert, wenn die Kraft nachlässt.

Ein Grund für die versprochene Effizienz ist auch, dass die tieferliegenden Muskelgruppen mittrainiert werden. »Gehe ich ins Sportstudio, trainiere ich in der Regel das im Körper, was ich von außen anfassen kann. Ein großer Vorteil bei EMS ist: Reize ich den Muskel nicht über das Gehirn, sondern von außen über eine Elektrode, dann hört der Strom ja nicht auf, zu fließen. Sondern er geht durch alle Muskelschichten.« So sollen 90 Prozent der Skelettmuskeln - zu denen beispielsweise nicht Herz- oder Gesichtsmuskeln gehören - trainiert werden. Was aber nicht heißt, dass schnelle Wunder zu erwarten sind - ohne Fleiß und Durchhaltevermögen gibt es auch unter Strom keine Erfolge.

Auch wenn EMS-Training in letzter Zeit immer populärer wird, ist die Methode keine Modeerscheinung. »EMS gab es schon in den 70er Jahren und teilweise noch viel früher. Man findet im Internet Bilder von Franz Beckenbauer, wie er mit EMS rumexperimentiert hat, oder von Muhammad Ali, der es zur Regeneration eingesetzt hat. Und es gibt bei Youtube Videos von Usain Bolt, wie er EMS trainiert«, weiß Kraemer. Auch die Stromtherapie, die viele Physio- oder Ergotherapeuten anwenden, basiere auf der gleichen Idee, werde aber anders eingesetzt.

Allerdings ist EMS nicht für jeden geeignet. Für Schwangere, Menschen mit Herzschrittmachern oder mit schwerwiegenden neurologischen Erkrankungen ist das Stromtraining tabu. Ansonsten gibt es nahezu keine Einschränkungen. Nur übertreiben darf man es nicht. »Je nach dem, wie viel sportliche Erfahrung der Kunde hat, empfehlen wir am Anfang, nur einmal pro Woche zu trainieren, weil das sonst schnell in einer Überforderung enden kann. Wenn jemand ein bisschen trainierter ist, kann er auch zweimal pro Woche trainieren. Mehr ist nicht möglich«, sagt Kraemer. Die Einheiten müssen dabei nicht zwingend drinnen stattfinden. Weil die neueste Generation der Ausstattung kabellos ist, geht der Coach mit seinen Kunden zum Trainieren auch schon mal ins Freie.

Bleibt noch die Frage nach dem Preis. Bei einer Einheit pro Woche werden bei »Movement Revolution« 80 Euro im Monat fällig, bei zwei Einheiten wöchentlich sind es 120 Euro im Monat.

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