12. August 2021, 06:00 Uhr

FC Gießen

FC Gießen: Wie transparent sind Sie wirklich, Herr Schmidt?

Nach rund zehn Monaten Wirken als Notvorstand des FC Gießen und kurz vor dem Saisonstart des Fußball-Regionalligisten sieht sich Turgay Schmidt mit vielen Fragen konfrontiert. Das Interview.
12. August 2021, 06:00 Uhr
Der Notvorstand des FC Gießen, Turgay Schmidt: »Das kann ein ehrenamtlicher Vorstand eigentlich nicht leisten.« FOTO: FRIEDRICH (Foto: Oliver Vogler (Oliver Vogler))

Vier Tage vor dem Saisonstart des FC Gießen bei Astoria Walldorf (Samstag, 14 Uhr) beantwortet Notvorstand Turgay Schmidt all jene Fragen zum Fußball-Viertligisten, die trotz angekündigter Transparenz bislang offen geblieben waren.

Herr Schmidt, am Samstag beginnt die neue Saison 2021/22 in der Regionalliga Südwest. Können Sie heute garantieren, dass der FC Gießen gegenüber seinen Spielern im Gegensatz zu den Vorjahren nicht in Zahlungsnöte geraten wird?

Garantieren kann ich gar nichts, weil der Verein von etlichen Unbekannten abhängig ist. Eine davon heißt Corona. Der FC Gießen hat eine Basis gefunden, aber an der Kurve nach oben muss jetzt gearbeitet werden.

Der Verein hatte und hat noch keine tragfähigen Strukturen. Jetzt sind die ersten Schritte getan. Bis die Maßnahmen greifen, dauert es mindestens vier bis fünf Monate. Dazu zählen, um mal drei Beispiele zu nennen, eine Schnittstelle in der Geschäftsstelle mit einer fest angestellten Mitarbeiterin, ein professioneller Vertrieb und eine Überarbeitung der Infrastruktur des Waldstadions.

Im Mai 2021 sagten Sie, dass der FC Gießen nur noch das Geld ausgeben dürfe, was er auch sicher zur Verfügung hat. Wie steht es um das Budget für die Saison 2021/22?

Wenn hier sämtliche Kosten - auch für die Jugend und die U 23 zusammengenommen werden - ergibt das ein Gesamtbudget von ungefähr 800 000 Euro.

Wie viel davon ist durch Sponsorenverträge und weitere Einnahmen für 2021/22 bereits gesichert?

Mehr als 50 Prozent. Die übrigen Gelder sollten über Zuschauer und sonstige Einnahmen erzielt werden. Ebenso wird mit bestehenden Partnern über die Ausgestaltung ihres Engagements gesprochen.

Also fehlt Ihnen derzeit knapp die Hälfte des Budgets an fest einzukalkulierenden Geldern.

Es müssen jedenfalls noch weitere Faktoren hinzukommen. Beispielsweise werden Sponsorenleistungen auch erst im Laufe der Saison ausgeschüttet. Außerdem sind auch noch keine festen Größen für die Zuschauereinnahmen geplant. Es kann aktuell seriös nicht mit 1500 Zuschauern im Schnitt gerechnet werden. Grundsätzlich wird der Verein in diesem Bereich jetzt von Profis unterstützt, die dafür sorgen werden, dass das Sponsoring verstärkt anläuft.

Auf wie viele Sponsoren kann der FC bauen?

Mit knapp 50 Partnern bestehen Verträge bzw. laufen konkrete Gespräche.

Wie hoch sind die Verbindlichkeiten des FC Gießen noch?

Es sind rund 170 000 Euro Altverbindlichkeiten. Mit den Hauptgläubigern gibt es einen klaren Zahlungsplan. Aber es ist nicht auszuschließen, dass weitere, bisher unbekannte Gläubiger, mit einem Titel gegen den FC Gießen vorgehen.

Gab es den Moment in Ihrer bisherigen zehnmonatigen Tätigkeit, in der Sie erwogen haben, Insolvenz für den FC Gießen anzumelden?

Nein.

Hat der FC Gießen unter Ihrer Ägide kontinuierlich Kurzarbeit beantragt?

Bis Juni 2021 wurde Kurzarbeit beantragt, ja.

Auf welcher Grundlage?

Die Spieler und Trainer haben mindestens 20 bis 30 Prozent weniger gearbeitet, zum Beispiel ist ein Trainingstag in der Woche komplett weggefallen. Die Genehmigung der Zuschüsse ist aber noch nicht durch. Die staatlichen Corona-Hilfen sind auch noch nicht final entschieden. Es kann auch sein, dass der FC Gießen da gar nichts erhält. Deshalb können die staatlichen Hilfen sowie die Zuschauereinnahmen nicht bereits heute fix in die Budgetplanung integriert werden.

In Ihren bisherigen Pressekonferenzen haben Sie immer wieder den Eindruck erweckt, als trage lediglich die FCG Offensive GmbH Verantwortung für die missliche Lage des FC Gießen. Dabei scheinen die von Ihnen aufgeführten Schulden von 2,18 Millionen Euro doch zum allergrößten Teil unter der Führung des Vorstandes um Geschäftsführer Jörg Fischer, Vorsitzenden Dominik Fischer und Rechner Alexander Schmandt entstanden zu sein. Ist das nicht eine bewusste Verdrehung der Tatsachen?

Alle Beteiligten wussten im Januar 2020 um den Schuldenstand. Klar ist aber auch, dass die GmbH weit vor ihrer Gründung ohne rechtliche Grundlage bereits tätig wurde. Durch nicht geleistete Zahlungen entstanden im Jahr 2020 zusätzlich zu den bestehenden Altlasten weitere neue finanzielle Belastungen.

Sie erklärten im Mai 2021, rund zwei Millionen Euro Schulden abgebaut zu haben. Nach unseren Informationen belief sich der Schuldenstand des FC Gießen externen Gläubigern gegenüber im Sommer 2020, bezogen auf den Spielbetrieb, auf lediglich ein Viertel dieser Summe. Sind über 1,5 Millionen Euro Verbindlichkeiten auf Darlehen von Jörg Fischer bzw. Verflechtungen und Vereinbarungen aus dessen Zeit zurückzuführen?

Ohne das Entgegenkommen und die finanziellen Leistungen von Jörg Fischer wäre die Entschuldung des FC Gießen nicht möglich gewesen. Jörg Fischer war selbst ein großer Gläubiger. Jede Forderung wurde überprüft. Diese lagen im hohen sechsstelligen Bereich.

Also bestand der Großteil des Abbaus der Schulden letztlich darin, dass Jörg Fischer einerseits als Gläubiger des FC Gießen verzichtete und andererseits wieder Gelder bereitstellte?

Jörg Fischer hat sich sehr kooperativ gezeigt und einen großen Teil der Altschulden beglichen und dem Verein darüber hinaus Gelder zur Verfügung gestellt, um Verhandlungen mit weiteren Gläubigern zu führen.

Der Gesellschafter Marcel Roscher, Inhaber des Trikotsponsors »Sicherheits- und Gebäudedienste Roscher«, wurde von Ihnen bei den öffentlichen Vorwürfen gegenüber der GmbH in der Pressekonferenz ausgeklammert. Trifft es zu, dass dieser im Nachgang eine zusätzliche Zahlung in Höhe von 25 000 Euro an den FC Gießen vornahm?

Es wurden auch die Sponsorenleistungen in den bereits geschlossenen Verträgen überprüft. In diesem Zusammenhang hat sich ergeben, dass im Bereich der Brustwerbung durch die GmbH eine Gegenleistung im unteren Bereich angesetzt worden war. Über den dadurch vorhandenen Spielraum wurde ein Gespräch mit Herrn Roscher geführt und eine Einigung erzielt.

Diese Zahlung steht also nicht in Zusammenhang damit, dass Marcel Roscher von Ihnen im Gegensatz zu den anderen Gesellschaftern öffentlich verschont wurde?

Nein, das sind Erkenntnisse, die nicht in Zusammenhang stehen. Klar ist außerdem: Es wurden alle Gesellschafter bei den jeweiligen Stellen benannt. In manchen Punkten gab es nach Rücksprache mit den Rechtspflegern des Amtsgerichts Gießen für mich als Notvorstand gar keinen Ermessens- und Handlungsspielraum.

Der Transparenz zuträglich wäre es auch gewesen, wenn öffentlich klar gewesen wäre, wie die Winter-Neuzugänge 2020/21 um Michael Fink, Ali Ibrahimaj und Co. trotz der misslichen Lage extern finanziert wurden.

Es wurde von Beginn an kommuniziert, dass die Wintertransfers extern finanziert waren. Diese Finanzierung lief über das Kompetenzteam und Vjekoslav Boras (Bauunternehmer aus Frankfurt am Main und Vater des Spielers Marco Boras, Anm. d. Red.)

Sie haben also als vom Amtsgericht bestellter Notvorstand die Entscheidung getroffen, extern private Geldgeber ins Boot zu holen, um die Wahrscheinlichkeit für den sportlichen Klassenerhalt zu erhöhen.

Sportlich die Regionalliga zu halten, ist natürlich für die weitere wirtschaftliche Existenz des Vereins wichtig gewesen. Es ging darum, die aktuelle Liquidität nicht zu gefährden. 15 000 Euro pro Monat für neue Spieler mussten zusätzlich aufgebracht werden.

Zurück zum Gesamtbudget von rund 800 000 für die Saison 2021/22. Ist darin die Honorierung Ihrer Person mit eingerechnet?

Ja, das ist der Fall.

Wie läuft die Honorierung des Notvorstandes ab? Richtet sich die Entlohnung nach den üblichen Rechtsanwaltssätzen?

Nein, das ist anders geregelt. Es gibt eine Stundenvergütung. Aber gehen Sie davon aus, dass die Vergütung in keinem Verhältnis zum Zeitaufwand steht.

Mit welchem zeitlichen Rahmen Ihrer weiteren Tätigkeit rechnen Sie?

Das kann ich derzeit nicht abschätzen. Der Verein befindet sich nach wie vor in einer fragilen Situation, in der er täglich in eine Schieflage geraten kann. Wenn das nicht so stringent geführt wird wie derzeit, bekommt der Verein schnell Probleme. Dabei denke ich nur als Beispiel an Verhandlungen mit dem Finanzamt, der Berufsgenossenschaft oder den Krankenkassen.

Was spricht dagegen, dass ein gewählter Vorstand diese Aufgaben übernimmt?

Das kann ein ehrenamtlicher Vorstand eigentlich nicht leisten. Der Verein hat momentan etliche Baustellen, sowohl finanzieller als auch struktureller Art.

Dabei gibt es doch mittlerweile einen abgesprochenen Zahlungsplan mit den Hauptgläubigern.

Für diesen Zahlungsplan müssen die Einnahmen aber auch erst einmal generiert werden. Und es tauchen immer wieder mal neue Forderungen auf: Zum Beispiel wurden alle fälligen Zahlungen an die Berufsgenossenschaft von der GmbH im Jahr 2020 nicht geleistet.

Wann planen Sie, eine Mitgliederversammlung einzuberufen?

Um die Jahreswende herum.

Wie werden die Mitglieder aktuell informiert?

Über die Presse und einen demnächst erscheinenden Mitglieder-Newsletter auf der Homepage des Vereins.

Über wie viele Mitglieder verfügt der FC Gießen?

Etwa 480.

Sind die Mitglieder informiert darüber, dass die Mädchen und Frauen des FFC Pohlheim mittlerweile übergewandert sind in den FC Gießen?

Der Mädchenfußball in Pohlheim bzw. Grüningen hatte in den letzten Jahren nur noch knappe Kader gehabt. Durch Corona gab es einen starken Einbruch im Mädchenfußball, was die Anzahl an Spielerinnen angeht. Bei den B-Juniorinnen in der Bundesliga gab es zuletzt nur noch zehn Spielerinnen deshalb musste diese Mannschaft nun zurückgezogen werden.

Bei der Entscheidung der Eröffnung einer Mädchen- und Frauenabteilung beim FC Gießen waren die Überlegungen maßgeblich, dass der Verein alle Möglichkeiten einer Stärkung der Marke Fußball prüfen und umsetzen muss.

Es muss das Ziel sein, den Verein auf eine breite Basis und nachhaltig aufzustellen. Dazu gehört sicher auch der Bereich des Mädchen- und Frauenfußballs.

Welche Entscheidung wurde von Ihnen konkret getroffen?

Der FC Gießen wird in der Saison 2021/22 eine Frauenmannschaft sowie eine U 12- und eine U 14-Mädchenmannschaft stellen. Der Bereich wird kommissarisch durch den lizensierten Trainer Etienne Römer geführt. Es haben in diesem Zusammenhang einige Spielerinnen des FFC Pohlheim den Wechsel zum FC Gießen vollzogen, um hier weiter Fußball spielen zu können.

Erachten Sie es nicht als angemessen, die Mitglieder über eine solche Entscheidung vorher in Kenntnis zu setzen?

Für eine solche notwendige breitere Aufstellung des Vereins ist der Vorstand verantwortlich. Selbstverständlich wurden weitere Personen aus dem sportlichen Bereich des FC Gießen bei der Entscheidungsfindung eingebunden.

Abschließend: Wie steht es um Ihre Verbindung zum FC Turabdin/Babylon Pohlheim?

Natürlich besteht eine Verbindung, wie zu allen Pohlheimer Vereinen, da es ein Nachbarverein ist. Auch der FC Gießen ist ja ein Pohlheimer Verein.

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