29. Oktober 2022, 06:00 Uhr

FC Gießen

FC Gießen: Wie es zum Comeback der Kanten im Angriff kam

Auf ungewöhnlichen Wegen kamen Michael Gorbunow und Leonid Akulinin zum FC Gießen. Ebenso ungewohnt ist, dass sie das Bild des Mittelstürmers beim Fußball-Hessenligisten aufleben lassen.
29. Oktober 2022, 06:00 Uhr
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Von Sven Nordmann
Michael Gorbunow, 24 Jahre alt, hat für den FC Gießen in fünf Partien bisher viermal getroffen und wird nach Wadenbeschwerden bald zurückerwartet. FOTO: VOGLER (Foto: Oliver Vogler (Oliver Vogler))

Zwei kantige Kanten für den FC Gießen: Der aktuelle Spitzenreiter der Fußball-Hessenliga, im eigenen Waldstadion bislang mit acht Siegen aus acht Partien äußerst erfolgreich unterwegs, geht in dieser Saison ungewöhnliche Wege und baut auf zwei klassische Mittelstürmer.

Die beiden groß gewachsenen Michael Gorbunow (1,93 Meter) und Leonid Akulinin (1,95 Meter) trafen in dieser Spielzeit trotz geringer Einsatzzeit gemeinsam bereits sieben Mal und setzen nach dem zwischenzweitlichen Trend hin zur »Falschen Neun« im Angriff ein Zeichen: Der bullige Stürmer bleibt bedeutsam.

Beide tasten sich nach jeweiligen Blessuren vor dem heutigen Heimspiel gegen den SV Unter-Flockenbach (14 Uhr, Waldstadion) wieder heran und dürften in den kommenden Wochen von großer Relevanz sein: Das Comeback der Kanten!

»Beide sind zwei absolute Glücksfälle für uns«, sagt Trainer Daniyel Cimen. Gorbunow und Akulinin verstehen sich auch untereinander gut, sprechen russisch miteinander - und bleiben bescheiden.

»Mein Anteil am Erfolg ist bislang nicht so groß. Ich versuche einfach zu helfen«, sagt Gorbunow. Und Kollege Akulinin bedankt sich im Gespräch auf englisch mehrmals bei den FC-Fans: »Wir spüren den Support. Das hilft uns.«

Gießens langjähriger Trainer Daniyel Cimen relativiert Gorbunows Aussage. Er meint: »Beide haben einen großen Anteil. Wenn Du Dir Topteams anschaust, egal in welcher Liga, dann gibt es eigentlich immer diesen einen richtig guten Stürmer. Für unsere Mannschaft ist es unglaublich wichtig, groß gewachsene Stürmer vorne drin zu haben. Das passt, weil wir auf den Außen sehr schnelle Spieler und offensiv denkende Verteidiger haben. Da ist es wichtig, dass bei uns ein Stürmer in der Box ist, der präsent ist.«

Gorbunow kennt viele Frankfurter aus seiner Kindheit: »Auf dem Platz fühle ich mich wie ein achtjähriger Junge«

Gorbunow betont: »Ich bin bei dem Thema klassische oder falsche Neun zwiegespalten. Ich glaube, es kommt einfach auf die Interpretation des Trainers an. Bei uns wird die klassische Kante gebraucht - das ist von Mannschaft zu Mannschaft unterschiedlich.«

Der 24-Jährige kam erst Ende September an die Lahn, nachdem sich herausstellte, dass der fest eingeplante 34-jährige Aykut Öztürk mit einem Bänderriss bis zur Winterpause ausfallen wird. Gorbunow war nach einem Regionalliga-Jahr bei Schott Mainz vertragslos und nach sich zerschlagenden Probetrainings bei diversen Vereinen froh, wieder einen »geregelten Ablauf im Fußball« zu haben.

Der Ukrainer Akulinin schätzt die deutsche Kultur

Sein großer Vorteil: »Ich kenne viele Frankfurter Jungs seit meiner Kindheit. Mit sechs, sieben Spielern aus unserem Kader bin ich in der Nordweststadt aufgewachsen. Wir fahren zu jedem Training in einem Auto. In Kombination mit den erfahrenen Manga (Denis Mangafic, Anm. d. Red.) und Micha (Michael Fink, Anm. d. Red.) klappt das sehr gut. Wenn Du dann noch in einen Lauf kommst, wird alles einfacher.«

Mit vier Jahren fing der gebürtige Deutsche in Heddernheim an, Fußball zu spielen. »Du fängst an, weil es Spaß macht. Und es ist heute noch so, dass ich mich vom Alltag abkopple, wenn ich auf dem Platz stehe. Dann fühle ich mich wie ein achtjähriger Junge. Gefühlt vergesse ich auf dem Platz alles um mich herum. Deshalb spiele ich so gerne Fußball. Und deswegen spielen einige auch so lange. Frag mal nach bei Michael Fink...«

Gorbunow lacht, während er das sagt. »Er ist ein sehr positiver Typ, der die Jungs pusht«, sagt sein Trainer. »Er arbeitet gegen den Ball, ist sich für nichts zu schade und hält die Bälle fest. Und er hat diesen Instinkt.«

Gorbunow und Akulinin, beide mit einem Vertrag bis Saisonende ausgestattet, seien »ähnliche Typen. Leonid hat ein großes Spielverständnis und ist für seine Größe technisch sehr, sehr gut.«

Der 29-jährige Ukrainer kam mit seiner gesamten Familie nach Deutschland und lebt derzeit in Bad Homburg. »Unser Sohn geht in die Grundschule und mag es hier sehr. Er lernt sehr schnell deutsch. Wir fühlen uns der deutschen Kultur und den Werten verbunden. Ich bin allen, die sich um uns Ukrainer kümmern, sehr, sehr dankbar.«

Beide kamen über private Kontakte zum FC - während Gorbunow mit Keanu Hagley befreundet ist, wurde Cimen in der Causa Akulinin von einem befreundeten Gruppenliga-Trainer angerufen. »Er sagte mir: ‘Ich habe hier einen geflüchteten Ukrainer. Der ist so gut, der hat in der Gruppenliga nichts zu suchen.’«

Der Familienvater lebte sich ein und sagt nun: »Wir haben uns den ersten Platz bis hierhin verdient.« Kollege Gorbunow meint: »Wenn Du auf die Tabelle schaust, siehst Du, dass sieben Teams eng beieinander liegen. Jetzt vom Aufstieg zu sprechen, wäre fatal. Wir wollen gut in die Winterpause kommen.«

Dort wird dann auch Aykut Öztürk zurückerwartet - der erfahrene Stürmer dürfte den Kreis der schwer zu verteidigenden Angreifer im FC-Block erweitern - und den Slogan einmal mehr aufleben lassen: Das Comeback der Kanten!



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