10. Juni 2021, 12:00 Uhr

Schießen

Felix Hollfoth nimmt Junioren-WM ins Visier

Felix Hollfoth hat es mit Talent und Ehrgeiz geschafft. Für den 18-jährigen Schützen aus Lahnau beginnen in dieser Woche die Qualifikationswettkämpfe für die WM der Junioren in Südamerika.
10. Juni 2021, 12:00 Uhr
Felix Hollfoth von der Schützengemeinschaft Lahnau gehört zu den hoffnungsvollsten deutschen Nachwuchsschützen mit der Schnellfeuerpistole. FOTO: FRIEDRICH

Wenn es von Freitag bis Sonntag beim 1. Ranglisten-Turnier der WM-Qualifikation in München gut läuft, kann Felix Hollfoth aus Lahnau-Dorlar seinen 19. Geburtstag am kommenden Montag mit guten Chancen auf eine Teilnahme an der Junioren-WM im Spätsommer in Peru begehen. Mit der Schnellfeuerpistole zählt der Abiturient zu den hoffnungsvollsten deutschen Nachwuchsschützen. Im Interview erklärt Felix Hollfoth zurückhaltend, aber selbstbewusst, weshalb es ihn zum Schießsport verschlagen hat, was diese Sportart so besonders macht und welche Ambitionen er über den WM-Spätsommer hinaus hat.

Warum hast du unter den vielen Disziplinen die Schnellfeuerpistole gewählt?

Das hat sich mit der Zeit so ergeben. Pistolenschießen bedeutet weniger Gepäck, man ist leichter unterwegs und kommt schneller auf den Stand. Mir hat das gleich mehr Spaß gemacht. Auch die Erfolge haben sich schneller eingestellt. Mit dem Gewehr war bei den ›Hessischen‹ Schluss, mit der Pistole ging es gleich im zweiten Anlauf auf die ›Deutsche‹. Ich war schnell im oberen Drittel, kam zügig auf das Treppchen und wollte dann auch mehr.

Mit dem Erfolg wächst die Motivation

Wer selbst Sportler ist, der kennt das. Wenn man eine Medaille in der Hand hat, ist das gleich etwas anderes. Zuerst stellten sich die Erfolge mit der Mannschaft ein, dadurch kam die Motivation, im Einzel auch etwas erreichen zu können und sich im Landeskader dann mit anderen zu messen.

Wann trat dieser Effekt ein?

Der kam mit dem Sprung in den Landeskader. Als ich gemerkt habe, dass ich da eine Chance habe - das war der Moment, als ich im Leistungssport angekommen bin. Mittlerweile bin ich einer der Fleißigsten, werde schon spaßeshalber als Munitionsvernich-ter tituliert. Von dem Moment an macht man es für sich selbst, weil man spürt, was dabei rumkommen kann.

Wie muss man sich den Wettkampf mit der Schnellfeuerpistole vorstellen?

Es werden zwei Halbprogramme geschossen. Ein Halbprogramm ist unterteilt in acht, sechs und vier Sekunden. Das ist die Zeit für fünf Schüsse. Die Scheiben klappen weg, da muss man in der Fertighaltung sein, und dann kommen sie für acht Sekunden wieder. Dann geht man mit der Pistole hoch, schießt auf alle fünf Scheiben - dann wieder in sechs und vier Sekunden jeweils zwei Serien. Das macht 30 Schuss, also 300 Ringe pro Halbprogramm. Davon schießt man zwei, kommt also auf maximal 600 Ringe.

Auf welchem Ringe-Level muss man sich bewegen, wenn man zum Junioren-Bundeskader gehören will. Wo muss man ringemäßig hin, wenn man in die Spitze will?

Die Männer schießen kontinuierlich 580 Ringe und darüber, die Junioren in meinem Jahrgang kommen auf 570, die älteren Junioren auf 575 und mehr. In meinem Jahrgang bewegen wir uns aktuell zwischen 560 und 570 Ringen. Die muss man auch draufhaben, um die Chance zu bekommen, zu den Männern aufzusteigen.

Wie lautet das Anforderungsprofil für einen Schützen, der sich für den Leistungssport entschieden hat.

Grundvoraussetzung sind körperliche Fitness, Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit, Hand-Auge-Koordination, Feinmotorik. Es sind viele kleine Feinheiten, die man trainieren muss, weil sie alle für sich und letztlich in der Summe wichtig sind. Man muss Fehler erkennen und sie abstellen, man muss mit Kritik umgehen können, da sehr viel reguliert wird. Die intrinsische Motivation muss gegeben sein.

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Bei vier Sekunden zum Abschluss der Serie einen Schuss abzugeben aus der Fertighaltung, das sind pro Schuss 0,6 Sekunden für von Scheibe zu Scheibe wechseln, Visier aufnehmen und abziehen - das ist schon eine ordentliche Hausnummer.

Was benötigt man im Wettkampf zusätzlich zu den beschriebenen Aspekten?

Ein gewisses Erfahrungsmanagement gehört dazu. Das man - wenn man mal rechts neben der Schreibe war - ruhig bleibt. Klar sind es die Schusszahlen aus dem Training, die die Qualität bedingen. Dass man Bewegungsabläufe aufeinander aufbaut und abstimmt, ist klar. Zwischen Arm, Auge und Zielbild müssen aber auch die visuellen Reize - wenn die Ampel von Rot auf Grün wechselt oder die Scheiben sich drehen - mit dem Körperlichen verknüpft werden. Das kommt im Wettkampf hinzu.

Kann man das alles trainieren?

Krafttraining ist manchmal kontraproduktiv. Es ist die spezielle Kraft, die benötigt wird. Das Haltetraining ist wichtig, das man die Pistole nimmt und 30, 40 Anschläge macht, weil es eine spezielle Muskelgruppe ist, die man sonst nicht trainiert. Der obere Schultermuskel, der Schulterkopf werden beansprucht. Auch das Handgelenk ist wichtig, damit es dem Rückstoß standhalten kann - so etwas trainiert man im Fitnessstudio nicht. Das trainiert man erst im Schießsport selbst. Wenn man einem Laien die Waffe in die Hand gibt und er sie ein paar Sekunden mit ausgestrecktem Arm halten soll, ist das anstrengender als viele annehmen, weil die auch sehr schwer ist. Auch die Ausdauer ist in den Wettkämpfen wichtig. Je fitter man ist, desto schneller bekommt man den Puls wieder runter, desto besser kann man mit Stress umgehen.

Wie bedeutsam ist die Rumpfstabilität.

Du musst eine Grundspannung haben. Da scheitert es bei vielen tatsächlich. Du musst das Gewicht ausgleichen, ohne zu verkrampfen. Ein gutes Beispiel zum Verständnis ist das Boldern, da nutzen einzelne Körperteile nichts, da braucht man eine ganzheitliche Grundspannung - eben auch beim Schießen.

Signalisiert einem das eigene Körpergefühl gleich, wenn etwas nicht stimmt?

Ich merke sofort, wenn ich den Rückstoß nicht richtig aufnehmen kann. Ganz schlimm ist es bei der Handruhe. Wenn man vorher Krafttraining gemacht hat und die Muskeln noch angerissen sind, wenn die nicht mehr da ist.

Man merkt also praktisch mit dem ersten Schuss, ob man einen guten Tag erwischt hat.

Nicht mit dem ersten Schuss, aber tatsächlich nach wenigen Serien. Es ist zu spüren, wenn der Anschuss von den Zeiten her langsamer wird, weil der Arm langsamer hochgeht, wenn die Bewegung auf der Scheibe stärker wird und man den Rückstoß nicht mehr aufnehmen kann. Beim Osterlehrgang habe ich 2000 Schuss gemacht, bei den letzten 100 war dann die Luft raus. Da habe ich zu wenig Pausen gemacht, um die Konzentration hochhalten zu können. Das hat sich gerächt.

Wieso hast du dich für Schießen als Individualsport und nicht z. B. für Fußball als Teamsport entschieden?

Ich hab jetzt wieder etwas mit Fußball angefangen, weil beim Schießen einfach die Gemeinschaft fehlt. Wenn meine Freunde auf dem Sportplatz sind und ich bei meiner Einzelsportart, dann fehlt schon was. Man hat nicht so viel Kontakt. Klar, kennt man die Jungs aus dem Kader und die sind auch alle in Ordnung, aber es ist eben anders. Beim Fußball kann ich etwas für die Ausdauer tun, um zum fit bleiben - vor allem aber kann man etwas mit Freuden teilen. Das ist wichtig für mich.

Sport treiben kostet mal mehr, mal weniger. Schießen als Leistungssport ist sicher sehr kostenintensiv. Da hilft bestimmt die Aufnahme in die Sporthilfe-Förderung.

Bislang war die Förderung über Land Hessen so, dass es sich an den Munitionskosten beteiligt hat. Seit der Aufnahme in den NK 2-Kader übernimmt der Bund die Munitionskosten sowie die für die Sportutensilien. Ein Schlagbolzen kostet schnell mal 40 bis 50 Euro, ein neues Verschlussstück liegt bei 250 Euro, ein Lauf bei 200 Euro. Für diese Förderung war ich schon sehr dankbar, das hat gewaltig entlastet. Mit dem Aufstieg jetzt in den NK 1-Kader habe ich - um das einmal zu verdeutlichen - statt 10 000 Schuss pro Jahr nun ein Kontingent von 35 000 ! Das ist enorm. Die Anschaffungskosten sind grundsätzlich schon ordentlich für Waffen und Ausrüstung, da kommt einiges zusammen: Schießbrille, Waffenbesitzkarte, handgemachter Griff. Das ist wahrhaft kein günstiger Sport. Bei 10 000 Schuss redet man von 1000 Euro Kosten. Aktuell bin ich bei 18 000 Übungsschüssen und das halbe Jahr ist nicht mal um. In der Vorbereitung gehen halt auch Massen raus. Um zu automatisieren, musst du im Schießsport arbeiten, arbeiten, arbeiten.

Der Grundstein dazu aber wird - wie überall - im Verein gelegt.

Eine Beteiligung an den Fahrtkosten und die Startgebühren hat es schon gegeben. Aber viel bedeutsamer ist, dass der Verein eine Anlage bereitstellt, diese pflegt und unterhält, mit viel Eigeninitiative die optimalen Trainings- und Schießbedingungen ermöglicht. Das hat mir während Corona sehr geholfen und mich immens weitergebracht. Solche Möglichkeiten hat nicht jeder. Dafür bin ich dankbar.

Wie trainiert man die Automatismen?

Üben, üben, üben! Normalerweise fangen wir zu Beginn des Jahres immer mit dem Anschuss an. Nur beim ersten Schuss auf 45 Grad hochzugehen. Die zweite Bewegung ist die Körperdrehung auf die anderen vier Scheiben. Da kommt ein Element auf das nächste. Man nimmt halt selten das alte mit ins neue Jahr. Man fängt praktisch immer von vorne an, vor allem wenn wegen Corona das Korrektiv, die Lehrgänge fehlen. Wenn man von außen niemanden hat, der da draufschaut, dann merkt man die kleinen Fehler nicht. Es sind so viele Technikelemente, die es wieder einzutrichtern gilt. Die Spannung in den Knöcheln und Knien muss stimmen, die Drehung aus der Hüfte muss sitzen, die Spannung linke Schulter, rechte Schulter muss vorhanden sein, das Gleiche gilt für Ellenbogen und Handgelenk. Am Anfang hätte ich nie gedacht, das der Sport so komplex ist. Ohne Trainer ist das auf diesem Niveau nicht zu bewältigen.

Klingt monoton.

Das Anschusstraining hängt einem da schon mal zum Hals raus. Ja, das ist so. Ein Lehrgang von Freitagmorgens bis Sonntagabends, wo nichts anderes außer dem Anschuss gemacht wird, ist physisch und psychisch kräftezehrend, zumal man ja damit in der Regel schon ein, zwei Wochen vor dem Lehrgang angefangen hatte und anschließend noch eine Weile nachziehen muss. Praktisch geht ein kompletter Monat drauf, in dem man nur den Anschuss trainiert hat. Wenn man es da nicht schafft, im Training trotzdem noch den Spaßfaktor hochzuhalten, wird es problematisch.

Ohne Trainer geht es nicht?

Die ständige Rückmeldung muss einfach da sein. Ab einem bestimmten Level ist die Zusammenarbeit elementar.

Auf welchem Niveau bewegst du dich selbst?

Die EM-Qualifikation in Suhl Anfang Mai habe ich im Gesamtranking nach drei Wettkämpfen, von denen zwei in die Wertung eingegangen sind, mit Platz drei abgeschlossen und wäre für die Junioren-EM in Kroatien qualifiziert gewesen. Die ist aber leider wegen Corona abgesagt worden. Mein Bestwert lag bei 561, der Sieger hatte 565 Ringe.

Wo siehst du dich in zwei, drei Jahren?

Wenn ich den Sprung zu den Männern nicht schaffe und die Unterstützung mit der Munition nicht mehr da ist, wird es schwer. Aber die 570 nächstes Jahr, ich hab ja noch eine Juniorensaison, traue ich mir zu.

Die Junioren-WM im September in Südamerika ist aktuell das große Ziel

Das passt nach Abitur und vor dem geplanten Studienbeginn terminlich recht gut. Von uns Junioren können sich die besten Schützen qualifizieren, je nachdem, welche Kosten der Verband tragen kann. Wenn ich mich qualifiziere, würde ich hinfliegen. Klar! Das ist doch ein Ziel eines jeden Leistungssportlers.

Da heißt es Daumen drücken für die Qualifikation.

Die ersten Ranglistenwettkämpfe sind jetzt am Wochenende, die zweiten vom 22. bis 25. Juli. Dann wird man sehen, wer zur WM fährt. Ich denke, wir werden vier Durchgänge schießen, von denen drei in die Wertung kommen. Und ich hoffe, dass ich meine Leistung bringe und mich qualifiziere. Am Trainingsfleiß wird es nicht scheitern.



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