05. Mai 2020, 21:06 Uhr

Wie eine Papstwahl

Normalerweise hätte Rolf Kalb die letzten Tage die Snooker-WM kommentiert. Doch auch im Billard pausiert die Kugel. Der Eurosport-Kultkommentator befindet sich im Home-Office - und blickt im Gespräch auf die jüngste Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Snookers in der Corona-Krise.
05. Mai 2020, 21:06 Uhr
Als Snooker-Experte und Eurosport-Kommentator gefragt: Rolf Kalb. FOTO: IMAGO

Die eigentlich für April/Mai angesetzte Snooker-WM soll nun vom 31. Juli bis 16. August ausgetragen werden.

Herr Kalb, dieser Tage wäre normalerweise die Weltmeisterschaft in Sheffield gelaufen. Doch auch im Crucible Theater gibt es keinen Spitzensport.

Natürlich ist es schmerzhaft, dass die WM jetzt nicht stattfindet. Bei allen vorherigen Turnieren schwang schon immer im Hinterkopf mit, wer sich unter die Top-16 schiebt und damit direkt qualifiziert. Allerdings war die Vollbremsung im März immerhin absehbar und kam nicht völlig überraschend.

Als Kommentator haben Sie auch im Snooker-Jahr 2019/2020 fast alle Turniere fürs Fernsehen begleitet. Teilweise wurde wöchentlich an einem neuen Ort gespielt. Wie war der Cut für Sie persönlich?

Von Mitte Januar bis in den März hatten wir sieben Wochen Snooker nonstop. Dann alles auf null runterzufahren, da musste auch ich erstmal durchpusten und überlegen, wie es weitergeht. Meine Frau etwa gehört zur Risikogruppe und musste möglichst schnell ins Homeoffice. Auch die Liquidität haben wir überprüft und geschaut, wo wir Kosten senken können. In den ersten Tagen danach habe ich Arbeit erledigt, die in den Wochen zuvor liegen geblieben ist. Etwa die Pflege meiner Snooker-Datenbank. Mittlerweile fühlt es sich wie eine Art Halb- urlaub an. Wir lassen es morgens gemütlicher angehen und verlassen pünktlich um 5 Uhr das Homeoffice, um für Entspannung zu sorgen.

Im Snooker versuchte man recht lange, alles beim Alten zu belassen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum World Snooker den Spielbetrieb erst einstellte, als beispielsweise der Ball in der Fußball-Bundesliga schon ruhte?

Das kann nur World Snooker selbst sagen. Ich gehe davon aus, dass man die Ankündigung so lange wie möglich nach hinten schieben wollte, um abschätzen zu können, welche Optionen man hat. Aber das ist Spekulation. Im Snooker ist es ja leichter, die Zahl der unmittelbar Beteiligten zu reduzieren, als im Fußball.

Das letzte Turnier fand auf Gibraltar Mitte März statt, die letzten beiden Turniertage inklusive dem Finale zwischen Judd Trump und Kyren Wilson unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wie haben Sie diese Tage wahrgenommen?

Das hatte Geisterbahnatmo- sphäre. Am ersten Tag, dem Freitag, waren noch 100 Zuschauer zugelassen. Danach durfte niemand mehr rein. Einige Spieler nutzten das Turnier zum Familienurlaub, doch selbst die Angehörigen durften nicht mehr in die Halle. Innen waren nur die Allernötigsten. Nach allem was ich weiß, haben alle Beteiligten das Wochenende unbeschadet überstanden und sind nicht krank geworden.

Bei der Siegerehrung »bedankten« sich sowohl Wilson als auch Sieger Trump reflexartig beim nicht mehr vorhandenen Publikum.

Ja, das empfand ich aber eher als eine Geste, die mich zum Schmunzeln gebracht hat. Generell war meine Wahrnehmung die, dass die Übertragung den Leuten etwas Ablenkung verschafft hat und für Restnormalität sorgte. Beim Fußball stelle ich mir das gravierender vor, denn die Stadionatmosphäre ist da ein wichtiges Element, das wegfällt. Beim Snooker gibt es zwar auch eine Atmosphäre. Diese findet aber nur zwischen den Stößen statt. Ansonsten herrscht Ruhe.

Viel wird dieser Zeit über die Auswirkungen auf den Fußballsport und andere Großereignisse wie die Olympischen Spiele diskutiert. Wie sehen Sie Snooker für die Krise gerüstet?

Das größte Problem haben die Spieler, die ja auch Freiberufler sind. Topspieler wie Trump oder Neil Robertson und Konsorten können da relativ entspannt sein, die haben genügend Rücklagen. Andere Spieler weiter hinten in der Rangliste haben große Probleme. Die müssen ja ihre Familien versorgen oder vielleicht eine Hypothek bedienen. Roberson hat da vorbildlich reagiert und auf Twitter anderen Spielern angeboten: »Leute, wenn ihr Probleme habt, bin ich bereit auszuhelfen.« Auch World Snooker zahlt im Vorgriff Abschläge auf spätere Preisgelder.

Sie zählen zu den vielen Menschen in Deutschland und in der Welt, die zwar selbst nicht Sportler sind, aber vom Sport leben. Wie ist Ihre persönliche Situation?

Mein Einkommen sinkt auf null, weshalb ich einen Antrag auf Soforthilfe gestellt habe. Da hatte ich etwas Pech. Als das Programm anlief, wollte ich zuerst warten. Es gibt andere Kollegen und Branchen, wo von der Hand in den Mund gelebt wird - die brauchen es nötiger. Als ich den Antrag dann doch stellte, gab Nordrhein-Westfalen bekannt, dass Auszahlung wie Beantragung gestoppt wurden wegen der Betrugsversuche. In dieser Warteschleife bin auch ich.

Glauben Sie an eine Nachholung der Weltmeisterschaft?

Es gibt Ideen, Szenarien und Pläne. Die sind auch wichtig, obwohl die Entwicklung noch dynamisch ist. Man braucht etwas in der Schublade. So eine Saison ohne WM würde sich nicht richtig anfühlen, vor allem fehlen aber auch Lizenzgebühren und TV-Gelder.

Losgehen sollte es in Sheffield ursprünglich am 18. April. Wer wäre Ihr Favorit gewesen?

Eine WM ist wie eine Papstwahl: Wer als Papst in das Konklave reingeht, kommt als Kardinal wieder raus. Favoriten werden selten Weltmeister. Nach dem bisherigen Verlauf wäre trotzdem Trump Favorit gewesen. Mit Robertson, Shaun Murphy und Ronnie O’Sullivan ist immer zu rechnen. Aber keiner weiß, wie die Form nach dieser Pause aussieht. Da werden die Karten neugemischt. Kein Spieler hat da Erfahrungswerte, auf die er zurückgreifen kann. Und nicht jeder hat einen eigenen Tisch zu Hause. Auch in Großbritannien sind die Clubs zu. Selbst wenn man einen Tisch hat, so kann man zwar die Bewegungsabläufe trainieren. Aber Training ohne Druck, das ist auf Dauer absolut nicht zielführend.

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