16. November 2022, 06:00 Uhr

So gehen die Gießener Sportvereine mit der Energie-Krise um: 15 statt 18 Grad

Die Gießener Sportvereine kommen mit gesenkten 15 Grad in der Halle zurecht, betonen aber, wie wichtig es ist, auch in der Energie- Krise weiter Sport anbieten zu können. Eine Tour durch Gießen.
16. November 2022, 06:00 Uhr
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Von Sven Nordmann

So dramatisch, wie der Spiegel die Lage der deutschen Sportlandschaft Anfang November skizziert, steht es um den Gießener Sport nicht. »Wir sterben hier gerade den Tod auf Raten«, lautet die Überschrift des Nachrichtenmagazins rund um die Energiefrage für die Sportvereine.

»Ja, die Alarmglocken gingen bei allen Vereinen an. Aber bislang ist die Energie-Krise für uns kein großes Thema«, sagt Heike Wehrum, Vorsitzende der HSG Fernwald. »«Wir müssen das warme Wasser nicht abstellen und können die Halle dank der Kommune wie gewohnt nutzen.« In den meisten Sporthallen des Gießener Landkreises wurden die Temperaturen mittlerweile um drei Grad gesenkt - in Fernwald von 18 auf 15 Grad. »Darauf kann man sich ja einstellen. Die Kinder kommen dann eben seltener in T-Shirts und kurzen Hosen.«

Auch Markus Strauch, Vorsitzender des VfR Lich, sieht die Lage pragmatisch: »Das sind die Herausforderungen unserer Zeit. Wer vernünftig wirtschaftet und sich etwas vorbereitet, sollte damit zurechtkommen.«

Mehr Sensibilität, weniger Duschzeit. Mehr LED-Beleuchtung, weniger Heizen. Mehr zusammenrücken, weniger beschweren - mit diesem Motto scheinen die Gießener Vereine im Spätherbst gut zu fahren.

»Die meisten Vereine vermitteln: Wir haben uns vorbereitet. Mir ist kein Fall bekannt, an dem am 31. Dezember das Buch zugemacht werden muss«, sagt Kreisfußballwart Henry Mohr.

Mehr denn je scheint ein Schulterschluss zwischen lokaler Politik und den ansässigen Sportvereinen gefragt zu sein: Ein erneuter Shutdown für die Bewegungsstätten, vor allem den Kinder- und Jugendsport, soll unter allen Umständen vermieden werden.

»Ich glaube, da ist die Politik schlauer geworden«, sagt Heike Wehrum. »In erster Linie würde eine Schließung zu Lasten der Kinder gehen. Wir registrieren durch die Lücke während der Pandemie, dass es weniger sozialen Austausch zwischen den Kindern gibt. Auch technisch-taktisch gibt es viel Nachholbedarf.«

Die Jugendtrainerin ist davon überzeugt: »Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Sportliche Kinder sind flinker - auch im Kopf. Wenn wir ihnen diese Möglichkeit nehmen, verlagern wir nur die Probleme.«

Samstagmittag, 5. November 2022, 12 Uhr: Anwurf zur Partie der E-Juniorinnen der HSG Fernwald in der Bezirksliga B. In der Fernwaldhalle geht an diesem Tag alles seinen gewohnten Gang: Das über 40 Jahre alte Beleuchtungssystem läuft, Eltern beklatschen die Aktionen ihrer Sprösslinge, Brezeln und Kuchen wandern über die Theke.

»Ihr habt aber schön aufgetischt hier«, sagt ein Vater, während er Nachschub für die zweite Hälfte als Zuschauer bestellt: »Ne gekühlte Cola, stimmt so.« Kaffee, Kuchen, Würstchen im Schlafrock, Frikadellenbrötchen, gekühlte Getränke - das Angebot ist reichhaltig.

»Es wird heute richtig gut angenommen«, weiß Franziska Schaffer. Der Kühlschrank läuft, die Kaffeemaschine ist ohnehin durchgehend in Betrieb, der Backofen wärmt Pizzabrötchen auf. Ab 10.30 Uhr am Morgen stehen die Helfer an diesem Samstag hinter der Theke, wechseln sich im Zwei-Stunden-Takt bis zum späten Abend ab.

Nachdem die Schlusssirene für die E-Juniorinnen ertönt, läuft bereits die weibliche B-Jugend der HSG aufs Parkett und macht sich unter lauter Musik warm - so läuft das an diesem getakteten Samstag in der Fernwaldhalle: Türe zu, Sport pur!

Die gesenkten Temperaturen in der Halle scheinen niemandem aufzufallen. »Unsere Kleinen trainieren weiterhin in kurzen Hosen«, sagt Mutter Ramona Sacher. Wie Tatjana Weimer und Lina Kohlhaussen stammt sie aus Annerod - die drei Mütter sprechen über ihre Erfahrungen der letzten Monate: »Wirklich auffällig ist das Energiethema für uns nur beim Schwimmunterricht«, sagt Tatjana Weimer.

Drei Stunden in der Woche verbringen die jeweils neunjährigen Töchter im Hallenbad in Pohlheim. »Meine Tochter friert im abgekühlten Wasser und hat immer blaue Lippen.« Lina Kohlhaussen fragt: »Habt ihr schon mal über einen Neoprenanzug nachgedacht?« Lange, sagt Ramona Sacher, wäre das so nicht mehr tragbar für die Kinder. »Erst konnten sie durch die Pandemie gar nicht schwimmen und jetzt sind sie im kalten Wasser.«

Vieles, das wird bei der Tour durch Mittelhessen deutlich, ist eine Frage der Haltung. Andreas Klimpke, 2. Vorsitzender des TSV Dutenhofen, fährt klare Kante, wenn er sagt: »Wir spüren es, aber wir sagen auch: Dann muss man sich eben etwas wärmer anziehen. Unser Hallenwart in Münchholzhausen hat uns vor einigen Wochen informiert, dass die Temperatur in der Halle und beim Duschen gesenkt wurde. Wer sich gestört fühlt, kann ja zuhause duschen.«

Soweit die menschlich-individuelle Sichtweise - wie steht es um die steigende finanzielle Belastung für kleinere Vereine?

»Wir müssen derzeit 100 Euro mehr im Monat an die Stadtwerke zahlen«, sagt Erwin Pitz, Vorsitzender von Schwarz-Weiß Gießen. »Wir haben das freiwillig mal auf 120 Euro erhöht, um sicher zu gehen. Das Problem ist: Die Zuschüsse für den Pflegebetrieb werden gesenkt, die Kosten aber steigen auf der anderen Seite. Wir haben immer weniger Einnahmen, aber mehr Ausgaben.«

Wenn der Verein am 10. November sportlich in die Winterpause gehe, werde bis zur Weihnachtsfeier am 10. Dezember »alles heruntergefahren«, sagt Pitz. Rund 11 000 Euro würde der Betrieb des Vereinsheims inklusive aller Faktoren wie Versicherungen und Co. jährlich kosten. »Das ist ein großer Apparat. Wir veranstalten immer wieder einmal Aktionen, das kommt uns zugute. Früher war es das Romméeturnier, heute ein Schlachtessen. Sonst könntest Du das Ganze finanziell gar nicht mehr bewerkstelligen.«

Ein klassisches Beispiel, wie die Pandemie zugeschlagen hat, zeigt sich beim 140 Mitglieder umfassenden Schwarz-Weiß: Einst stellte der Verein fünf, direkt vor dem Virus noch zwei Dartmannschaften. »Das war eine große Einnahmequelle. Zwei Teams nahmen am Ligenwettkampf teil. Wir haben regelmäßig trainiert, hatten einmal im Monat ein Heimspiel. Darts ist ein Kneipensport, das hat für Umsatz gesorgt. Durch die Pandemie und die Verbote ist das eingeschlafen, jetzt gibt es kein Dartssport mehr bei uns.«

Dienstagabend, 1. November, 17.30 Uhr: Der Vorsitzende des VfR Lich, Markus Strauch, lehnt gelassen an das Geländer am Kunstrasen an der Alten Fasanerie, während das LED-Flutlicht den Platz erhellt. Vier Jugendmannschaften jagen aufgeteilt auf zwei Plätze dem Fußball hinterher.

»Ich gehe nicht davon aus, dass wir Probleme durch die Strom- und Heizungskosten bekommen. Wir erhalten von der Stadt eine Pflegepauschale und eine jährliche Abrechnung. Bislang haben wir unter dem Strich jährlich meistens zwischen 5000 und 6000 Euro gezahlt. Wir sparen durch das LED-Licht, wir haben Bewegungsmelder, die Heizung wird für eine Spielersitzung mal kurz auf drei gestellt. Aber klar ist: Handballer oder Basketballer spielen meist in Kreishallen, können Kühlschrank, Heizung und Co. kostenlos nutzen - bei uns läuft die Uhr runter und wir zahlen selbst dafür.« Strauch plädiert dafür, dass jene Vereine eine Nutzungspauschale zahlen sollten - »die kann ja der Jugendarbeit zugute kommen.«

Generell sei es wichtig, im Dialog zu sein - »manchmal habe ich den Eindruck, die Bedeutung von Maßnahmen wird nicht abgeschätzt. Die Bälle während der Pandemie zu desinfizieren, war zum Beispiel ziemlich sinnlos. Man hat den Ehrenamtlern schon viel aufgebürdet.«

Hundertprozentig grenzwertig sei die Belastung für die Ehrenamtlichen, sagt Andreas Klimpke. »Das hat in den letzten Jahren nochmal zugenommen. Zum einen gibt es mehr Absagen von Sponsoren. Zum anderen ist der zeitliche Aufwand nochmal gestiegen. Alleine die Sitzungen wegen den Corona-Regelungen...das sieht kein Mensch. Wir bei der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen glauben an die ehrliche Arbeit. Es gibt zum Glück noch die positiv Verrückten.« Die Frage: Wie lange noch? Klimpke: »Ohne das Ehrenamt wird es keinen Breitensport, keinen Jugend- und auf Sicht auch keinen Profisport mehr geben.«

Mit der Aufrechterhaltung des jetzigen Betriebs im Winter 2022 kann Deutschland einen weiteren drohenden Rückschlag für den Sport umgehen - und die Zukunft heller gestalten als die jüngere Vergangenheit.



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