05. Dezember 2019, 12:00 Uhr

TAG DES EHRENAMTES

»Jeder ist wichtig«

Der 5. Dezember ist der internationale Tag des Ehrenamtes. In Hessen engagieren sich 192 000 Menschen ehrenamtlich in Sportvereinen, Petra Lerch von der SU Nieder-Florstadt steht stellvertretend für vielen von ihnen. Sie spricht über Motivation, Hürden und hat eine spannende Theorie.
05. Dezember 2019, 12:00 Uhr
In ihrem Element: Petra Lerch unterstützt Flynn, Olivia und Marie bei der Entdeckung ihrer Beweglichkeit. Foto: Nici Merz

Es ist ein ziemliches Gewusel in der Sporthalle in Nieder-Florstadt. Die Drei- bis Vierjährigen haben sich gerade eine Stunde lang auf den verschiedensten Geräten ausgetobt, da kommt schon die nächste Gruppe hereingestürmt. Diesmal sind die Kinder bis zu sieben Jahre alt. Alltag bei der Sport-Union (SU) Nieder-Florstadt. Mittendrin steht Petra Lerch, die sich extra Zeit genommen hat, obwohl sie die Gruppen eigentlich nicht leitet. Die 49-Jährige ist trotzdem da, für sie ist es eine Selbstverständlichkeit. Und genau das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

Lerch ist eine von 192 000 Menschen, die sich in den rund 7600 hessischen Sportvereinen ehrenamtlich engagieren. Ohne sie wäre Breitensport nicht möglich. Es gibt unzählige Geschichten über Vereinsurgesteine, die vom Jugendtrainer bis zum Vereinsvorsitzenden schon alle Positionen im Verein bekleidet haben, die sich bei Vereinsfeiern hinter die Theke gestellt haben und immer da waren, wenn irgendwo im Verein Hilfe gebraucht wurde. Sie sorgen nicht selten seit Jahrzehnten dafür, dass der Betrieb am Laufen gehalten wird.

Lerch ist ein Paradebeispiel für Verbundenheit und Engagement im Sportverein. Als Sechsjährige kam sie in die Kinderturngruppe der SU. »Als ich 15 Jahre alt war, wurde ich gefragt, ob ich eine Helferausbildung machen möchte. Das war im Oktober 1985«, erzählt sie. Es war der Beginn von nunmehr 34 Jahren Funktionärstätigkeit bei der SU. Lerch übernahm selbst eine Kinderturngruppe, nach ihrer Schwangerschaft rund um die Jahrtausendwende rief sie passenderweise eine Eltern-Kind-Turngruppe ins Leben. »Gerade im jungen Alter kann man so viel bewirken und miterleben«, sagt die Angestellte im IT-Sektor.

Über die Jahre übernimmt sie auch in der Vorstandsarbeit Verantwortung. Aktuell ist die gebürtige Florstädterin Abteilungsleiterin, zwischen 2001 und 2007 war sie sogar Vorsitzende des Vereins, der auch noch eine Musik- und Handballabteilung unterhält, in der ihr Mann Marcus sowie der 16-jährige Sohn aktiv sind. Die 19-jähriger Tochter turnte erst in der SU und wechselte dann zum Reiten.

Lerch will eigentlich nicht ins Rampenlicht gerückt werden, schließlich gebe es allein bei der SU mehrere Ehrenamtler, die teilweise noch länger im Verein sind. Sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen ist typisch für Ehrenamtler wie Lerch und macht sie umso wichtiger für die Gemeinschaft. Wie sehr sie mit jeder Körperfaser ihre Leidenschaft auslebt, merkt man nicht nur an ihrer Vita, sondern auch daran, wie intensiv sie an mancher Stelle nachdenkt, bevor sie antwortet.

Zum Beispiel bei der Frage zur rückläufigen Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren. »Um 15 Uhr hat kaum ein Erwachsener Zeit, eine Turngruppe zu übernehmen«, sagt Lerch. Minderjährige, die nach der Schule Zeit hätten, dürfe sie aber nur einem Erwachsenen zur Seite stellen. Zudem komme das flächendeckende Problem im Breitensport: Geht es in Richtung Schulabschluss oder Berufsausbildung, werde Sport hintenangestellt, sagt sie.

Lerch bringt aber noch einen weiteren, hochspannenden Aspekt ins Spiel: »Manchmal hat man den Eindruck, dass viele Angst davor haben, mit Aufgaben überladen zu werden und sich deswegen zurückhalten. Vielleicht sind wir, die viele Ämter bekleiden, auch abschreckend. Dabei wäre schon eine Stunde pro Woche eine große Hilfe. Jeder ist wichtig, dass der Verein lebt.«

Tage wie der heutige, an dem Politiker das Ehrenamt besonders hervorheben und Verdienstorden verleihen, sind grundsätzlich gut, um die wichtige Arbeit zu würdigen und auf sie aufmerksam zu machen. Ist man auf den Sportstätten der Wetterau unterwegs, hört man aber auch an vielen Stellen von Hürden, die die Politik einen in den Weg stelle. Manchmal geht es um Bürokratie, manchmal um Hallenmieten, die auf den Beitrag umgelegt werden müssen und so den Sportverein für manche zum Luxusgut machen.

Auch Lerch gibt dieser eine Tag, an dem das Ehrenamt im Vordergrund steht, nicht viel. Worüber sie sich viel mehr freut: Im Kinderbereich gibt es derzeit einen Zuwachs bei der SU. »Frühe Bewegung ist für Kleinkinder wichtig. Durch die heutigen Lebensumstände haben sie keine für sie ansprechende Bewegungsfreiheit mehr. Selbst in Seitenstraßen kann man Kinder kaum noch unbeaufsichtigt spielen lassen, so wie es früher der Fall war. Umso wichtiger ist es, den Kindern die Möglichkeit der vielfältigen Bewegung zu geben«, sagt sie. Allerdings geht mittelfristig damit auch wieder ein höherer Bedarf an Betreuung einher. »Ab und an hat man das Glück, dass man ein Elternteil findet, das Zeit und Lust hat«, sagt sie. In diesem Satz schwingt die Hoffnung mit, dass sich daraus vielleicht eine neue Geschichte entwickelt, die irgendwann am Tag des Ehrenamts erzählt wird. Stellvertretend für Petra Lerch und 192 000 andere Hessen.

Der Internationale Tag des Ehrenamtes ist ein jährlich am 5. Dezember abgehaltener Aktionstag zur Anerkennung und Förderung des Ehrenamtes. Er wurde 1985 von der UN mit Wirkung ab 1986 beschlossen. In Deutschland wurde der Tag vorher am 2. Dezember begangen. Heute werden auch Verdienstorden der Bundesrepublik an besonders engagierte Personen vergeben. (esa)

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