23. März 2020, 07:00 Uhr

Coronavirus-Krise

Mit Kreativität und Zuversicht: So kämpft eine Gruppe Friedberger Tänzer gegen das Coronavirus

Die Corona-Krise betrifft auch Sportarten wie das Tanzen. Doch das »1st Cut - Urban Dance Team« aus Friedberg will trotz ernster Lage gleich auf mehreren Wegen kreativ mit der Situation umgehen.
23. März 2020, 07:00 Uhr
Unterwegs in Friedberg für die ehrenamtliche Nachbarschaftsversorgung: Die Gruppe »1st Cut - Urban Dance Team« mit ihren Schülern (hinten, v. l.) Medina Faladzic, Elma Faladzic, Jenny Wolkanowski, Emily Eschweiler, Raik Michael, (vorn, v. l.) Kenneth Villegas, Stina Ziegler, Ousman Conteh, Juri Scheuermann, Angelos Berber und Malte Blumrich.

Friedberg - nicht Frankfurt«. Dieser Slogan zierte eine Zeit lang die Instagram-Seite von Ousman Conteh. Der Hip-HopTänzer und Tanzlehrer der Friedberger Gruppe »1st Cut - Urban Dance Team« liebt seine Wetterauer Heimat ebenso wie seine sechs Mitstreiter. Und das zeigen sie auch in Krisenzeiten wie der rund um das Coronavirus. Kaum war die Anweisung der Behörden hinsichtlich des Verbots von Veranstaltungen und der Schließung von öffentlichen Einrichtungen und Sportstätten da, rauchten die Köpfe der Tanz-Profis, die neben diversen Podiumsplätzen bei internationalen Turnieren auch schon für große Konzerne wie Lidl, Dior oder Seat oder Hip-Hop-Größen wie Rapper Vega performt haben.

Neue Konzept für Tanzeinheiten im Netz

»Das Coronavirus und die daraus resultierenden Einschränkungen haben uns genauso unerwartet getroffen wie alle anderen«, sagt Conteh. Er und seine sieben Mitstreiter sind allesamt als Tänzer und Tanzlehrer selbstständig, ihre eigene Situation ist also ebenfalls prekär. »Wir müssen jetzt natürlich auf unsere Kosten achten, aber die Situation betrifft uns ja nicht alleine. Wir haben zwar einen gesunden Respekt davor, aber auch Vertrauen und Zuversicht.

Also war statt Trübsalblasen vor allem Kreativität gefragt. Das soziale Miteinander macht viel aus«, sagt Conteh. Doch das sei momentan eben nicht möglich. Die Konsequenz: Drei Tage lang schlossen sich die 1st-Cut-Tänzer im Büro ein, erarbeiteten Konzepte für Online-Kurse und nahmen Videos mit Anleitungen auf. Bereits am Mittwoch dann der Startschuss auf Instagram: In einem Live-Video wurden kostenlos und frei empfänglich erste Inhalte vermittelt, jeden Montag, Mittwoch und Freitag soll es damit weitergehen - auf einem einfachen Level und mit der Möglichkeit, sich im Chat zeitgleich dazu auszutauschen. Bereits beim ersten Mal haben 20 Leute mitgetanzt, teilweise anschließend ihre Ergebnisse wiederum als Video zurückgeschickt. »Wir glauben daran, dass das noch mehr ins Laufen kommt«, sagt Conteh.

Auch Online-Angebote für ambitionierte Tänzer

Für all diejenigen, die noch weniger auf das Tanzen verzichten könnten, gibt es nun ab sofort jede Woche drei weitere Choreographien für drei unterschiedliche Levels (Anfänger, Fortgeschrittene, Profis) als Online-Tutorial - zum Preis von je 10 Euro für eine oder 20 Euro für alle drei Choreographien. So hoffen sie, wenigstens einen Teil ihrer sonst weit über 500 Schüler aus 30 verschiedenen Kursen, die normalerweise Woche für Woche in Friedberg, Bad Nauheim, Gießen, Wetzlar, Bad Homburg, Frankfurt oder Eschborn angeboten werden, zu erreichen. »Wir sind dankbar, dass unsere Schüler die derzeitige Situation verstehen und sie auch annehmen«, sagt Conteh, der aber nach Ende der Corona-Krise in jedem Fall wieder den persönlichen Unterricht vorzieht.

Neben dem Kursbetrieb sind auch viele Auftritte und Wettbewerbe, die ebenfalls einen wichtigen Teil des 1st-Cut-Einkommens ausmachen, abgesagt oder verschoben wurden, darunter das größte Tanz-Festival der Welt, »Juste Debout« in Paris, auf dass sich Conteh und sein Tanzpartner seit Monaten vorbereiten. Doch auch hier hat die Crew gleich mit positiver Energie reagiert und zwei Hilfsangebote für Betroffene aus der Taufe gehoben: einen Einkaufsservice und eine Kinderbetreuung. Dafür haben sie über 15 000 Flyer in Friedberg und allen Ortsteilen ausgetragen, denn »wie will ich die Menschen, die unsere Hilfe größtenteils brauchen, sonst erreichen?«, fragt Conteh. »Die sind sicher nicht Follower unserer Instagram-Seite.

Besondere Hygienemaßnahmen vor allem gegenüber Menschen außerhalb der Gruppe

Die ersten Rückmeldungen waren in jedem Fall positiv: Bereits nach vier Stunden hatten sie zwei Aufträge zum Einkaufen - ein 90-Jähriger aus Fauerbach und ein Paar aus Friedberg - sowie die Betreuung von vier Kindern einer Friedberger Familie, deren Eltern arbeiten müssen. »Das war super erfolgreich und zeigt uns, dass wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, alles nicht so dramatisch ist. Das sollte gerade in einer Kleinstadt wie Friedberg kein Problem sein«, meint Conteh, der sich Nachahmer in der Bevölkerung erhofft.

Andererseits weiß er aber auch: Derlei Angebote sind gerade als Gruppe auch nicht ganz ohne Risiko. »Natürlich könnten wir so das Virus auch verteilen. Deshalb gehen wir einfach davon aus, dass wir es alle haben - und verhalten uns unserer Umwelt gegenüber entsprechend, auch wenn das vielleicht erst einmal makaber klingt«, sagt Conteh. »Und deshalb wünschen wir uns, dass auch alle anderen die Empfehlungen hinsichtlich Hygiene und Distanz gegenüber Mitmenschen einhalten.« Und das gilt auch für die Tanzschüler, die die Aktionen der Gruppe unterstützen. Denn: »Wenn wir uns jetzt alle an die Empfehlungen halten, können wir noch einen schönen Sommer zusammen haben. Dafür müssen wir uns aber jetzt alle richtig verhalten.« Auf Zustände, wie denen in den Erfahrungsberichten eines befreundeten Tänzers aus Italien, in dessen Nachbarschaft nicht mehr alle Erkrankte im Krankenhaus behandelt werden können, könne er getrost verzichten. »Das ist wirklich schlimm.«

Positive Botschaft an alle

Seine Botschaft für die kommenden Wochen: »Bleibt aus Rücksicht auf andere zu Hause, aber bleibt in Bewegung, bereichert euch an Dingen, die euch möglich sind, lest ein gutes Buch oder ruft Leute an, von denen ihr lange nichts gehört habt, tut also Dinge, die gute Laune machen und die euch unterhalten - und schaut dabei auch mal nach links und nach rechts.«

Wer Unterstützung beim Einkaufen, der Kinderbetreuung oder anderen Besorgungen benötigt, kann sich per E-Mail an info@1stcut.de , per Telefon an 01 77/2 46 54 09 oder über die Facebook-Seite der Gruppe an das »1st Cut - Urban Dance Team« wenden.

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