03. August 2021, 22:00 Uhr

Verein als Heimatort - »das ist zeitlos!«

Über 40 Jahre trennen Laura Schäfer vom TV 07 Watzenborn-Steinberg und Wolfgang Schleer von den TSF Heuchelheim - im Herzen und im Kopf aber ticken beide gleich. Sie wissen, wie sich der Sportverein auch in Zeiten des Wandels zur individuellen Freizeit- gestaltung behauptet.
03. August 2021, 22:00 Uhr
nordmann_sven
Von Sven Nordmann
Diskutieren am Kirchenplatz über eine Stunde angeregt über den Vereinssport: Laura Schäfer, stellvertretende Vorsitzende des TV 07 Watzenborn-Steinberg, und der stellvertretende Vorsitzende der TSF Heuchelheim, Wolfgang Schleer. FOTO: FRIEDRICH

Als der 73-jährige Wolfgang Schleer aus Heuchelheim als Kind begann, gegen den Ball zu treten, gab es noch keine Fußballschuhe im heutigen Sinne: »Das waren hohe Schuhe, da wurden Querleisten druntergenagelt«, erzählt er. Selbst Laura Schäfer, die 32-Jährige aus Watzenborn-Steinberg, wuchs in den 1990ern noch als ständige Begleitung der trainierenden Mutter in der Turnhalle auf. Die beiden heimischen Ehrenamtsgrößen im Landkreis sind mit dem Vereinssport groß geworden und durch ihn in Gießen verankert.

Im Gespräch darüber, wie sich das Verhalten der Mittelhessen weg vom organisierten Sport hin zum individuellen Freizeitverhalten verändert hat, stellen beide allerdings fest: »Einen Ort zu finden, den ich Heimat nenne, das ist ein menschliches Bedürfnis. Und dafür steht ein gut geführter Verein. Das ist zeitlos«, sagt Laura Schäfer, stellvertretende Vorsitzende des TV 07 Watzenborn-Steinberg. Rund 1600 Mitglieder weist dieser auf; die TSF Heuchelheim, deren stellvertretender Vorsitzender Wolfgang Schleer ist, gar 2300 Zugehörige - zwei Leuchttürme der Region, die die Vereinsfahnen in Zeiten des Wandels hochhalten.

»Früher«, sagt Laura Schäfer, »gab es durch das Dörfliche eine feste Gruppe, das war so. Da gab’s den gemeinsamen Sport im Ort. Heute gibt es unglaubliche Möglichkeiten, Ortsgrenzen sind keine mehr. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass das, was ich im Verein habe, super wertvoll ist. Wenn ich wertschätzend mit meinen Mitgliedern im Verein umgehe und mich für sie interessiere, dann passiert das, was früher selbstverständlich war: Dass wir das Familiäre wieder bekommen.«

Die 32-jährige Schäfer könne verstehen, »wenn die Menschen in ein Fitnessstudio gehen oder alleine Sport treiben. Damit können und wollen wir gar nicht konkurrieren. Ein Verein kann aber etwas anderes bieten als ein Fitnessstudio. Im Kindesalter ist ein Verein am wichtigsten, weil ich eine Gemeinschaft finde, in der Gruppe Sport treibe. Im Sport lerne ich soziales Miteinander.«

Der 73-jährige Schleer sagt: »Diese Sozialstrukturen, dann auch im Erwachsenenalter, die musst du entwickeln. Die sind nicht einfach da, die musst du füllen. Da gehören Gespräche dazu, du musst auch vermitteln. Du kannst als Vorsitzender nicht mehr einfach von oben etwas vorgeben, wie es früher vielleicht der Fall war.«

Ohne die Sportanlagen, meint Schleer, »wird es auch das soziale Gefüge nicht geben. Die TSF Heuchelheim würde es heute nicht mehr so geben, wenn unsere Sportanlage, die 2009 eingeweiht wurde, nicht errichtet worden wäre.« Beide plädieren stark für neue Sportanlagen: »Wenn nur diese eine Stunde in der Woche angeboten wird und das nicht in meinen privaten Zeitrahmen passt, gehe ich nicht hin«, weiß Laura Schäfer. »Deshalb versuchen wir, Kurse flexibel verteilt über die Woche anzubieten. Dafür aber brauchst du Hallenzeiten.«

Zwei Faktoren, die das Konstrukt Verein über all die Jahrzehnte erhalten haben: Offenheit für Neues und qualifizierte, motivierte Trainer. »Du musst dir die Neugierde bewahren«, sagt Schleer. »Als wir die Lerngymnastik für Kleinkinder vor etwas über zehn Jahren eingeführt haben, gab es im Vorstand auch einige, die den Kopf geschüttelt haben. Später wurden wir dafür vom Deutschen Olympischen Sportbund geehrt.«

Schleer meint: »Wenn du wie bei uns im Tischtennis jemanden hast wie Fabian Lenke als Landestrainer im Behindertensport und seine Frau außerdem Abteilungsleiterin ist, dann werden Sportstätten gesucht und gefunden, dann läuft das und die Mitglieder kommen auf Dauer von alleine.« »Trainer«, sagt auch Schäfer, »sind die Zugpferde«.

Faszien-Fitness, Parkour und Bodyfit zählen längst wie selbstverständlich zum Programm

Zeiten des reinen Ehrenamts seien vorbei, erklärt die Turn-Übungsleiterin: »Ein Geschäftsführer eines Vereins, der nicht bezahlt wird, das ist für mich jetzt schon utopisch.« Aufgaben müssten in »kleinen Paketen« an viele Menschen verteilt werden: »Es ist nicht mehr so, dass ich früh in einem Job ankomme und dann ist das Leben konstant. Ich habe als junger Mensch heute häufige Wechsel - und dann will ich mich kaum mit einem Amt binden, wenn ich nicht weiß, wo ich in vier, fünf Jahren bin.«

Das Freizeitverhalten hat sich über die Jahrzehnte zudem stark verändert. Im Vereinsangebot des TV 07 und der TSF finden sich mittlerweile selbstverständlich auch Kurse wie Faszien-Fitness, Bodyfit, Parkour, Pilates, Ju-Jutsu, mobil und stabil, Mamas in Bewegung, Rücken-Fit oder Walking. »Es ist auf jeden Fall ein Ausprobieren«, erklärt Schäfer. »Wir haben aber gerade erst auch einen Kurs abgelehnt, der einfach nicht gepasst hat. Viele haben am Anfang auch gefragt: Was zum Geier ist Faszien-Fitness?«

Über verschiedene Methoden den Verein fitmachen für die Zukunft

Sportvereine müssten durch ein »gemeinsames Leitbild, das Mitnehmen von Menschen und ein Mitspracherecht zum Aufbau und der Pflege von Kooperationen im Fach Sport in den Schulen« zukunftsfähig gemacht werden, erklärt Schleer. Beim Blick in Vergangenheit und Zukunft wird beiden Ehrenamtlern aber vor allem klar, dass der Vereinssport zeitlos ist: Auf die Frage, was die »Renner« in seiner Kindheit waren, antwortet Schleer: »Fußball, Handball, Leichtathletik, Fahrrad und Sportabzeichen.« Heute seien es noch immer »Fußball, Turnen und Breitensport«, die den Großteil der Mitgliedschaft ausmachen. »In der Richtung hat sich nicht viel geändert.«

Mit flexibleren Kursangeboten, einem jungen Führungsteam, das Aufgaben klar verteilt, und dem Ziel, eine familiäre Plattform für Menschen zu bieten, kann der Sportverein auch in Zukunft eine tragende Säule der Gesellschaft bilden - und dabei alte Traditionen aufleben lassen, wie Laura Schäfer erklärt.

»Wir haben vor zwei Jahren bei uns im Vorraum unserer Turnhalle wieder eine Eckbank und einen Tisch hingestellt. Mir war das wichtig, weil ich es von früher kannte, dass die Trainer nach dem Training noch eine Stunde zusammensaßen und gemeinsam ein Bierchen getrunken haben. Es macht einen Unterschied, ob du nach dem Training noch kurz zusammensitzt«, meint das Pohlheimer Vorstandsmitglied. »Du musst es aber bewusst machen und dir sagen: Von 19 bis 19.20 Uhr quatsche ich nach dem Training noch mit meinen Kollegen und Kolleginnen. Du kannst bewusst aus dem schnelllebigen Rädchen aussteigen.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos