06. Juli 2018, 16:00 Uhr

Gastkommentar

Wir brauchen mehr Freiheit für Jugendfußballer

Deniz Solmaz, Jugendleiter der TSG Wieseck, möchte wieder mehr Führungsfiguren und flexible Spieler sehen. Wie wir diese ausbilden, erklärt er im Gastkommentar.
06. Juli 2018, 16:00 Uhr
Deniz Solmaz leitet die Jugendabteilung der TSG Wieseck, die jährlich mehrere Talente an Profivereine übergibt. (Foto: Friedrich)

Damit wir im deutschen Fußball auch in Zukunft Persönlichkeiten hervorbringen, plädiere ich lautstark für mehr Freiheiten und Menschlichkeit im Jugendfußball. Angesichts der aktuellen Entwicklung in unseren Nachwuchsleistungszentren frage ich mich: Was produzieren wir hier eigentlich? Häufig habe ich den Eindruck, es sind eher Maschinen statt Menschen. Als langjähriger Jugendleiter der TSG Wieseck meine ich, dass dieser Trend im deutschen Jugendfußball in die falsche Richtung geht und wir uns alle besinnen sollten. Nach dem schlechten Abschneiden der DFB-Elf in Russland sind diese Zeilen aktueller denn je, mir liegen sie aber schon seit Jahren am Herzen.

Im deutschen Jugendfußball gibt es vieles, das überdenkenswert ist

Nach dem schlechten Auftritt bei der EM 2000 hat ein Umdenken stattgefunden. Ich freue mich, dass der Jugendfußball mittlerweile viel Wertschätzung erfährt und vielerorts hervorragende Trainingsbedingungen herrschen. Aber die Spirale wird überdreht. Hier einige Punkte, die mich zum Teil massiv stören und meiner Ansicht nach überdenkenswert sind.

Der Raum der Erwachsenen ist zu groß: Es gibt in den Nachwuchsleistungszentren zu viele Mitarbeiter pro Spieler, die dann eine Daseinsberechtigung brauchen. Du hast einen Videoanalysten im Jugendbereich und einen Trainer, der den ganzen Tag Zeit hat, sich Gedanken über seine ideale Taktik zu machen. Die stülpt er dann einfach über die Spieler. Die Jugendspieler haben keinen Raum mehr, weil der Raum der Erwachsenen immer größer wird. Das ist wie eine Zwangsjacke, die dazu führt, dass die Jugendspieler keine eigenen Entscheidungen treffen. Es gibt in NLZ’s hauptamtliche Physiotherapeuten für einzelne Mannschaften. Wenn du jemanden hast, der seinen Job retten muss, findet der immer irgendwas.

 

 

Es ist die Bühne der Kinder und nicht die späte Selbstverwirklichung der Eltern

Deniz Solmaz

Die Jugendspieler werden somit überbehütet, bekommen immer mehr abgenommen. Sie müssen kaum noch Verantwortung übernehmen – außer auf dem Platz, beim Spiel, wo sie plötzlich die Hauptverantwortungsträger sind, die die Partie entscheiden müssen.
Wir zwängen die Spieler auf verschiedenste Weise in eine Rolle, von der wir gar nicht wissen, ob sie da rein wollen. Das geht von Vereinsverantwortlichen, vor allem aber von Eltern und Beratern aus. Mir sind die Eltern am liebsten, die sich bei Training oder Spiel in die Ecke in den Schatten setzen, einfach zuschauen, nichts sagen und ruhig bleiben. Es ist die Bühne der Kinder und nicht die späte Selbstverwirklichung der Eltern.

Wir geben den Jugendspielern zu wenig Platz zur Entwicklung: Weil Systeme teilweise einheitlich durchgedrückt werden, Trainer sturr an ihrer Idee festhalten (müssen) und diese über die Spieler stülpen, wird die Kreativität der Jugendlichen enorm eingeschränkt. Warum muss ein System einheitlich sein? Das ist so deutsch. Du musst Prinzipien vermitteln: Ballorientiert verteidigen, alle in eine Richtung, aber bitte kein genaues Spielsystem. Das ist wie wenn du in den Krieg ziehst und immer genau das Gleiche machst. Da verliert man. Du musst variantenreich bleiben. Das hat auch mit den Charakteren von Spielern nichts zu tun, wenn du Spieler beispielsweise in ein 4-4-2 zwängst.

 

 

Mit der Ausbildung im Jugendfußball, wie sie in Deutschland gerade stattfindet, werden keine Persönlichkeiten mehr herauskommen

Deniz Solmaz

Bei einem Testspiel unserer Wiesecker Mannschaft gegen die U16 eines Bundesligisten haben wir das System früh erkannt, zugestellt und dann war das Ganze fertig. Der erste Spieler, der ausbrechen wollte und deren Herangehensweise ändern wollte, wurde vom Trainer unterbrochen: Stopp, weitermachen. So blieb’s beim 0:0. Die Spieler haben nichts zu entscheiden auf dem Platz. So hältst du Spieler klein.

Persönlichkeiten und Charaktere sind doch wichtiger als linker Fuß, rechter Fuß: Gut ausgebildete Menschen gibt es viele – aber die Spieler, die auch mal anecken, die anders sind, nach denen schreit doch im Grunde jeder. Mit der Ausbildung im Jugendfußball, wie sie in Deutschland gerade stattfindet, werden keine Persönlichkeiten im Fußball mehr herauskommen. Der Einheitsbrei, als Beispiel die Interviews nach dem Spiel, kotzen doch alle an. Aber wir sind da selbst dran schuld.

Ein klarer und ehrlicher Umgang ist angebracht: Um den Spielern Raum für die persönliche Entwicklung zu geben und sie kitzeln zu können, muss zumindest ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Bei uns in Wieseck wird zu einem Spieler, der bei der Auswechslung meckert, auch »Halt mal die Klappe« gesagt – aber die Beziehung stimmt und später nimmt man ihn in den Arm und alles ist wieder gut. Genauso können die Spieler frei ihre Meinung sagen, übertreiben dabei auch mal und müssen von mir Grenzen aufgezeigt bekommen – aber sie üben den Umgang und lernen. Knallhart auf der einen Seite, aber auch ganz viel Freiheit auf der anderen Seite – so sieht für mich ein guter Umgang mit Jugendspielern aus.

 

 

Wollen Sie von morgens bis abends immer genau gesagt bekommen, was sie zu tun haben

Deniz Solmaz

Genauso dürfen die Spieler auch mal Quatsch machen und sich ausprobieren – du kannst sie doch nicht ein Leben lang »gefangen« halten und ihnen die komplette Kindheit nehmen. Wenn jemand mal (!) über die Strenge schlägt oder in einem Spiel was Verrücktes macht, mein Gott – richtig Ärger gibt’s nur bei Nichteinhaltung gewisser Grundregeln wie Pünktlichkeit oder Anstand gegenüber Teamkollegen und Gegnern.

Mehr Entscheidungsfreiraum für die Spieler auf dem Platz: Man muss sich trauen, den jungen Spielern Freiheiten zu geben. Ich spüre eine tiefe Zufriedenheit, wenn die Spieler ohne mich auskommen oder Dinge selbst ausprobieren. Meine vier Außenspieler tauschen regelmäßig die Positionen – manchmal hat man das Gefühl, man kommt auf seiner Seite gegen den Gegenspieler nicht weiter – dann probiert zu tauschen und seht, ob es klappt. Solange der Innenverteidiger nicht plötzlich Stürmer ist, sollen die Jungs ausprobieren.

Welcher Mitarbeiter will denn keinen Freiraum haben? Wollen Sie von morgens bis abends immer genau gesagt bekommen, was sie zu tun haben? Wenn Sie nie eigenständig ausprobieren und lernen können, wo soll da eine gewachsene Persönlichkeit herauskommen?

Damit wir echte Persönlichkeiten bekommen, die eigenständige Entscheidungen auf dem Platz treffen, müssen wir unsere Jugendspieler vorher auch eigene Entscheidungen treffen und sie ausprobieren lassen. Sonst werden sie es später auch nicht tun. Mehr Freiheit also.

Damit wir in Zukunft nicht reihenweise Spieler bekommen, für die ein Wort nichts mehr gilt und die schon mit 16 Jahren im schicken Anzug zum Jugendverein zurückkehren, sollten wir uns trauen, klar, ehrlich, aber menschlich mit den Jugendlichen zu sprechen und umzugehen. Mehr Menschlichkeit also.

Damit wir in Zukunft noch bessere Fußballer produzieren, sollten wir uns überlegen, ob wir uns als Erwachsene nicht insgesamt wieder etwas zurücknehmen müssen und die Bühne den jungen Fußballern überlassen. Mehr Fußball für Jugendliche also.

Deniz Solmaz, 33 Jahre alt , ist Jugendleiter der TSG Wieseck und führt seit sechs Jahren die Talentförderung Mittelhessen.

 

 

 

 

 

 

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