30. November 2020, 16:00 Uhr

Schwimmen

In der Warteliste ertrunken

Die Probleme im Schulsystem kommen in Corona-Zeiten ungefiltert hoch - auch beim Schwimmen. Oftmals entfällt der Unterricht im Wasser ganz. Wartelisten der Vereine und Schwimmbäder sind voll.
30. November 2020, 16:00 Uhr
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Von Erik Scharf
Schwimmunterricht ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Aber auch unter normalen Umständen kommen Vereine und Schwimmbäder der Nachfrage nicht hinterher. FOTO: FRIEDRICH

Jahr für Jahr gibt es diese Meldungen, meistens verbunden mit der schrecklichen Nachricht von einem Unglück. Laut einer Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) von 2019 können immer weniger Kinder sicher schwimmen. Nur noch 40 Prozent aller Kinder erreichen derzeit bis zum Abschluss der vierten Klasse das Deutsche Jugendschwimmabzeichen in Bronze. Ende der 1980er-Jahre waren es noch mehr als 90 Prozent.

Die Gründe sind vielfältig, und fügt man sie zusammen, zeigt sich als Bild ein Teufelskreislauf, der kaum zu durchbrechen scheint.

Die Grundschulen kommen kaum noch nach. Wer das Glück hat, Zeiten für Schulklassen in einem nahgelegenen Schwimmbad bekommen zu haben, steht direkt vor dem nächsten Problem. »Viele Lehrer sehen erhebliche Risiken, wenn sie teilweise alleine verantwortlich für 25 Schüler mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen sind, wobei nahezu ein Drittel nicht schwimmen kann. Alldem gerecht zu werden ist sehr schwer«, sagt Holger Schwarzer. Er ist beim DLRG-Bezirksverband Gießen-Wetterau-Vogelsberg für die Schwimm-Ausbildung verantwortlich, als Förderschullehrer kennt er auch die Problematik in den Schulen.

Die Situationsberichte aus den Schwimmbädern bestätigen das. »Im Hallenbad Pohlheim sind unter der Woche, unter normalen Umständen, über 300 Schüler im Wasser«, sagt Bademeister Andreas Jung. »Die diesjährigen Viertklässler bleiben aber auf der Strecke, und nicht jede Schule hat Schwimmzeiten.«

Und so bleibt Eltern oft nichts anderes übrig, als die Kinder privat für Kurse anzumelden, wenn sie wollen, dass ihre Kinder schwimmen lernen. »Im Durchschnitt haben wir pro Ortsgruppe im Bezirk bis zu 150 Seepferdchen-Schwimmer, zum Teil in Kooperation mit den Schwimmbädern«, sagt Schwarzer. Damit würde man der Nachfrage aber lange nicht gerecht werden. »Die Wartezeit kann bei den DLRG-Ortsgruppen in unserem Verband bei einem Dreivierteljahr liegen«, sagt Schwarzer. Da aufgrund der Coronavirus-Pandemie seit März auf Grundlage eines Verbandsbeschlusses der DLRG keine Kurse mehr angeboten werden dürfen, werden die Wartelisten weiter überquellen. Zumal maximal 15 Kinder pro Kurs Schwimmunterricht bekommen, »dafür mit zwei bis drei Begleitpersonen, sonst ist kein vernünftiger Unterricht möglich«, sagt Schwarzer. Ähnlich schildert Jung die Situation. »Die Warteliste liegt bei vier Monaten, maximal sieben Kinder nehmen wir in einen Kurs auf, sonst leidet die Erfolgsquote«, sagt Jung.

Kaum Flächen, kaum Lehrer

Zwei weitere Punkte erschweren das Angebot. »Wir haben keine Kapazitäten, mehr Kurse anzubieten. Unsere Wasserflächen sind voll ausgebucht«, sagt Jung. Die Schwimmbäder und damit verfügbare Zeiten und Flächen werden in Hessen in der Summe aber eher weniger als mehr.

Nicht ohne Grund hat das Land Hessen ein 50 Millionen schweres »Schwimmbad-Investitions- und Modernisierungsprogramm«, kurz »Swim«, auf den Weg gebracht.

Dazu kommt: »Viele unserer Ausbilder sind entweder Studenten oder berufstätig, also mehrheitlich nicht vor 17 Uhr verfügbar. Einen Seepferdchen-Kurs kann ich aber nicht erst um 20 Uhr anbieten«, sagt Schwarzer. Auch Schwimmbäder würden sich gut überlegen, zu welcher Zeit sie Kurse anbieten, um andere Kundschaft zu diesen Zeiten nicht zu vergraulen.

Einen Wunsch richtet Andreas Jung noch an die Elternschaft: »Gehen Sie mit ihren Kindern ins Schwimmbad, sobald es wieder möglich ist, damit sie die Scheu vorm Wasser verlieren und lernen, sich im Becken wohlzufühlen«, sagt Jung. Nicht selten würde die Arbeit für die Ausbilder erschwert, weil der Pool im Garten als Schwimmerfahrung gewertet wird oder schon das Duschengehen ein Problem darstellt, weil die Angst vor Wasser zu groß ist.



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