12. Januar 2023, 06:00 Uhr

FC Gießen

FC Gießen: Wann Turgay Schmidt abgelöst und ein neuer Vorstand gewählt werden soll

Michèl Magel hat sich zur zweiten Führungskraft des FC Gießen neben Notvorstand Turgay Schmidt entwickelt. Im Interview spricht er offen und klar über die Zukunft des Fußball-Hessenligisten.
12. Januar 2023, 06:00 Uhr
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Von Sven Nordmann
Will den FC Gießen umkrempeln: Michèl Magel Anfang 2023 im Gießener Newscafé. FOTO: FRIEDRICH (Foto: NORDMANN_S)

Ob Zufall oder nicht: Mit Michèl Magel im Führungsteam läuft es beim FC Gießen seit dem Sommer deutlich besser: Seit der 37-Jährige aus Salzböden im Juli Verantwortung beim Fußball-Hessenligisten übernommen hat, findet der Verein zu neuer Ruhe - und sportlichem Erfolg als Tabellenzweiter zur Winterpause.

Im Interview im Gießener Newscafé spricht Magel darüber, ob er den Posten des Geschäftsführers übernimmt, wann eine Führung ohne Notvorstand Turgay Schmidt denkbar ist und wie der Verein Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen will.

»Der FC Gießen hat sich in einigen Bereichen nicht gut verhalten«, sagt Magel. »Es geht darum, wieder eine Basis zu schaffen: Auch den kleineren Sponsoren Wertschätzung zukommen zu lassen, jeden zu begrüßen und zu wissen, dass am Spieltag alles läuft.«

Herr Magel, gemeinsam mit Notvorstand Turgay Schmidt gestalten Sie seit Juli 2022 die Zukunft des FC Gießen - haben Sie sich über die Feiertage zwischen den Jahren eine Auszeit genommen?

Nein. Dazu gab es keine Zeit. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, gerade jetzt die Extrarunde zu drehen. Auch an Heiligabend, den Weihnachtsfeiertagen und Neujahr habe ich Telefonate geführt - mit Sponsoren oder Spielern. Es ist mein Bestreben, gerade jetzt die Ärmel hochzukrempeln.

Welcher Arbeitsumfang war vorgesehen, als Sie im Sommer Teil des Führungsteams wurden?

Geplant war, an einem Tag in der Woche mitzuwirken. Es hat sich relativ schnell herauskristallisiert, dass es deutlich mehr wird (lacht). Jetzt ist der FC Gießen jeden Tag viele Stunden ein Thema für mich. Mein Telefon klingelt teilweise 100 mal am Tag. Einmal habe ich es gezählt: Da waren es 51 Anrufe an einem freien Sonntag. Viele haben ein Ventil in mir gesehen, weil sie gemerkt haben, dass ich mich um die Dinge kümmere. Ich rufe zurück. So gelingt es uns, ein Team im Hintergrund aufzubauen: Wir haben wieder viele Ehrenamtliche, die helfen!

Nennen Sie bitte eine konkrete Veränderung in der Struktur des FC Gießen, die Sie bewirkt haben.

Eine ganz große Sache war der Umgang mit den Sponsoren. Da gab es für die Hessenliga-Saison Nachholbedarf: Was die Akquise, den Austausch und die Preise angeht. Es gibt keinen Sponsor, der seinen Leistungen hinterherrennt. Wir wissen, dass das in der Vergangenheit nicht immer so war. Es geht darum, den Menschen dankbar zu sein, die den Verein unterstützen, auch in der Energiekrise. Die Partner begrüßen, alte VfBer anhören - darum geht es uns als Familie.

Sie sagen: »Als Familie.«

Wir sind als gesamte Familie dabei, meine Eltern auch als Sponsor. Meine Mutter kümmert sich um das VIP-Zelt und die Bewirtung. Mein Vater hilft, das Waldstadion insgesamt auf Vordermann zu bringen, unter anderem bei der Umgestaltung der Kabine. Meine Schwester hilft ebenfalls bei der Bewirtung, und meine Ehefrau nimmt die VIPs in Empfang, sodass sich jeder willkommen fühlt.

Talking Tables übernimmt nicht mehr das Catering im VIP-Zelt.

Wir haben jetzt für jedes Spiel einen anderen Caterer und drei, vier feste Anlaufstellen. Wir sind da offen. Generell gibt es rund um das VIP-Zelt einige Veränderungen. Es geht um eine gleiche Behandlung aller: Wer den Verein unterstützt, soll dafür auch Wertschätzung erfahren. In der Vergangenheit war das VIP-Zelt öfter voll, aber wir haben Minus gemacht. Da spitzen wir den Bleistift. Das ist der einzig machbare Weg. Genauso verhält es sich mit Ausschankwagen: Klar sieht das gut aus, aber in der Blechhütte ist auch alles da und die bringt uns deutlich mehr Geld ein.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Notvorstand Turgay Schmidt?

Ich weiß um die Probleme und das belastete Verhältnis zwischen ihm und einigen Gießener Fußballern. Auf der anderen Seite kann ich für mich nur sagen: Für mich ist er immer erreichbar, jeden Tag. Er ist sehr bemüht, das sieht kaum einer. Ich glaube, dass alles manchmal auch zu viel für eine Person wurde. Jetzt sind wir zu zweit und mein Telefon steht nicht still. Ich merke, dass der FC Gießen ein Verein ist, der eine Strahlkraft hat, der aber auch mit viel Arbeit verbunden ist.

Können Sie den Unmut vieler Turgay Schmidt gegenüber verstehen?

Ja, kann ich. Manche Dinge hätte man menschlich eleganter lösen können. Aber man darf nicht vergessen, dass er Notvorstand ist und nichts für die Schieflage des Vereins kann. Ich bin ihm dankbar, dass er mir das Vertrauen gibt - und die Möglichkeit, den Verein neu aufzustellen.

Wann wird der FC Gießen wieder von einem normalen Vorstand geführt?

Turgay Schmidt und mir ist klar, dass der Verein nicht ewig von einem Notvorstand geführt werden kann. Turgay Schmidt ist bereit, aus der ersten Reihe abzutreten. Es geht darum, noch einige wenige Altlasten abzuwickeln - öffentliche Gläubiger, mit denen wir in Verhandlungen stehen. Da stehen wir auf der Zielgeraden. Dann ist der Weg frei. Unser Ziel ist es, im August eine Mitgliederversammlung mit Neuwahlen stattfinden zu lassen. Darin sind wir uns einig. Wir wollen mit einem neuen, gewählten Vorstand in die neue Saison gehen.

Wird zu dieser Mitgliederversammlung dann auch die Presse zugelassen?

Ja, sicherlich. Darauf kann man sich verlassen.

Sind Sie über den finanziellen Stand des FC Gießen informiert?

Ja, das bin ich.

Was spricht dagegen, diesen der Öffentlichkeit transparent mitzuteilen?

Das wird ja auf der Mitgliederversammlung im Sommer geschehen. In Gesprächen mit Sponsoren zeige ich zuweilen auch klar die Zahlen schwarz auf weiß auf.

Warum nicht jetzt gegenüber der Öffentlichkeit?

Ich bin da durchaus bei Ihnen. Ich kann aber auch die Zurückhaltung von Turgay Schmidt verstehen.

Dieser hat Ihnen schon vor zwei Monaten angeboten, Geschäftsführer des FC Gießen zu werden.

Der Vertrag ist von ihm unterschrieben und liegt mir als Angebot vor. Ich habe mich dazu entschlossen, bis Februar eine Entscheidung zu treffen. Bislang habe ich das nicht getan, weil es mir um den Verein geht. Wir sollten gemeinsam nach vorne gehen. Es geht nicht um mich. Wenn wir es schaffen, den FC Gießen in ruhige Fahrwasser zu bringen, ist das das Wichtigste. Und wenn ich als Fan mit meinem fünfjährigen Sohn ins Waldstadion gehen kann, freue ich mich am meisten. Seit dem Sommer habe ich meinen Sohn selten gesehen. Ich habe eine Familie. Wenn ich den Posten des Geschäftsführers übernehme, mache ich es richtig. Und dann ist es ein Fulltime-Job. Ich vernachlässige meinen Job in der Automobilpflege in Lollar ja jetzt schon gewissermaßen. Die Frage ist: Wie kriege ich das geregelt?

Der Verein steht derzeit auf Rang zwei der Hessenliga, der zur Teilnahme an der Relegation berechtigt, mit drei Punkten Rückstand zum Spitzenreiter Eintracht Frankfurt U23. Sollte die Mannschaft den Aufstieg sportlich schaffen - geht der Verein dann mit?

Natürlich sind wir alle so ehrgeizig, dass wir jedes Spiel gewinnen wollen. Wenn es der Mannschaft gelingt, aufzusteigen, werden wir ihr das nicht verwehren. Aber als Verein sind wir zurückhaltend. Wichtig ist, Zuschauer zurückzugewinnen. Das Ganze muss finanziell stemmbar sein durch Partner - und wird nicht mehr auf der professionellen Ebene stattfinden, mit den exhorbitanten Spielergehältern wie früher einmal. Wenn wir in die Regionalliga aufsteigen sollten, werden wir uns mit einigen wenigen Spielern verstärken, sodass die Jungs weiterhin arbeiten gehen können.

Bei welchem Gehaltsbudget liegt der FC Gießen?

Wir stehen bei ungefähr 20 000 Euro pro Monat, die die Mannschaft kostet. Da ist alles inkludiert. Wenn man mal überlegt, dass es einst mal über 150 000 Euro pro Monat waren... Trotzdem wollen wir da weiter drauf achten und immer schauen: Passt es für beide Seiten?

Wer sind die drei größten finanziellen Säulen des FC Gießen?

Die Volksbank Mittelhessen, die Sicherheitsfirma Roscher und der ambulante Pflegedienst Medical Personalvermittlung.

Gehen dem FC durch den Abgang von Christian Memmarbachi als Sportlichem Leiter gleichzeitig finanzielle Mittel verloren?

Er war als Sportlicher Leiter nicht für das Sponsoring zuständig und keine finanzielle Säule. Er hat aus seinem Netzwerk zwei Sponsoren beigesteuert: Das Wiesecker Pfandhaus und das R&K Sachverständigen Büro.

Ist eine Nachfolge für die Position des Sportlichen Leiters angedacht?

Ja, wir werden die Position neu besetzen, vermutlich noch im Februar. Wir haben einen Wunschkandidaten.

Wie zufrieden sind Sie mit rund 400 Zuschauern pro Heimspiel?

Für den Anfang bin ich ganz zufrieden. Aber das kann nicht das Ende sein. Wir haben begonnen, an Rewe-Märkten in Gießen und Pohlheim Plakate aufzuhängen, können das aber steigern.

Wie kann der Verein wieder mehr Zuschauer für sich gewinnen?

Ich war schon als fünfjähriger Junge im Waldstadion. Damals gab es schon das Scheibenhaus und noch Mettbrötchen. Und mir wurde ein Trikot von Uwe Bein versprochen - auf das warte ich bis heute. Es geht darum, dass wir das ändern: Dass man in Gießen nicht mehr verspricht, als man hält. Lieber verspreche ich weniger und leiste mehr. Wir müssen wieder eine Basis schaffen.

Der zweiten Mannschaft droht der Zwangsabstieg in die Kreisoberliga, wenn eine weitere Gruppenligapartie abgesagt wird.

Oberstes Gebot ist, kein Spiel mehr abzusagen und irgendwie über den Strich zu kommen. Fünf Spieler haben sich zur Winterpause abgemeldet. Beim ersten Training waren jetzt elf Leute da. Unser Ziel ist es, 15 zu bekommen und diesen Kader dann mit Jugendspielern und Akteuren aus der ersten Mannschaft aufzufüllen. Es geht auch darum, den anderen Vereinen einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Mario Pitz geht bei der Spieleraqkuise vorneweg.

Abschließend: Wie hilft der überraschende sportliche Erfolg bei der Neuausrichtung des FC Gießen?

Sponsorengespräche fallen leichter, als wenn wir Tabellen-17. wären. Und es motiviert, die tägliche, harte Arbeit auf sich zu nehmen.



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