04. Mai 2019, 10:00 Uhr

Zehnkampf

Bis an die Grenze: Dieser Vilbeler jagt den Weltrekord im Zehnkampf

Höher, schneller, weiter. Für kaum eine andere Leichtathletik-Disziplin gilt dies wie für die Zehnkämpfer. Für den Bad Vilbeler Thomas Stewens beginnt die Jagd nach Rekorden immer wieder aufs Neue.
04. Mai 2019, 10:00 Uhr
Speerwurf ist eine von zehn Disziplinen, die Thomas Stewens trainiert. (Foto: Keßler)

Einsam drehte Thomas Stewens seine Runden auf dem Sportplatz. Der Altersklassen-Zehnkämpfer des TV Bad Vilbel wirft Speere, macht Laufeinheiten, arbeitet am Muskelaufbau und der Regeneration. Stunden um Stunden, jeden Tag, bis zu neun Einheiten pro Woche. »Hier auf dem Platz bin ich der einsame Wolf, aber ich brauche natürlich mein Umfeld, meine Trainerin, meine Familie. Alleine würde das alles nicht gehen«, sagt Stewens. »Ich habe ein perfektes Umfeld: Meine Trainerin Amaliya Sharoyan ist top, meine Frau Elizabeth ist Ernährungswissenschaftlerin, ich kann in Bad Vilbel, in Kalbach und in Mainz trainieren und habe ein Sportstudio, das hinsichtlich Ausrüstung seinesgleichen sucht«, sagt Stewens. »Das alles könnte man sich nicht besser schnitzen.«


Thomas Stewens: Von der Gründung einer Startgemeinschaft bis Altersklassen-Weltmeister

Stewens trainiert meist für sich alleine. Den Plan bekommt er von seiner Trainerin auf's Smartphone geschickt. (Foto: Keßler)
Stewens trainiert meist für sich alleine. Den Plan bekommt er von seiner Trainerin auf's S...

In der Familie hatte einst auch alles begonnen. Zwei seiner Onkel waren Ruderer auf Weltniveau, der Vater lebte ihm die Sportbegeisterung ebenfalls vor. »Irgendwann habe ich den Zehnkämpfer Guido Kratschmer mal im Fernsehen gesehen. Da wusste ich, dass ich auch so werden wollte.« Seine Mutter gründete für ihre Söhne und einen Freund 1981 eine Startgemeinschaft, die LG Sempt – in einer Vereinslandschaft in Markt Schwaben, Poing, Anzing und Forstinning nahe München, die bis dato mit Mehrkampf nichts am Hut hatte.

Bei Stewens stellt sich in der Folge schnell der Erfolg ein. Dieser reicht aus, um ein Sportstipendium in den USA zu bekommen. Drei Jahre später kehrte der gebürtige Bayer mit den Bachelor in Business Administration und seiner späteren Frau zurück nach Deutschland. 26 Jahre Ehe und fünf Kinder später hat es die Familie Stewens inzwischen nach Bad Vilbel verschlagen, Stewens arbeitet inzwischen in Frankfurt bei einer Bank – und ist weiterhin Zehnkämpfer, noch dazu einer der besten der Welt in seiner Altersklasse. »Ich habe immer Sport als Ausgleich gemacht. Auch wenn ich eine Zeit lang Marathon gelaufen bin statt Mehrkämpfe zu bestreiten, habe ich meinen Sport immer als Ventil für die berufliche Belastung gebraucht«, sagt er.


Das nächste Ziel für Thomas Stewens ist der Weltrekord der M50

Der Erfolg mit Welt- und Europameistertitel sowie Rekorden kam offenbar fast nebenbei. »Für mich war und ist Sport eine schöne Freizeitbeschäftigung, bei der ich internationale Leute treffe, mit denen dann gerade im Zehnkampf eine schöne Kameradschaft entsteht«, sagt er. »Ich habe mir inzwischen angeeignet, den Sport möglichst lange betreiben zu wollen. Entsprechend gesundheitsorientiert trainiere ich.« Das Ziel: Eines Tages im Zehnkampf der M 100 anzutreten – und einen Weltrekord aufzustellen.

Ich versuche nicht mehr, das Älterwerden zu verhindern, sondern so fit wie möglich alt zu werden

Thomas Stewensr

Das aktuelle Ziel des 52-Jährigen lautet: Weltrekord der M 50. Den schien er im vergangenen Jahr bereits geknackt zu haben, ehe ihm selbst einfiel, dass sein französischer Konkurrent Jean-Luc Duez schon einmal ein paar Punkte mehr erzielt hatte. So gab er den Rekord zurück – und will in diesem Jahr beim Hanse-Cup (siehe Extra-Kasten) in Stendal die Marke erneut angreifen. »Den Rekord zu brechen, muss jetzt das Ziel sein, auch wenn in einem Zehnkampf schon sehr viel zusammenpassen muss«, sagt Stewens.


Zehnkämpfer Thomas Stewens hat gleich mehrere Motivationsquellen

Grundlagentraining: Muskelaufbau, Ausdauertraining und vor allem Regeneration gehören zu den Kernelementen des Trainings eines Zehnkämpfers. (Foto: Keßler)
Grundlagentraining: Muskelaufbau, Ausdauertraining und vor allem Regeneration gehören zu d...

Seine Motivation speist sich aus mehreren Quellen. »Ich brauche wenig Disziplin, weil mir das alles viel Spaß macht. Das ist das Wesentliche – und die Fähigkeit, sich Ziele zu stecken und dann Wege zu überlegen, wie man dieses erreichen kann«, erklärt er. »Ich habe in jeder Disziplin Spaß, auch wenn man beim 400-Meter- und 1500-Meter-Lauf am Ende immer über seine Grenzen geht. Das aber dann geschafft zu haben, diese komplette körperliche und geistige Leere, ist ein unbeschreibliches Gefühl.« Zudem: »Im Zehnkampf bekommt man eine andere Perspektive auf das Altern«, sagt Stewens. Der Grund: Alle fünf Jahre steigen die Athleten in einer neuen Altersklasse ein, in der die Herausforderungen gesenkt werden – und es neue Titelträger und neue Rekorde gibt. »Ich versuche also nicht mehr, das Älterwerden zu verhindern, sondern so fit wie möglich alt zu werden«, erklärt Stewens. »Das erzeugt eine positive Einstellung.« Das A und O dabei: die Vermeidung von Verletzungen bei gleichzeitigem Training an Belastungsgrenze.

Für all das lohne sich der enorme zeitliche Aufwand neben privaten und beruflichen Verpflichtungen, die mehreren Tausend Euro pro Jahr für Sportschuhe, Trainingsgerät und Reisen. Denn: »Es gibt kein schöneres Gefühl, als es am Endes eines Wettkampfes geschafft zu haben und mit den anderen Athleten die Ehrenrunde zu drehen.«

Info

Der Hanse-Cup als Saisonhöhepunkt

Von 31. Mai bis 2. Juni geht es für Thomas Stewens wieder um alles. Es ist der Höhepunkt seiner Saison. Dann will der Zehnkämpfer beim 7. Stendaler Hanse-Cup den Sieg – und den Weltrekord. »Das ist für mich der absolute Höhepunkt der Saison«, sagt Stewens. Das Event bei Berlin hat er vor acht Jahren einst mitbegründet. Die Idee: Zehnkämpfer aller Altersklassen treten untereinander, aber auch übergreifend gegeneinander an. Möglich macht das die Tatsache, dass die Anforderungen an die Leistung für eine bestimmte Punktzahl je nach Altersklasse so austariert sind, dass die Ergebnisse miteinander vergleichbar werden. Genau sein Ding: »Ich suche den Wettkampf. Mir geht es darum, immer so gut wie möglich zu sein. Daher würde ich dieses Jahr gegen den gesamten Wettkampf gewinnen. Dafür braucht man in der Regel auch den Weltrekord, den ich also auch knacken will«, sagt Stewens »Dann bin ich mit der Altersklasse M 50 fertig.«

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