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Wilde Achterbahn-Fahrt der Gießen 46ers

Was für ein Basketball-Krimi: Die Gießen 46ers machen es in Oldenburg nach einer tollen ersten Halbzeit mächtig spannend, zittern sich am Ende aber zu einen 75:72 (49:34)-Sieg.
21. November 2021, 22:33 Uhr
Markus Konle
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Am Ende übernimmt bei den Gießen 46ers Kendale McCullum (r.) viel Verantwortung. Hier zieht er an Oldenburgs Sebastian Herrera vorbei. FOTO: IMAGO

Erleichtert klatschten sich die Basketballer der Gießen 46ers ab, für große Freudensprünge waren sie offenbar zu müde. Nach einer wilden Achterbahnfahrt in einem intensiven Bundesliga-Spiel haben sie mit dem 75:72-Sieg bei den EWE Baskets Oldenburg zwei wichtige Punkte eingefahren und sich durch dem dritten Saisonerfolg etwas Luft in der Tabelle verschafft.

Zudem gelang den 46ers die Wiedergutmachung nach der bösen Heimklatsche gegen Crailsheim. »Wir mussten heute Abend zeigen, dass wir besser sind. Wir haben hart um jede Position gekämpft«, sagte Gießens Guard Kendale McCullum, der am Ende einer zerfahrenen Partie die Verantwortung an sich riss. Als die Mittelhessen trotz eines 15-Punkte-Vorsprungs zur Pause (49:34) 1:46 Minuten vor dem Ende mit 69:70 erstmals in Rückstand gerieten, schien ihnen auf den letzten Metern die Luft auszugehen.

»Wir haben die Nerven behalten. Mit diesem Druck haben wir ein paar intelligente Sachen gemacht«, sagte Trainer Pete Strobl hinterher und dürfte dabei vor allem an McCullum gedacht haben. Bei 44 Sekunden Restspielzeit und nur noch zwei Sekunden auf der Spieluhr warf der US-Amerikaner einen Einwurf unter dem Oldenburger Korb an den Rücken von Alen Pjanic, schnappte sich sofort wieder den Ball und verkürzte gegen den verdutzt dreinschauenden Ex-Gießener auf 71:72. »Das war Instinkt«, sagte McCullum hinterher bei MagentaSport über seinen genialen Trick. Danach holte sich der Amerikaner in der Verteidigung nach einem vergebenen Korbleger von Oldenburgs Bennet Hundt den Defensivrebound und brachte auf der anderen Seite die 46ers elf Sekunden vor dem Ende mit 73:72 wieder in Führung. Und weil Oldenburgs Routinier Rickey Paulding in der folgenden Sequenz im Abschluss scheiterte, sich Nuni Omot den Rebound schnappte und nach dem sofortigen Foul an ihm beide Freiwürfe zum 75:72 verwandelte, war der Sieg vier Sekunden vor Schluss perfekt - Pauldings Notdreier fand sein Ziel nicht.

Apropos Freiwürfe: Die 46ers, die schon während der gesamten Saison von der Linie keine guten Quoten aufweisen, machten sich in Oldenburg in diesem Punkt das Leben so richtig schwer. Sie versemmelten 17 Freiwürfe, trafen nur 20 bei 37 Versuchen. »Es war schwierig. Wir hatten zwei Wochen Pause, waren aus dem Rhythmus«, versuchte McCullum eine Erklärung für diese Schwäche zu finden.

Omots Reaktion auf Trainer-Kritik

Die Gießener hatten vor 4876 Zuschauern eine phantastische erste Hälfte aufs Parkett gezaubert. Sie waren voll fokussiert in der Verteidigung, trafen aus fast allen Lagen hochprozentig und überrollten die Oldenburger phasenweise. Nach sieben Minuten traf McCullum zum 21:10 und zur ersten zweistelligen Führung der Gießener, die nach dem ersten Viertel mit 29:19 vorne lagen. Danach hatte Omot seinen großen Auftritt. Nach der öffentlichen Kritik von Coach Pete Strobl an ihm und Kyan Anderson erzielte Omot im zweiten Viertel 15 Punkte für die Mittelhessen, die wie aus einem Guss agierten und sich auch von einem zwischenzeitlichen Hoch der Niedersachsen nicht verunsichern ließen. Mit unbändigem Willen, starker Verteidigung, vielen Ballgewinnen und weiterhin einer sehr guten Trefferquote aus dem Feld setzten sie sich ab und lagen zur Pause mit 49:34 in Führung. Für die Baskets gab es beim Gang in die Kabine Pfiffe. Ihr Trainer Mladen Drijencic bemängelte: »In der ersten Halbzeit haben wir ganz schlecht gespielt, ohne Energie.« Die hatten die 46ers, bei denen sich Kilian Binapfl früh am Oberschenkel verletzte und nicht mehr eingesetzt werden konnte, seinem Team geraubt.

Dass die Oldenburger stärker aus der Pause kommen würden, war zu erwarten - aber nicht, dass sie mit einem 11:0-Lauf innerhalb von nur 130 Sekunden schon wieder im Geschäft waren. Immerhin lagen die 46ers in dem fortan zerfahrenen Spiel knapp vorne.

Vor dem finalen Viertel war Oldenburg auf 59:60 dran. Es blieb eng. Bei den Gießenern war seit dem Wechsel kein Spieler in der Lage, dem Team Stabilität zu verleihen. Nach 4:25 Minuten im letzten Viertel erzielte Omot die ersten Punkte der Mittelhessen im letzten Abschnitt - zur 62:60-Führung, denn auch den Baskets war die Verunsicherung deutlich anzumerken. Dennoch drehten sie die Begegnung, ehe in der Endphase McCullum die Verantwortung an sich riss - und doch noch alles gut für die 46ers wurde.

»Wir befinden uns weiterhin in einem Prozess mit vielen neuen Spielern, aber wir kommen voran, und man sieht, dass wir gute Mannschaften schlagen können«, sagte Stobl. Er hat durch die Länderspielpause erneut zwei Wochen Zeit, um sein Team auf das nächste Heimspiel am 3. Dezember gegen Ulm vorzubereiten. Viel Zeit, um auch an der Freiwurfschwäche zu arbeiten.

Oldenburg: Herrera, Pressey (6), Breunig (12), Clark (17/10 Rebounds), Agbakoko, Odiase (7), Paulding (19), Hundt (4), Pjanic (6/4 Rebounds), Michalak, Holyfield (beide n.e.).

Gießen: McCullum (15/5 Assists/2 Steals), Omot (19/5 Rebounds), Anderson (8/6 Ass.), Nawrocki, Blake (9), Begue (1), Tate (10), Binapfl, Koch, Fayne II (12), Bryant (1), Uhlemann (n.e.).

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-gaz/wilde-achterbahn-fahrt-der-giessen-46ers;art1434,764133

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