23. Januar 2020, 07:00 Uhr

Fußball

Wie der Fußball in Hungen und Lich dahin siechte

TSV Hungen und VfR Lich zählten in den 80ern und 90ern zu Hessens Fußball-Spitze, empfingen Dortmund, Köln und Gladbach. Nun sind sie abgemeldet oder in der A-Klasse. Wie konnte das passiert?
23. Januar 2020, 07:00 Uhr

Just zum 100-jährigen Jubiläum ist der VfR Lich an einem Tiefpunkt angekommen. Einst wurden Champions-League-Sieger empfangen, Borussia Dortmund mit Trainer Ottmar Hitzfeld kam vorbei, Lich spielte über 15 Jahre lang in der fünfthöchsten deutschen Klasse - und hat in dieser Saison nun die Mannschaft aus der Kreisliga A zurückgezogen. »Es hat mir das Herz gebrochen«, sagt Rainer Klaus. Der 62-Jährige ist einer, der die goldenen Zeiten in den 80ern und 90ern miterlebt hat, erst als Stürmer des VfR, später als Trainer. »Ich will gar nicht von früher anfangen«, sagt er. »Aber wir waren ein Team. Wenn einer nicht mitgezogen hat, dann hat er Feuer bekommen.«

Ähnliches erzählt man sich zehn Kilometer weiter, in Hungen. Jörg Jackl, 54 Jahre alt, ist Abteilungsleiter beim TSV Hungen, der in den 90ern mehrfacher Hessenmeister der Junioren wurde, über ein Jahrzehnt in der siebten Liga spielte, Borussia Mönchengladbach, den 1. FC Köln oder den 1. FC Kaiserslautern zu Gast hatte. »Früher war Fußball nicht einfach nur Fußball.« Heute spielt der einst stolze TSV in einer Dreierspielgemeinschaft mit den Nachbardörfern Villingen und Nonnenroth in der A-Klasse. »Wenn du in den 80ern oder 90ern vorgeschlagen hättest, solch eine Spielgemeinschaft aufzustellen, wärst du erschlagen worden«, sagt Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr. »VfR Lich und TSV Hungen, das waren beides Vorzeigevereine.« Zwei Kernstädte mit rund 9000 und 4500 Einwohnern dümpeln Anfang 2020 in den Niederungen des Amateurfußballs herum - wie konnte das passieren?

Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen haben sich in Lich und Hungen Bahn gebrochen und die Vereine vor riesige Herausforderungen gestellt. Das äußert sich in vielen Punkten, am grundlegendsten betroffen ist die Jugendarbeit.

»Wir sieben nicht aus, nehmen auch das zehnjährige Kind, das mit dem Fußball spielen anfangen will, auf«, sagt Lichs Abteilungsleiter Markus Strauch. »Die Kinder kommen einmal die Woche zum Training, das sind zwei Stunden in der Woche. Früher hat man fast zwei Stunden am Tag Fußball gespielt, das sind zehn Stunden unter der Woche. Die Qualität reicht selten für die Senioren.« Jeder werde mitgenommen, das sei notwendig, denn: »Du kannst es dir nicht erlauben, Jugendliche wegzuschicken«, weiß Hungens Jörg Jackl. »Jeder, der was auf sich hält, wechselt heutzutage in der F-Jugend nach Wieseck oder Gießen. Wir sind zuletzt Kreismeister und Kreispokalsieger in der E-Jugend geworden - von diesem Jahrgang ist kein Spieler mehr in Hungen.«

Trotzdem sind beide Verantwortliche davon überzeugt, dass die Jugendarbeit die Lösung ist. »Wenn man das Geld, was für Trainingsmaterialien, für Trainer und Betreuer in der Jugend ausgegeben wird, spart und in die Senioren steckt, spielt man dort vielleicht Gruppenliga. Aber will man das?«, fragt Strauch. »Die Jugendarbeit ist die Basis für eine erfolgreiche Seniorenmannschaft«, meint Jackl. So war das damals, 1983, als der TSV Hungen in die Bezirksliga (heute Gruppenliga) aufstieg - und nur zwei Spieler aus dem Kader nicht aus der eigenen TSV-Jugend stammten. Der Idealfall sähe vor, jedes Jahr vier, fünf Spieler aus der Jugend zur ersten Mannschaft zu ziehen, sagt Strauch - in der Realität kooperieren Hungen und Lich in A- und B-Jugend mangels Spielern bereits.

»Früher war der Verein wie eine Familie - es gab gute und schlechte Zeiten, da konnte man wachsen«, erklärt Jackl. »Heutzutage ist alles kurzlebiger, du bist schon froh, wenn die Runde ohne große Probleme zu Ende gespielt wird.« Die Verantwortung und Arbeitslast in den Stadtvereinen verteilt sich auf immer weniger Schultern. »Auf dem Dorf kennt man sich noch. Aber je größer die Orte werden, desto schwieriger wird es, Ehrenamtliche zu finden«, meint Henry Mohr. »In Lich und Hungen ist strukturell das Gleiche passiert: Es fehlt an Manpower.«

Die handelnden Personen wollen sich nicht beklagen, sind froh über die vorhandene Unterstützung und mit Eifer dabei - Markus Strauch aber erklärt, wo im Jahr 2020 die Schwierigkeiten liegen.

»Du musst die Sportanlage pflegen, die Gebäude unterhalten, Trikots, Bälle und Co. organisieren. Die Trainer und Betreuer wollen bezahlt werden, du musst dich also um das Marketing und die Sponsoren kümmern. Und wenn man zehn Spieler für die neue Saison haben will, muss man mit 40 reden.« Die Gespräche führe er mit dem Trainer und dem potenziellen Neuzugang jeweils persönlich. Strauch, 43, ist Inhaber einer Firma für Regalsysteme, widmet seine Freizeit der Vereinsarbeit.

Jörg Jackl weiß: »Früher gab es viele Straßenspender, die Entscheidungsträger haben an Ort und Stelle gewohnt. Es wird schwieriger, Sponsoren zu finden.« Die Welle der Begeisterung, auf der alle mitschwammen, ist abgeebbt.

Das wiederum macht sich auch bei den Zuschauerzahlen bemerkbar. Über 100 Besucher findet man auf den Sportplätzen an der Fasanerie oder in den Hungener Ortsteilen so gut wie nie. Die Trennung der Spieltermine und Orte von erster und zweiter Mannschaft wird gemeinhin beklagt. »Wir brauchen wieder alles auf einem Sportplatz, an einem Tag«, meint Jackl. »Es muss ein ständiger Betrieb herrschen. Und vielleicht könnte man ja auch mal in den schönsten und wärmsten Monaten des Jahres spielen.«

Der Personalmangel in der Führungsetage ist letztlich eher ein Altersproblem: Es kommen wenig junge Ehrenamtler nach. Jackl: »Am Randgebiet fällt es uns schwer, Studenten aus Gießen zu gewinnen.« Nur ein Teilgrund, weshalb sich der Fußball in Sachen Schulkooperationen oft so viel schwerer tut als Basket- oder Handballer.

So bleibt letztlich vieles im Vereinsleben an den Arrivierten hängen. Strauch sagt: »Ich bin auch gerne Indianer. Aber wenn man eine Zeit lang dabei ist, wird man automatisch zum Häuptling.«

In Lich soll kommende Saison wieder eine erste Mannschaft gemeldet werden - in Hungen sind sie davon überzeugt, dass mit der Dreierspielgemeinschaft die Basis für eine solide Zukunft gelegt wurde. Trotz aller Schwierigkeiten bleiben Jackl und Strauch optimistisch. »Es macht ja auch Spaß«, sagt der Hungener - und der Licher meint: »Der Verein besteht nun 100 Jahre - was Leute nach den Kriegen alles auf sich genommen haben...Diese Geschichte gilt es fortzuschreiben, auch wenn wir vermutlich nie mehr dahinkommen, wo wir in den 80ern und 90ern waren.«

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