Lokalsport

Die Unsicherheit ist groß

Die Saison hat noch nicht einmal begonnen, da gibt es schon erste Rückzüge. Die Coronavirus-Pandemie trifft auch den Handball, in der Wetterau vor allem in den Frauenklassen und bei Vereinen, die auf viele ehrenamtliche Helfer angewiesen sind. Den hiesigen Handballverband scheint das nicht zu stören.
17. Oktober 2020, 07:00 Uhr
Philipp Keßler
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Zusammenstehen heißt das Motto bei vielen Handballvereinen in Zeiten der Coronavirus-Pandemie - so wie bei der HSG Mörlen, die aus zwei Damenmannschaften mangels Masse eine machen muss, die in der Bezirksoberliga um den Klassenerhalt kämpft. ARCHIVFOTO: GROSS

Was bereits in den Tagen zuvor gemunkelt wurde, war am Dienstag Realität: Die FSG Gettenau/Florstadt zieht ihre beiden Damenmannschaften aus dem Spielbetrieb zurück - ein herber Schlag für den Traditionsverein, der mit seiner »Ersten« immerhin in der Bezirksoberliga Gießen spielt. Auch die HSG Mörlen bereits die »Zweite« zurückgezogen, die neu gegründete HSG Butzbach verzichtet ebenso auf eine dritte Mannschaft wie die HSG Gedern/Nidda. Die Wetterauer Teams befinden sich damit in guter Gesellschaft, sorgte doch der Rückzug aller vier Aktivenmannschaften der SG Rot Weiss Babenhausen aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg in der vergangenen Woche für Schlagzeilen, schließlich spielen die Männer dort normalerweise in der Oberliga um Punkte. Grund genug, sich auch in der Wetterau noch einmal genauer umzuhören.

Historischer Rückzug

FSG Gettenau/Florstadt: »Ich bin seit 1980 aktiv und habe kein Jahr erlebt, in dem es keine Damenmannschaft gab«, sagt Petra Ginter vom TV Gettenau geknickt. »Das ist schon bitter, aber die Personaldecke war zu dünn. Wir hätten die Saison nicht überstanden«, erklärt sie den Rückzug der beiden Damen-Teams. Die personell eigentlich gut aufgestellte und frisch in die Bezirksliga B aufgestiegene »Zweite« wollte von vornherein nicht unter den Pandemie-Bedingungen spielen - zu groß das Risiko einer Ansteckung mit dem SARS-CoV-2-Virus, zu hoch der Einsatz für das Hobby, vor allem wenn man - wie einige Spielerinnen - in systemrelevanten Berufen arbeitet. »Das ging ganz schnell, da waren sich alle einig«, sagt Ginter. »Ich kann es nachvollziehen.« Das Problem: Der Kader der »Ersten« war mit neun Spielerinnen, davon zwei angeschlagen, ohnehin extrem dünn, die »Zweite« hätte aushelfen müssen. Doch das fiel weg. »Ohne die Aushilfen hätten wir es nicht geschafft«, sagt Ginter. Das Ersatzprogramm: Beide Teams trainieren nun einmal pro Woche zusammen, im kommenden Jahr sollen mit dem Nachwuchs aus der eigenen A-Jugend auch wieder bessere Zeiten kommen - auch wenn beide Teams nun eine Spielklasse nach unten müssen. »Das ist aber kein Problem«, sagt Ginter.

HSG Mörlen: Elf Mörler Spielerinnen aus erster und zweiter Mannschaft arbeiten in therapeutischen oder pflegerischen Berufen, rechnet Bianca Grundmann, Damenwartin, Torfrau und Betreuerin bei der HSG vor. Darunter auch sie - arbeitet sie doch in der Corona-Screening-Ambulanz der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik. »Die fallen uns fast alle weg. So funktioniert es nicht. Selbst wenn uns nichts passieren würde, können wir nicht verantworten, das Virus weiterzutragen«, erklärt sie ihre Lage. Aus diesem Grund sei die zweite Mannschaft in der Bezirksliga C bereits abgemeldet, für die neu zusammengewürfelte und personell durch einige Abgänge von Stammspielerinnen ohnehin gebeutelte erste Mannschaft gehe es daher nur um den Klassenerhalt in der Bezirksoberliga. Das dürfte angesichts eines nun zwölf Personen starken Kaders nicht einfach werden. »Wenn sich jemand verletzt oder anderweitig ausfällt, wird es eng«, sagt Grundmann. Immerhin: »Die Mannschaft steht zusammen, niemand ist sauer«.

TSV Griedel: Ganz ohne Sorgen ist auch Martin Schmitt, Trainer der Griedeler Landesliga-Damen, nicht, auch wenn sein Kader »in voller Stärke« am Sonntag in einer Woche in die neue Spielzeit starten soll. Doch auch ohne personelle Probleme birgt der enge Spielplan in Anbetracht der Pandemielage und Quarantänefällen in Nachbarvereinen in der Vorbereitung viele Unwägbarkeiten. »Da gibt es aus meiner Sicht viele offene Fragen, bei denen wir uns wohl überraschenden lassen müssen«, sagt er. »Aber wir freuen uns darauf, dass es jetzt erst einmal losgeht und hoffen das Beste.«

Sorge um Helfer bei Heimspieltagen

TG Friedberg: Abmeldungen musste Abteilungsleiter Ulrich »Uli« Kaffenberger zwar noch keine vornehmen, eine Jugendmannschaft wird es mangels Masse aber wohl erwischen. Bei den Aktiven sieht es dagegen nach einem regulären Saisonstart aus, auch wenn der Chef der TG-Handballer skeptisch ist, was den weiteren Verlauf der Runde angeht. »Wir fangen jetzt erst einmal an, dann sehen wir weiter«, sagt er. Besondere Belastungen aufgrund der Pandemie sieht er vor allem im Bereich der Ehrenamtlichen, die nun in größerer Menge gebraucht werden, um das Hygienekonzept umzusetzen. Dabei setzt der Klub vor allem auf Helfer aus den Reihen der Aktiven und der Eltern von Nachwuchskräften. »Für den ersten Spieltag sieht alles ganz gut aus, interessant wird es, wenn ab kommender Woche auch die Jugend spielt«, sagt Kaffenberger. Zur Not müsste die an einzelnen Tagen ohne Fans auskommen, »aber das wäre natürlich extrem schlecht für die Stimmung und damit auch für die Spieler«. Außerdem würden dem Verein wichtige Einnahmen fehlen, »um wenigstens den Schiedsrichter bezahlen zu können«. Geld wird nämlich neben Eintrittstickets vor allem im Bereich Speisen und Getränke erwirtschaftet.

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