11. Dezember 2018, 12:00 Uhr

Fußballturnier

Anstoß für ein neues Leben: Darum spielen zwei Kreisoberligisten im Rockenberger Knast

»Anstoß für ein neues Leben« - So heißt ein Projekt des DFB, der Sepp-Herberger-Stiftung und der Arbeitsagentur mit der JVA Rockenberg. Nun organisiert Ronald Geyer ein Adventsturnier. Ein Interview.
11. Dezember 2018, 12:00 Uhr
Fußball hinter Gittern: Die Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Rockenberg sollen mit dem Projekt »Anstoß für ein neues Leben« auf ihre Zeit nach der Haft vorbereitet werden. Das Adventsturnier am Samstag ist ein Teil davon. (Foto: privat)

Ronald Geyer ist kein Mann großer Worte oder öffentlicher Auftritte. Der 69-Jährige, der in Karben groß geworden ist und inzwischen in Assenheim wohnt, ist leidenschaftlicher Fußballfan, hat noch mit 57 Jahren aktiv gekickt und ist als Mitglied des Clubs »Freunde der Nationalmannschaft« auch dem »großen« Fußball eng verbunden. Sein aktuellstes Projekt ist aber ein Adventsturnier in der Justizvollzugsanstalt Rockenberg, bei dem zwei Mannschaften der Friedberger Kreisoberligisten SV Bruchenbrücken und FC Karben, zwei Teams aus Gefangenen der Jugendstrafanstalt, eine Promi-Auswahl und eine Mannschaft von JVA-Bediensteten gegeneinander antreten. Das Ziel: Den jungen Strafgefangenen Abwechslung und eine Perspektive für die Zeit nach dem Knast zu bieten. Ein Interview.

Herr Geyer, wie kommen Sie dazu, ein Fußballturnier in der JVA Rockenberg zu organisieren?

Ronald Geyer ist der Organisator des Adventsturniers in der JVA Rockenberg. (Foto: Keßler)

Ronald Geyer: Ich wurde vor einigen Monaten von der Sepp-Herberger-Stiftung angesprochen, ob ich bei einem Besuch von Ex-Profi Jens Nowotny im Rahmen des Projektes in der JVA als »Freund der Nationalmannschaft« dabei sein könnte. Als Mitglied dieses etwas elitären Vereins bin ich der Stiftung eng verbunden. Das habe ich gerne gemacht. Dabei kam von mir das Angebot, für die Jungs auch mal ein Turnier auszurichten, denn die spielen ja sonst nur gegen andere Insassen. Das ist doch langweilig auf Dauer. Da ist die JVA Rockenberg sofort darauf angesprungen, zumal sie es früher schon mal gemacht hatten, es aber irgendwann eingeschlafen war. Es geht darum, mal wettkampforientiert Fußball für die Insassen anzubieten. Außerdem gibt es Essen, Getränke, den Besuch von Dragoslav »Steppi« Stepanovic, zwei Pokale, ein paar Bälle als Geschenk – einfach etwas Abwechslung.

»Steppis« legendäres Motto »Lebbe geht weider« passt ja auch zum Projekt »Anstoß für ein neues Leben«, oder?

Geyer: Natürlich. Es ist andererseits aber schwierig, aufgrund einer Veranstaltung eine Resozialisierung zu erkennen. Das muss die tägliche Arbeit in der JVA leisten. Der Aufwand jetzt ist lobenswert, aber ob er fruchtet, wird man nicht einfach feststellen können. Es kommt darauf an, dass die Jungs nach ihrer Entlassung ihr altes Umfeld hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Aber das müssen sie selbst erreichen.

Es war Glück, dass mir das nicht passiert ist, aber es lag sicherlich auch daran, dass ich früh zum Fußball gekommen bin

Ronald Geyer

Wieso engagieren Sie sich für diese Sache? 

Geyer: Ich komme selbst aus sehr einfachen Verhältnissen in Karben. Der eine oder andere aus meinem Umfeld ist leider auch mal auf die schiefe Bahn gekommen. Zum Glück ist mir das nicht passiert, was sicherlich auch daran lag, dass ich früh zum Fußball gekommen bin. Ich weiß, wo ich herkomme. Und da ich heute ein privilegiertes Leben führe, tut es mir nicht weh, für solch eine Sache etwas Zeit zu investieren. Ich bin allerdings lieber der Mann, der das im Hintergrund macht – ohne es an die große Glocke zu hängen.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Fußball?

Geyer: Fußball ist meine Leidenschaft. Das ist immer eine Konstante in meinem Leben gewesen. Mit acht Jahren bin ich in Karben gefragt worden, ob ich in Bruchenbrücken mitspielen kann. Damals bin ich ohne Fußballschuhe dorthin gefahren und habe gekickt. Für beide Vereine habe ich dann bis zu meinem 57. Lebensjahr abwechselnd gespielt – bis die Teams im Pokal aufeinandertrafen. Dieses Treffen habe ich zum Anlass genommen meine aktive Karriere zu beenden. Zwischenzeitlich habe ich Dauerkarten in Frankfurt und Dortmund, bin regelmäßig in München in der Allianz-Arena und seit 1974 Begleiter der deutschen Fußballnationalmannschaft, mittlerweile auch bei den »Freunden der Nationalmannschaft«. Ich genieße das: Fußball ist einfach mein Leben, dafür bin ich gerne unterwegs – und so kam auch der Kontakt zur Sepp-Herberger-Stiftung und damit auch zur JVA Rockenberg. Ich habe dem Fußball viel zu verdanken, etwa meinen Job und damit auch Erfolg.

Sie waren bereits beim Event mit Jens Nowotny selbst in der JVA, ebenso wie zur Vorbereitung des Turniers. Wie haben Sie das Innere wahrgenommen?

Geyer: Es war für mich sehr erdrückend. Ich habe mich mit einem jungen Mann unterhalten, der gerade den Flur gekehrt hat. Er ist aufgrund von Drogen abgedriftet. Ich kann mir vorstellen, dass es schlimm ist, Monate oder gar Jahre in so einer engen Zelle zu verbringen. Ich selbst habe einen Sohn, der 23 Jahre alt ist. Das kann einem richtig Angst machen. Ich glaube außerdem, es ist nicht einfach, danach wieder ein normales Leben zu führen, denn innerhalb einer JVA bekommt man meistens gesagt, was man machen soll oder darf. Das ist draußen heutzutage anders. Es ist sehr schwierig für die Jungs. Normalerweise müsste man sie deshalb auch danach begleiten. So ein Besuch macht schon nachdenklich.

Grundsätzlich geht es bei dem Adventsturnier um die Freude am Fußball – was ja auch meine Leidenschaft stets war und ist

Ronald Geyer

Was ist Ihre Erwartungshaltung an das Turnier?

Geyer: Ich erhoffe mir, dass es ein schöner Nachmittag wird, der den Jungs aus der JVA aber auch bei den beiden Kreisoberligamannschaften und allen anderen einfach Spaß macht. Grundsätzlich geht es um die Freude am Fußball – was ja auch meine Leidenschaft stets war und ist. Und dann ist es auch schon gut. Wenn darüber hinaus einer von drinnen oder draußen etwas für sich mitnimmt und mal nachdenkt: umso besser. Dann haben wir schon etwas erreicht.

Gibt es spezielle Sicherheitsvorkehrungen?

Geyer: Das schon. Ich musste im Vorfeld jeden Spieler von außerhalb mit Namen und Geburtsdatum anmelden. Wenn wir ankommen, muss jeder seinen Personalausweis abgeben und durch eine Schleuse gehen. Da wird kontrolliert, dass nichts mit hineingenommen wird, was verboten ist, und danach werden wir von einem Bediensteten der JVA in die große Sporthalle geführt, wo dann das Turnier stattfindet.

Info

Das Adventsturnier in der JVA Rockenberg

Das Adventsturnier in der JVA Rockenberg findet am Samstag ab 10.30 Uhr in der anstaltseigenen Sporthalle statt. Gespielt wird mit sechs Teams á sechs Spielern plus Auswechselspielern je zweimal zehn Minuten. Nach den Spielen in zwei Dreiergruppen aus je einer Gefangenenmannschaften, einem Kreisoberliga-Team (FC Karben oder SV Bruchenbrücken) und dem Promi-Team um den ehemaligen Bundesligaprofi und Bad Nauheimer Thomas Drescher oder der Auswahl der Bediensteten geht es in den Platzierungsspielen um die Wurst. Die Siegerehrung für das beste Team und den besten Spieler nimmt Ex-Eintracht-Coach Dragoslav »Steppi« Stepanovic vor, der am Nachmittag erwartet wird. Als Schiedsrichter fungieren Sascha Dimmer (SV Bruchenbrücken) und ein JVA-Mitarbeiter.

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