04. März 2021, 15:45 Uhr

Herzsport ANGEBOTE DES BSV

»Vermissen das Zusammensein«

Viele Vereine haben - gezwungenermaßen - seit vielen Monaten das Online-Training für sich entdeckt. Wie aber wirkt sich der Lockdown auf den Gesundheitssport aus?
04. März 2021, 15:45 Uhr
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Von Gerd Chmeliczek
Im Moment ist die Rückkehr zu den gewohnten Übungsstunden im Verein nicht möglich. Auch für Herzsportgruppen ist der Lockdown ein harter Schlag. FOTOS: DPA/PRIVAT

Elvira Pöhlsen leitet seit vielen Jahren eine Herzsportgruppe beim Breitensportverein (BSV) Biebertal. Für die 65-Jährige ist die Situation eine besondere Herausforderung. Gleiches gilt aber auch für ihre Schützlinge. Denn schließlich soll in einer solchen Gruppe die Gesundheit stabilisiert und verbessert werden. Was also tun?

Wer das Angebot einer Herzsportgruppe wahrnimmt, hat entweder eine entsprechende Operation hinter sich oder leidet an einer Herz-Erkrankung. »Ein Beispiel: Nach einem Klinik-Aufenthalt geht es in die stationäre Reha. Danach erfolgt die ambulante Nachsorge. Das bedeutet, er oder sie sucht sich einen Verein, der eine entsprechende Zulassung des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands (HBRS) hat, eine Herzsportgruppe anzubieten«, erklärt Pöhlsen, die eine solche Gruppe seit 17 Jahren als Fachübungsleiterin begleitet.

»Es muss ein Arzt vor Ort sein, der Verein muss einen Notfallkoffer mit Defibrilator, und Medikamente zur Verfügung stellen. Das ist auch ein hoher finanzieller Aufwand. Daher bieten nicht alle Vereine einen solchen Kurs an.«

Online-Training »nicht förderlich«

In den vergangenen Wochen und Monaten ruhte coronabedingt auch das Angebot des BSV weitestgehend. »Die eine Gruppe bleibt über WhatsApp in Kontakt, in meiner läuft das eher über E-Mail - und ich schreibe auch Briefe an Teilnehmer, die nicht im Internet unterwegs sind«, sagt Pöhlsen. Eine Besonderheit, die es im Umgang mit Herzpatienten zu beachten gilt, macht es schwierig, weiterhin gemeinsam aktiv zu bleiben: Online-Training sei in dieser Konstellation nicht unbedingt förderlich. »Wir erinnern schon daran, dass Bewegung sehr wichtig ist. Aber die Inhalte einer solchen Stunde unter Anleitung und mit ärztlicher Begleitung mit Ausdauer-, Kräftigungs -Koordination,oder Entspannungübungen lassen sich für mich nicht ins Online-Training transportieren«, erklärt Pöhlsen. »Jeder hat eine andere medizinische Vorgeschichte. Und jeder oder jede braucht unterschiedlich viel Unterstützung bei den Übungen. Der eine muss stärker angeleitet werden, der andere ist selbstständiger. Wir hatten über YouTube-Videos nachgedacht, sind aber schnell wieder davon weggekommen.« Man müsse sehr genau darauf achten, niemanden körperlich zu überfordern.

»Es geht viel um das Gefühl der Sicherheit, das wir den Menschen vermitteln wollen. Und das kann ich nicht gewährleisten, wenn ich sie vor dem Monitor alleine lasse. Was erreiche ich damit, wenn jemand zum Beispiel stürzt? Genau das Gegenteil.« Auch die Altersspanne gelte es zu beachten. Die Mitglieder der Gruppen sind zwischen 60 und 80 Jahre alt. »Wir wollen alle Teilnehmer fit machen und fit halten. Da ist sehr viel individuelle Arbeit nötig.« Manche Teilnehmer haben zusätzliche chronische Erkrankungen, zum Beispiel Rheuma, Gelenkerkankungen, Funktionsstörungen am Bewegungsapparat, Atemwegserkrankungen. Auch dies Faktoren dürften nicht vergessen werden. Welche Kräftigungs- oder Koordinationsübungen können von allen auch bewältigt werden?

Die Bewegung unter Anleitung fällt also derzeit weg, die Gruppenmitglieder wissen aber, was sie alleine machen können: Der eine geht viel spazieren, die andere beschäftigt sich beispielsweise im Garten. »Da bekomme ich auch viel Feedback.« Ausdauertraining könne der Patient auch eigenständig gestalten.

Im Spätsommer des vergangenen Jahres, als die Einschränkungen gelockert wurden, habe man eine gewisse Zeit im Freien trainieren können. Eine Möglichkeit, die derzeit ebenfalls wegfällt. »Wir mussten dem Verband im Vorfeld mitteilen, was wir mit den drei Gruppen vorhaben, um auch die Hygieneregeln einhalten zu können, erinnert sich Pöhlsen.

Zwangspause tut allen weh

Die erfahrene Übungsleiterin darf auch Nordic Walking unterrichten. »Wir waren sehr oft draußen.« Natürlich mit ärztlicher Begleitung. Auch hier war einiges zu beachten: Nicht in der prallen Sonne aufhalten, um gesundheitliche Probleme zu vermeiden. Corona war auch hier allgegenwärtig. Die Hygienemaßnahmen wurden genauestens beachtet, um keine Ansteckung zu riskieren. »Gerade in einer Gruppe von herzkranken Menschen, die vielleicht auch andere körperliche Probleme haben, wäre es unverantwortlich gewesen, hier auch nur das geringste Risiko einzugehen.«

Im zweiten Lockdown, ist das Vereinsleben auch beim BSV Biebertal größtenteils zum Erliegen gekommen. »Wir halten uns natürlich an die Vorgaben und haben komplett geschlossen«, sagt die 65-Jährige. »Die Gruppen haben einen großen Zusammenhalt, sind zusammengewachsen. Da tut eine solche Zwangspause allen sehr weh. Wir vermissen das Zusammensein. Das geht weit über diese eine Stunde pro Woche hinaus. Da sind Freundschaften entstanden und auch enge Bindungen zu den Übungsleitern.«

Wann sie ihre Schützlinge wiedersehen wird, kann Pöhlsen, die als Krankenschwester arbeitet, schwer abschätzen: »Das geht erst wieder, wenn wir raus können, die Patienten geimpft und die Inzidenzen so weit runter sind, dass wir es verantworten können und es der HBRS erlaubt!«

Der BSV Biebertal hat zwei Herzsportgruppen, die ärztlich begleitet werden. Drei Übungsleiterinnen betreuen eine Gruppe in Rodheim, die zweite wird in Kleinlinden von Elvira Pöhlsen angeleitet. Dazu kommt ein drittes Angebot im Bereich der Nachsorge (ohne Arzt), das in den Seniorensport hineinreicht und im Vereinshaus stattfindet. Alle Gruppen werden von Fachübungsleiterinnen betreut, die die B-Lizenz (Sport in der Rehabilitation) besitzen. Weitere Informationen zum Angebot unter www.bsv-biebertal.de.



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