12. März 2020, 07:00 Uhr

Leichtathletik

Familienprojekt Siebenkampf

Mia Haselhorst ist eines der größten Wurftalente im deutschen Leichtathletik-Nachwuchs. Aber auch auf der Tartanbahn ist die Friedbergerin zügig unterwegs. Perfekte Voraussetzungen für den Siebenkampf.
12. März 2020, 07:00 Uhr
Fokus auf das großen Ganze: Mia Haselhorst aus Friedberg ist eine talentierte Werferin, ihr großes Ziel ist aber der Siebenkampf. FOTO: PRIEDEMUTH

Es ist menschenleer in der Leichtathletikhalle in Frankfurt-Kalbach. Fast menschenleer. An diesem regnerischen Dienstagvormittag haben sich nur ein paar Senioren auf dem Weg zum Gesundheitssport auf das Areal verirrt - und Mia Haselhorst. Sie hat schulfrei, denn in diesen Tagen erreicht die Karnevalszeit ihren Höhepunkt. »Ich verkleide mich aber nicht so gerne«, sagt sie.

Also hat die 16-jährige Friedbergerin ihr gewohntes Outfit, die Trainingsklamotten der LG Eintracht Frankfurt, übergestreift und sich zum Training aufgemacht. Haselhorst ist nicht nur eines der größten Wurftalente in Deutschland, sie kann auch ziemlich gut sprinten und springen. Beste Vorrausetzungen für eine Siebenkämpferin also. Um ihr Talent intensiver zu fördern, ist sie 2017 vom TSV Friedberg-Fauerbach zur Eintracht gewechselt.

Als Sechsjährige steigt Haselhorst in die Leichtathletik ein. Ihre erste Trainerin: Mama Stefanie. »Werfen ist schon immer ihr Ding gewesen«, sagt die 45-Jährige, die selbst für die LG Eintracht im Wurfring gestanden und der Tochter das »Werfer-Gen« vererbt hat. »Mia ist quasi auf dem Sportplatz groß geworden«, sagt sie lachend. Ihre Tochter ist auch auf der Tartanbahn ziemlich gut unterwegs. »Es war nichts dabei, dass ich nicht gut konnte. Und ich habe immer alles unter einen Hut gebracht«, sagt die 16-Jährige.

Im vergangenen Jahr sammelte Haselhorst - neben diversen anderen Landesmeisterschaften - bei den hessischen Blockmehrkampfmeisterschaften im Wurf der U 16 2867 Punkte. Platz zwei in Deutschland. In der ewigen Bestenliste Hessens steht nur Siebenkampf-Olympia-Teilnehmerin und Vereinskollegin Carolin Schäfer über ihr. »Das hat mir schon gezeigt, dass ich es im Siebenkampf schaffen kann«, sagt Mia Haselhorst über den Vergleich mit ihrem Vorbild.

Seit diesem Jahr startet Haselhorst in der U 18, der Wechsel in die nächsthöhere Altersklasse hat für sie aber kein Problem dargestellt: »Es ist auch mal ganz gut, nicht immer alles zu gewinnen. Wenn der Wechsel zu den Frauen kommt, ist man auch nicht mehr nach Altersklassen aufgeteilt, so gesehen ist es eine gute Vorbereitung«, sagt sie. Dieser Satz bringt ihre Persönlichkeit ziemlich gut zum Ausdruck. Die 16-Jährige weiß genau, was sie kann. Sie hält sich auch nicht zurück, dass zu sagen, wirkt dabei aber keinesfalls überheblich, sondern hat einen realistischen Blick auf die Lage der Dinge.

Bei den süddeutschen Meisterschaften der U 18 im Januar in Sindelfingen wurde sie Vierte über 60 Meter Hürden, bei den deutschen Wurfmeisterschaften in Neubrandenburg Sechste (Hammer) und Neunte (Speer) - obwohl sie sich nach langer Verletzungspause noch lange nicht auf dem Maximum ihrer Leistungsfähigkeit sieht.

Für das große Ziel Siebenkämpferin wird sie vier Mal pro Woche von Mama Stefanie oder Papa Jens nach Kalbach gefahren. »Die Bedingungen sind hier top, ich kann die Halle jeden Tag nutzen«, sagt Mia Haselhorst. Zudem schiebt sie hin und wieder eine Wurfeinheit im Bad Nauheimer Waldstadion ein, wo sie unter Anleitung von Wolfgang Scheunemann trainiert. »Ihn kenne ich schon aus meiner aktiven Zeit. Seine Unterstützung ist Gold wert«, sagt Stefanie Haselhorst.

Die Woche ist extrem durchgeplant. »Es ist ein Familienprojekt. Würden wir nicht sonntags zusammen am Tisch sitzen und die Woche planen, wäre das alles nicht zu packen«, sagt Stefanie. Dazu kommen die Fahrten zu Wettkämpfen an den Wochenenden, zum Beispiel kürzlich zu den deutschen Winterwurf-Meisterschaften nach Neubrandenburg. Die Eintracht-Athleten reisten zwar mit dem Flieger an, doch der Transport von Speer und Hammer war mit dem Auto deutlich kostengünstiger. Also ist Stefanie Haselhorst die rund 1500 Kilometer quer durch Deutschland gefahren.

Der Zusammenhalt innerhalb der Familie ist riesig. Der Wechsel an ein Sportgymnasium war zwar mal Thema bei den Haselhorsts, aber die Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt bietet kein Latein an, die Zehntklässlerin hätte in Rekordzeit Französisch lernen müssen. »Außerdem bin ich lieber zu Hause als im Internat«, sagt Haselhorst. So kann sie nach hohen Belastungen auch mal im Usa-Wellenbad oder beim Joggen mit der Mama den Kopf frei bekommen.

Auch bei Wettkämpfen baut Haselhorst auf die Unterstützung der Eltern. »In der Leichtathletik bist du Einzelkämpfer, du musst schauen, wo du bleibst. Und wenn du vorankommen willst, ist die Unterstützung der Familie enorm wichtig«, sagt die Mama.

Das galt auch für die quälend lange Zeit, in der die 16-Jährige verletzungsbedingt kürzer treten musste. Viele Talente sind schon auf der Strecke zurückgeblieben, weil sie nicht auf ihren Körper gehört haben. »Es geht immer vorwärts, und auf einmal wirst du ausgebremst. Damit musst du umgehen können«, sagt Stefanie Haselhorst.

Solides Fundament

Das hat ihre Tochter, die immer hundert Prozent geben will, lernen müssen. »Wenn irgendwo etwas zwickt, schalte ich einen Gang zurück, auch wenn es mir schwerfällt, mal nur mit halber Kraft zu trainieren. Ich möchte aber im Aktivenbereich erfolgreich sein, nicht in der Jugend«, sagt sie. In diesen Momenten wirkt sie nicht wie eine 16-jährige Schülerin, sondern wie eine erfahrene Athletin. Für das solide Fundament, dass ihr die Eltern und das Umfeld gegossen haben, ist Mia »extrem dankbar«.

Die Zehhntklässlerin zahlt es zurück, mit sportlichem Erfolg, aber auch mit guten Leistungen in der Schule. Die Hausaufgaben erledigt sie direkt nach dem Heimkommen, »manchmal schiebe ich auch einen trainingsfreien Tag ein, wenn es viel zu lernen gibt«, sagt Haselhorst. Und so, das stellt auch Mama Stefanie fest, »klappt das ganz gut«. Einziges Manko: In der Oberstufe würde die Zehntklässlerin gerne einen Sport-Leistungskurs belegen. Dazu müsste sie aber von der Friedberger Augustinerschule ans Burggymnasium wechseln.

Das Trainingslager in den Osterferien in der Toskana mit dem »Nachwuchs Elite Team« der Eintracht fällt zwar dem Corona-Virus zum Opfer, aber spätestens Ende Juli will Haselhorst bei den deutschen Nachwuchsmeisterschaften in Ulm ihre Bestleistungen mindestens bestätigen. »Im kommenden Winter fange ich wieder mit dem Sprung an, dann peile ich den Siebenkampf an«, sagt Mia Haselhorst. Sie sagt es eher beiläufig, aber der Ehrgeiz sprudelt voller Kraft mir heraus. Für Mia Haselhorst geht es jetzt erst richtig los.

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