01. Juni 2021, 06:00 Uhr

Schwimmen Deutsche Schwimm-Verband

Gießens Jahrgang Nichtschwimmer

Die kontinuierliche pandemiebedingte Schließung der Hallenbäder zwingt die heimischen Vereine in die Knie - die baldige Öffnung macht Hoffnung, kann die Probleme aber nicht direkt auffangen.
01. Juni 2021, 06:00 Uhr
Der heimische Schwimmsport leidet während der Corona-Pandemie still. (Foto: Kay Nietfeld (dpa))

Der Gießener Schwimmsport leidet still und scheint von der Corona-Pandemie besonders betroffen zu sein: »Alles tot. Im Moment dümpeln wir ziellos durch die Gegend«, erklärte Stefan Alt, Abteilungsleiter Schwimmen beim Gießener SV Mitte Mai.

Sein in Leihgestern wohnender Kollege, Uwe Hermann, Vereinstrainer vom TV Wetzlar, weiß: »Wir sind als einzige Sportart auf ein anderes Element, das Wasser, angewiesen. Seit November 2020 hat der Breitensport keine Chance und ist vom Wasser abgegraben.«

Nun, endlich, sagen sich viele, gibt es Licht am Ende des Tunnels: »Wir planen, die Hallen- und Freibäder in Gießen zwischen dem 7. und 13 Juni, zu öffnen«, sagte Stadtwerke-Sprecher Uli Boos letzte Woche - die entstandenen Probleme wiegt das freilich nicht auf.

Die Pandemie hat schwerwiegende Folgen für die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung. Im Auf und Ab der Lockdowns wurden auch die Schwimmbäder immer wieder für längere Zeit geschlossen.

Der Schwimmunterricht in den Schulen, Vereinstraining und private Schwimmkurse konnten zum überwiegenden Teil seit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 nicht stattfinden.

Ein ganzer Jahrgang junger Nichtschwimmer, sinkende Mitgliederzahlen wie beim Gießener SV um rund 25 Prozent innerhalb eines Jahres und eine Warnung vor mehr Ertrinkenden sind die Folge.

»Die Lage ist dramatisch. Wir haben einen Riesenstau in der Schwimmausbildung«, sagt Michael Hohmann, Präsident der Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Hessen: »Ein kompletter Jahrgang hat das Schwimmen nicht gelernt. Allein in Hessen sind das 75 000 Kinder, die in der dritten oder vierten Schulklasse das Schwimmen gelernt hätten.«

In den ersten Corona-Monaten waren alle Bäder geschlossen - über den Sommer hinweg hatten die Bäder zwar auch im Gießener Land geöffnet, die beschränkte Besucherzahl pro Quadratmeter aber erschwerte Vereinen Gruppentraining enorm. Seit November nun hat im heimischen Landkreis lediglich das durch einen Förderverein geführte Hallenbad in Biebertal geöffnet, das von den von Verordnungen ausgeklammerten Spitzensportlern genutzt wird.

»Von unseren 80 jugendlichen Mitgliedern sind etwas mehr als zehn aktiv«, weiß Stefan Alt vom GSV. Rettungsschwimmer dürften weiterhin ausgebildet werden - »diese Möglichkeit in den Verordnungen haben wir gefunden«, sodass eine kleine Leistungsgruppe in Biebertal in den Wassergenuss kommt. »Das geht aber auch an die finanziellen Grenzen.«

Der Rest stehe seit einem halben Jahr still - »unsere Wartelisten sprengen bei der Öffnung jegliche Kapazitäten.« Elementar sei für den Vereinssport die Öffnung der Hallenbäder. »Wir waren und sind da abhängig von den Stadtwerken Gießen«, meint Alt.

Der 41-jährige Uwe Hermann ist nicht nur Vorsitzender der Deutschen Schwimm-Jugend, sondern auch Fachangestellter für Bäderbetriebe bei den Stadtwerken.

Er weiß: »Für eine Menge Badbetreiber ist eine Öffnung auch ein wirtschaftliches Risiko, wenn sie Gefahr laufen, zügig wieder schließen zu müssen. Im ersten Lockdown haben wir das Wasser abgelassen, seit November bleibt es im Becken, die Technik läuft mit reduzierter Energie weiter.«

Keine Schwimmausbildung hat Folgen. Fehlende Schwimmfähigkeit kann Leben kosten. »Der beste Schutz vorm Ertrinken ist es nun einmal, schwimmen zu können«, sagt Hohmann. Im Jahr 2020 sind in Deutschland mindestens 378 Menschen ertrunken.

Zumal es um die Schwimmfähigkeit in Deutschland schon vor der Pandemie alles andere als gut bestellt war. Eine repräsentative Umfrage hat schon 2017 ergeben, dass sich fast 60 Prozent der Zehnjährigen nicht sicher im Wasser bewegen können.

»Wenn die Bäder geschlossen sind, weichen die Menschen auf andere Badestellen aus«, weiß Hermann. »Wir haben viele Möglichkeiten, um nur die Lahn, Silbersee, Heuchelheimer See oder Dutenhofener See zu nennen. Das Risiko, zu ertrinken, ob wegen des kalten Wassers oder Alkohol, steigt dort ohne Aufsicht.«

Der hessische Stufenplan sieht vor, dass Schwimmbäder ab Stufe zwei, also einer Inzidenz von unter 50 an fünf aufeinander folgenden Tagen, öffnen dürfen - mit der Öffnungs-Ankündigung der Stadtwerke flammt nun Hoffnung auf, wenngleich die Vereinbarkeit von Schwimmkursen und begrenzter Personenkapazitäten herausfordernd ist.

Uwe Hermann weiß: »Wichtig ist, dass die Kinder wieder schwimmen können. Schwimmen ist nicht nur ein hohes Kulturgut, sondern auch aus sozialen Aspekten so wichtig. Der Sport als Integrationsfaktor ist unerreicht.«

Im Zuge der Coronavirus-Pandemie verzeichnet der Deutsche Schwimm-Verband einen massiven Mitgliederrückgang. In den fünf olympischen Sportarten Schwimmen, Wasserspringen, Wasserball, Freiwasserschwimmen und Synchronschwimmen verlor der Verband im Jahr 2020 etwa 51 000 Mitglieder. Die Zahl von nun 527 219 Mitgliedern ist der niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung.

»Die Zahlen bestätigen unsere größten Befürchtungen«, sagte DSV-Präsident Marco Troll laut Mitteilung. »Wir können nur erneut an die Politik appellieren, die vorliegenden Zahlen ernst zu nehmen und das Kulturgut Schwimmen zu retten. Wenn Zehntausende Kinder kein Schwimmen lernen, so hat das langfristige Folgen für den Sport und die Gesellschaft.«

Bei 82 Prozent der verlorenen Mitglieder handelt es sich um Kinder bis 14 Jahre. Durch die Schließung der Schwimmbäder würden Eltern ihre Kinder gar nicht mehr in den Vereinen anmelden, das habe massive Auswirkungen auf die Schwimmfähigkeit einer ganzen Generation.

Troll mahnt einen geregelten Badebetrieb für die Sommermonate an. »Die Menschen drängt es verständlicherweise mit Macht nach draußen. Wenn aber alle öffentlichen oder privaten Frei-, See-, Fluss- und auch Hallenbäder geschlossen sind, werden viele in Bereiche ohne Wasseraufsichten ausweichen.«

Die frühere Schwimmweltmeisterin Franziska van Almsick hat angesichts der Bäderschließungen während der Corona-Pandemie Alarm geschlagen und vor einer Flut von Nichtschwimmern gewarnt. »Die Auswirkungen auf das Schwimmen sind verheerend. Ich gehe davon aus, dass wir eine verlorene Generation von Kindern haben, die das Schwimmen gar nicht lernen«, sagte die 43-Jährige.

Schon vor der Pandemie habe eine Statistik der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) gezeigt, »dass jeder zweite Drittklässler nicht sicher schwimmen kann. Ich will das nicht überdramatisieren, aber ich habe große Angst vor dem Sommer, weil ich glaube, dass viele das im Moment total unterschätzen«, sagte van Almsick.

Seit Monaten ist nur Kaderschwimmern das Training vor allem an Olympiastützpunkten erlaubt, der Breitensport ist praktisch komplett zum Erliegen gekommen.

Das »Element Wasser« sei in der Pandemie »total unterschätzt worden«, sagte die gebürtige Berlinerin.

Van Almsick übte auch an den Regierenden Kritik: »Man hätte da auch anders reagieren können. Viele Schwimmbäder sind sich der Situation bewusst, haben gute Hygienekonzepte entwickelt.«

Van Almsick glaubt, dass die Auswirkungen langfristig sein werden. »Wie soll man das wieder aufholen? Wenn heute ein fünf, sechs Jahre altes Kind in einen Schwimmkurs will, gibt es immens lange Wartelisten«, sagte sie.

»Schon vor der Pandemie hatten viele Kinder nicht mehr die Möglichkeit, schwimmen zu lernen, weil Wasserflächen fehlen, viele Bäder geschlossen wurden. Jetzt geht es erst recht nicht mehr. Das ist besorgniserregend.«

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