02. Dezember 2020, 16:00 Uhr

Sport und Psyche

Wenn dem Kopf die Bewegung fehlt

Der Lockdown ist allgegenwärtig, die Kosten sind beispiellos. Doch wir zahlen noch einen Preis. Die Psyche muss mit der Distanz klarkommen. Prof. Wirth sieht Risiken für Sportler, aber auch Chancen.
02. Dezember 2020, 16:00 Uhr
Auch im Dezember - und möglicherweise noch länger - werden Sportler erneut auf eine harte Probe gestellt. Der Lockdown 2.0 legt Trainings- und Wettkampfbetrieb weitgehend lahm. Das kratzt an der Psyche von Amateuren und Profis. SYMBOLFOTO: IMAGO

Der Schutz des Körpers vor dem Coronavirus ist die zentrale Aufgabe der Politik in diesen Zeiten. Der Schutz der mentalen Befindlichkeit des Menschen ist mit diesem Ziel kaum zu vereinbaren, stellt die medizinisch notwendige Reduzierung der Kontakte doch gerade unser geistiges Wohl auf eine harte Probe. Sport ist seit jeher weit mehr als nur Training und Wettkampf. Sport entfaltet psychosoziale wie integrative Kraft, baut Brücken und schafft geregelte Strukturen. Der Gießener Prof. Hans-Jürgen Wirth ist Psychotherapeut und -analytiker. Im Gespräch erklärt er, was genau uns ohne Sport fehlt, wer psychisch besonders betroffen ist und was wir im Lockdown lernen können.

Professor Wirth, welchen Sport üben Sie aus und welchen schauen Sie sich gerne an?

Früher habe ich Fußball gespielt und gerudert. Heute bin ich lieber mit dem Paddelboot auf der Lahn unterwegs. Sport zu treiben, ist für mich sehr zentral - schon seit frühester Jugend. Schwimmen und Windsurfen mag ich ebenfalls sehr. In der Rolle des Zuschauers bin ich eher selten.

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt noch immer. Wie hat sich die Zahl der psychischen Krankheiten seit März entwickelt?

Insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen sind seelisch stark belastet. Sie berichten von erhöhtem Stress und von Ängsten. Menschen, die in Quarantäne geschickt werden, sind auch psychosozialen Belastungen ausgesetzt. Sie leiden unter Depressivität, Ängstlichkeit, Wut, Einsamkeitsgefühlen und sozialer Stigmatisierung. Und bei Psychotherapeuten melden sich insbesondere diejenigen vermehrt, die ohnehin unter Ängsten leiden, weil sie durch Corona zusätzlich geängstigt werden. Nach allem, was ich auch von anderen Therapeutinnen und Therapeuten höre, nimmt die Zahl der Hilfesuchenden zu. Und die meisten Menschen leiden sowohl unter der Bedrohung, die von der Pandemie selbst ausgeht, als auch unter den Maßnahmen, die zu ihrer Bekämpfung notwendig sind.

Sport hat auch auf die Psyche einen positiven Einfluss. Wie schwer wiegen die Einschränkungen für Sportler als Teil des Lockdowns?

Das ist schon ein wesentlicher Belastungsfaktor für alle Altersgruppen. Wenn man sich sportlich verausgabt, fühlt man sich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch besser. Und bei vielen Sportarten werden auch die sozialen Beziehungen und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Sport stärkt das Selbstwertgefühl, das Körpergefühl und die soziale Verbundenheit. Darauf zu verzichten, fällt sehr schwer. Bei manchen führt es regelrecht zu Entzugserscheinungen. Individualsportler haben es in dieser Krise vielleicht etwas leichter als Mannschaftssportler.

Oft spielen Ziele eine Rolle. Der Profi- bzw. Leistungssportler träumt von Olympia, der Amateur will aufsteigen oder zur nächsten Meisterschaft. Was passiert mental mit Menschen, die keine Reaktionen mehr erhalten in Form von Feedback des Trainers oder in Form von Ergebnissen?

Man ist auf sich gestellt und isoliert. Wenn den Menschen der Zuspruch und die Ermunterung fehlt, dann geht ihnen der Ansporn verloren. Das ist enorm wichtig. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen, das auch von der Anerkennung anderer lebt. Anerkennung gibt einen enormen Motivationsschub.

Profisportler oder auch Kaderathleten sind zwar begünstigt, sie dürfen unter Einhaltung der Regeln trainieren und auch Wettkämpfe bestreiten. Dennoch geht es bei ihnen um die wirtschaftliche Existenz. Sind professionelle Sportler psychisch schwerer belastet als Amateure?

Wer Leistungssport betreibt, ist extrem ehrgeizig, ein Profi ist es ohnehin. Bei diesen Menschen bildet der Sport den Lebensinhalt. Das Zentrum, um das sich das Leben dreht, gerät durch Corona in die Krise. Das ist vergleichbar mit einer schweren Verletzung. Nur wird die Pandemie immerhin kollektiv erlebt. Verletzt ist man alleine. Dennoch hat es der leistungsorientierte Athlet schwerer als Hobbysportler.

Birgt der neue Lockdown auch die Gefahr, dass sich Sportler in Frage stellen und sich ihre Sportart womöglich gar nicht mehr richtig für sie anfühlt?

Natürlich enthält diese Krise auch Möglichkeiten der Um- oder Neuorientierung. Wenn fast der gesamte Freizeitbereich heruntergefahren ist, dann eröffnen sich zeitliche Freiräume. Langeweile kann aufkommen. Es ist wichtig, einen solchen Zustand auch mal zuzulassen. Denn dabei kommen andere Gedanken und Bedürfnisse in mir hoch. Fantasien werden frei. Jeder darf mal auf seinem Stuhl sitzen bleiben und beobachten, wie schnell er unruhig wird und sich ablenken muss mit dem nächsten Termin. Als Amateursportler ist ja das Fitnessstudio oder der Fußballverein auch nur ein Termin von vielen.

Sind Kinder besonders getroffen durch den Verzicht auf ihren Sport?

Kinder und Jugendliche stecken mitten in einem psychischen und intellektuellen Reifungsprozess. Ein Mangel - z. B. an Sport - ist schwerer zu kompensieren. Insofern erwischt es diese Altersgruppe tatsächlich härter.

Der Sport versteht sich aufgrund der eher geringen Infektionszahlen während Training und Wettkampf mitunter als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems. Halten Sie es vor diesem Hintergrund für denkbar, auch Gruppen leichter wieder die Ausübung ihrer Sportart zu ermöglichen?

Ich verstehe die aktuellen Maßnahmen so, dass es eben nicht um eine Differenzierung geht, auch nicht um Gerechtigkeit. Momentan sollen alle sozialen Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts so weit wie irgendmöglich vermieden werden. Wenn wieder gelockert werden kann, dann sollte man im Sport Kinder und Jugendliche mit Sicherheit bevorzugt berücksichtigen, aber im Moment eben nicht. Und Kinder halten das auch aus. Man kann ihnen das durchaus vermitteln.

Im heimischen Jugendfußball kam es zuletzt - trotz Spielabsage durch den HFV - zu kurzfristig von den Vereinen organisierten Freundschaftsspielen. Zudem rief ein Trainer via Facebook zur Aufrechterhaltung des Sportbetriebs auf, zur Not mit strengeren Hygienemaßnahmen. Was halten Sie davon?

Das halte ich für problematisch. Es ist wichtig, dass Kinder lernen, soziales Verantwortungsgefühl und Solidarität zu entwickeln. So aber bringt man ihnen bei: »Wir tricksen mal ein bisschen und machen unser eigenes Ding.« Das ist der falsche Weg. Auch Verzicht will gelernt sein. Es geht darum zu begreifen, dass ich durch den Verzicht nicht nur mich selbst schütze, sondern auch meine nächsten Mitmenschen und zudem auch zum Wohl der gesamten Gesellschaft einen Beitrag leiste. Dazu tragen auch die Jugendfußballer bei, wenn sie jetzt verzichten können.

Es liegt in der Natur des Menschen, in der Krise zunächst an sich zu denken. Das sieht man in der Gastronomie, in der Unterhaltungsbranche, aber auch im Sport. Können wir es lernen, Einschränkungen besser auszuhalten?

Das ist genau die Chance, die in dieser Krise liegt. Corona zeigt uns, wie das eigene Wohlergehen nicht nur mit dem Wohl eines mir nahe stehenden Menschen verknüpft ist, sondern auch mit dem eines Fremden. Ich sehe in der Corona-Krise auch eine Bewährungsprobe, die uns helfen kann, die noch viel schlimmere Klima-Krise zu bewältigen. Lernen sollten wir vor allem Demut und unsere wechselseitige Abhängigkeit voneinander. FOTO: KRICHEL

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