12. Oktober 2019, 12:00 Uhr

Türk Gücü Friedberg

Türk-Gücü-Trainer Carsten Weber im Interview: »Ein Team entsteht auf dem Platz«

Türk Gücü Friedberg spielt sein zweites Jahr in der Hessenliga, für Trainer Carsten Weber ist es seit Sommer die erste Station im hessischen Fußball-Oberhaus. Grund genug für ein Interview.
12. Oktober 2019, 12:00 Uhr
Für Carsten Weber ist Türk Gücü Friedberg die erste Trainerstation in der Hessenliga. (Foto: Keßler)

Genau zwei Minuten vor dem verabredeten Zeitpunkt ist Carsten Weber im »Bistro« in Ober-Rosbach. Das, was er erwartet, lebt der 35-Jährige, der im Sommer den Fußball-Hessenligisten Türk Gücü Friedberg übernommen hat, selbst vor. Vor dem Spiel beim TSV Eintracht Stadtallendorf am Samstag (14 Uhr) steht das Team mit 16 Punkten und 17:17 Toren nach zwölf Spielen auf Rang neun - ein solider Platz. Im Interview verrät Weber, was er verbessern möchte, was die Hessenliga für ihn bedeutet, und welche Erwartungen er an seine Spieler hat.

Herr Weber, wie ist Ihre Zwischenbilanz nach gut einem Drittel der Saison?

Carsten Weber: Wir haben eine völlig ausgeglichene Bilanz, aber da waren Spiele dabei, die wir sicherlich hätten gewinnen müssen. Die Niederlagen waren zu einem gewissen Maß vermeidbar, denn wir waren bis auf einer halben Stunde in Kassel immer wettbewerbsfähig. Andererseits hatten wir auch Spiele, die wir spät gewonnen haben. Insgesamt ist es also bislang solide.

Wie sehen Sie Verein und Mannschaft in der Hessenliga aufgestellt?

Weber: Wir haben nicht die klassische Hessenliga-Struktur, wenn man das mit unseren Kontrahenten vergleicht, die teilweise fast Profibedingungen haben. Da ist die Liga dramatisch weit auseinander. Wir sind ein kleiner Verein, daher ist es vom Arbeiten her für mich im Vergleich zur Verbandsliga kaum ein Unterschied. Natürlich ist es noch mehr Vor- und Nachbereitung und die Gegner haben noch einmal eine andere Qualität. Nichtsdestotrotz spielen wir alle in einer Spielklasse, in der ich an jedes Spiel die Erwartung habe, zu punkten. Wir sind in einer Art Übergangsjahr, in dem es letztlich darum geht, so früh wie möglich die Klasse zu halten, um mit den Planungen für die neue Saison beginnen zu können. Gleichzeitig geht es darum, an den Strukturen zu arbeiten und uns dort zu verbessern.

Trotz allen Unterschieden haben Sie einige Spieler geholt, die schon höherklassig gespielt haben. Wie sind die Perspektiven für einen Verein wie Türk Gücü Friedberg?

Weber: Wir wollen uns perspektivisch in der Hessenliga etablieren, haben aber gerade in Sachen Infrastruktur ohne eigenen Platz nicht die Voraussetzungen dafür. Letztlich geht es aber darum, dass jeder Verein die besten Spieler will, und es Kriterien für Spieler gibt, warum sie wohin wechseln. Wir müssen also Dinge kreieren, die uns interessant machen: Umfeld, Bedingungen, Fans. Hier müssen wir Schritt für Schritt wachsen und den Spielern gleichzeitig das Gefühl geben, seriös mit ihnen zu arbeiten - und eben möglichst nah am Profibereich arbeiten. Je besser man in diesen Dingen ist, desto weniger Geld muss man für Spieler in die Hand nehmen. Das ist bei uns ein Prozess, der noch Jahre dauern wird - und in unserem Fall auch davon abhängt, irgendwann an einem Standort heimisch werden zu können. Dennoch kann man nicht immer nur meckern, sondern muss solche Bedingungen auch zu einem gewissen Maß zu seinem Image machen, gleichwohl es natürlich angegangen werden muss.

Wie sieht’s sportlich aus?

Weber: Wir haben sehr talentierte Spieler, aber wir sind aktuell noch keine gute Mannschaft. Wir haben ein Gefälle zwischen Spielern mit sehr guter Ausbildung oder höherklassiger Erfahrung, die auch einen gewissen Anspruch haben. Sie gilt es einzufangen, aber gleichzeitig nicht zu sehr einzubremsen. Wir müssen noch viel lernen bei eigenem Ballbesitz, bei der Bewegung im Raum und eben auch das Wir-Gefühl in einem relativ großen Kader mit vielen jungen Spielern, die erst spät zusammengekommen sind. Wir sind jetzt gerade an dem Punkt, an dem sich herauskristallisieren muss, wer versteht, dass die Probleme, die wir haben, elementar sind, um bessere Fußballer aus ihnen zu machen. Da wird sich zeigen, wer daran wirklich arbeiten möchte.

Was tun Sie, um aus Ihren Spielern eine Mannschaft zu formen?

Weber: Gezielt mache ich das ehrlich gesagt nicht. Natürlich machen wir mal Wettbewerbe im Training oder kooperative Elemente, aber ein Team entsteht letztlich auf dem Platz. Dann kristallisiert sich heraus, wer vorangeht und wer sich unterordnen kann. Dazu braucht man aber mal einen späten Sieg, mal eine späte Niederlage, viele Gespräche und mit viel Zeit gibt das alles dann eine Mannschaft. Trotzdem wird es immer Spieler geben, die sich dort nicht einordnen. Das werden aber die sein, die nächstes Jahr wieder bei einem anderen Verein spielen.

Wie sind Sie bei Türk Gücü Friedberg aufgenommen worden?

Weber: Es ist extrem familiär, sehr respektvoll und höflich, insgesamt also sehr angenehm. Hier ist man für vieles sehr aufgeschlossen. Es wird von einem aber im Gegenzug dasselbe erwartet - inklusive einer gewissen Demut. Das entspricht meinem Charakter. Ansonsten läuft andere Musik, es gibt anderes Essen - und manchmal verstehe ich meine Spieler nicht, wenn sie sich unterhalten, aber das passt schon (lacht). In der Außendarstellung kämpfen wir mit Vorurteilen von etablierten Teams, mit einer gewissen Ausländerfeindlichkeit und natürlich auch mit Neid. Ich kann über die Menschen und den Verein aber absolut nichts Negatives sagen.

Der Pressesprecher von Türk Gücü Friedberg hat von einem »Kulturschock« gesprochen, als Sie hierher gekommen sind. Wie viel Überraschung war für Sie dabei?

Weber: Teilweise war es schon eine gewisse Überraschung, da ich bei dem einen oder anderen Spieler davon ausgegangen bin, dass er mehr über Fußball weiß. Was aber noch viel wichtiger ist als Wissen, ist die Auseinandersetzung mit der Thematik. Hier habe ich einen hohen Anspruch an meine Spieler. Ich erwarte von ihnen, dass sie nicht nur ins Training kommen und meine Inhalte konsumieren, sondern dass jeder versucht, es zu verstehen, umzusetzen und auf Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Ich bin - und das war ich schon immer - sehr akribisch. Ich bereite mich vor, mache Videostudium, überlege mir das Training oder die Taktik für das Spiel und sorge für klare Abläufe. Das hat natürlich auch mit professionellen Strukturen zu tun. Aus diesem Grund hat es mich beispielsweise überrascht, dass in der Vorbereitung so viele Spieler im Urlaub waren - das kannte ich nicht. Und für solche Selbstverständlichkeiten haben wir inzwischen ein paar Regeln eingeführt, weil es so nicht funktioniert hat.

Was ist das Ziel Ihres Trainings?

Weber: Mein persönliches Ziel ist es, jedem Spieler eine gewisse Wertschätzung entgegenzubringen und ihm die Bedingungen zu geben, dass er sich persönlich und fußballerisch weiterentwickeln kann, weil ich der Meinung bin, dass sich über diesen Weg auch die Teamleistung verbessert. Ich habe inzwischen meinen eigenen Stil entwickelt. Ich versuche, viele kognitive Elemente ins Training einzubauen, dass die Spieler sich mit Fußball auseinandersetzen. Ansonsten bin ich sehr kommunikativ, sozial und fair, aber eben auch perfektionistisch und ehrgeizig. Am Ende will ich zwar jeden Fußballer besser machen, aber dafür muss er auch gewillt sein, mir zuzuhören und das, was ich ihm sage, auch umzusetzen versucht. Aber das ist eine Einstellungssache.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor diesen Hintergründen vor?

Weber: Zunächst einmal ist das hier ein Riesending für mich. Es ist überragend, weil es mein Einstieg in die Hessenliga ist. Ich fahre eine knappe Viertelstunde ins Training, fühle mich wohl, komme mit den Leuten gut aus und habe das Gefühl, dass hier Ideen umgesetzt werden. Es kann im Moment wenig Besseres geben. Letztlich muss das aber der Verein entscheiden - und auch meine Frau, die das mitträgt und mich unterstützt, denn derzeit ist das von der Arbeitsbelastung mit voller Lehrerstelle schon ein Brett. Da kommen schon mehr als 70 Stunden pro Woche zusammen.

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